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Fest-Bericht über die im Schoße der Rechnitzer isr. Kultusgemeinde am 9. und 10. Mai 1896 abgehaltenen Milleniums-Feierlichkeiten [1].

Joachim Heitler, Rechnitz

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Die ungarische Nation feiert heuer ein seltenes, eines der erhabensten Feste im Leben der Völker: den tausendjährigen Bestand des Vaterlandes.

Ein unendliches Hochgefühl schwellt die Brust jedes einzelnen Bewohner des Vaterlandes im Hinblicke auf die an traurigen, aber auch beglückenden historischen Ereignissen reiche Geschichte Ungarns, das aus kleinen Anfängen, durch tausende, seinen Fortbestand bedrohender Gefahren sich durchkämpfend, zufolge seiner gewaltigen Fortschritte auf allen Gebieten der Industrie, Kunst und Wissenschaft zu einem der angesehensten, von der ganzen civilisirten Welt hochgeschätzten Lande sich entwickelt, und das mit gerechtem Stolze und inniger Befriedigung auf seine großen, staunenerregenden Errungenschaft, seine Machtstellung im europäischen Staatenverbande blickt.

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Der ungarische Jude hat selbst zur Zeit, als mittelalterliche Anschauung und religiöse Vorurteile ihn zu einer traurigen und demütigenden Ausnahmsstellung verurtheilten, und geistige Nebel den klaren Sonnenblick religiöser Duldung und Freiheit verdüsterten, treu zum Vaterlande gehalten, es geliebt, und ist, wenn auch von der Mutter als Stiefkind betrachtet und behandelt, mit Gut und Blut für dasselbst eingestanden, hat für dessen Großstellung mitgekämpft, so daß die ritterliche Nation zur Erkenntnis gelangte, daß ein Kind, das seiner gemeinsamen Mutter in solch selbstloser, aufopferungsvoller Weise ergeben, auch die gleichen Rechte der anderen Kinder des Landes genießen müsse.

Bildung und Aufklärung, die Forderung des Zeitgeistes, riss eine Schranke nach der anderen, ein Hindernis nach dem anderen nieder, der ungarische Jude rückte schrittweise aus der Finsternis dem goldenen Lichte der Gleichberechtigung zu, bis endlich auch die weise, humane und auf der Höhe der Zeit stehende Gesetzgebung, gleichsam als Krönung des Werkes, und damit die Sonne des glorreichen Jahres 1896 nur in jeder Hinsicht freie, gleiche Jubelbürger bescheine, die jüdische Religion in die Reihe der vor dem Gesetze gleichberechtigten Religionen des Landes aufnahm: die Reception der Juden aussprach, und dieses deutwürdige Gesetz auch die Sanction unseres geliebten Königs erhielt.

Darum schlägt das Herz jedes ungarischen Juden in heißer Liebe für König und Vaterland, fühlt mit allen Herzensfasern dessen Freuden und Leiden und ist jeden Augenblick bereit, Gut und Blut auf den heiligen Altar des Vaterlandes niederzulegen.

Ein Jubel unbegrenzter Begeisterung durchbraust das Vaterland von den Karpathen bis zur Adria, und Stadt und Land wetteifern in würdiger Kundgebung der jede Brust erfüllenden Gefühle des Dankes zu Gott, der das schöne Ungarn, während andere Völker im Laufe der Zeit vom Weltschauplatze verschwanden, so groß und mächtig werden ließ, und in diesen Jubelruf tönt harmonisch der Gefühlsausdruck tausender freier, gleichberechtigter Juden, denen ihre Liebe zur Mutter nicht mehr zum Vorwurfe gemacht, nicht mehr als Zudringlichkeit bezeichnet werden wird.

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Österreichisches Jüdisches Museum in Eisenstadt, 2005-2017