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Jüdische Speisegesetze [1].

Johannes Reiss, Eisenstadt

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Begriffsdefinitionen und Grundsätzliches.

Abgrenzung von ›rein – unrein‹, ›koscher‹ und ›Kaschrut.

»Ist das koscher?« »Das scheint mir nicht ganz koscher zu sein!« (Zitat Volksmund) - Wer hat diese Sätze nicht schon des Öfteren im Alltag gehört? Was heißt das Wort ›koscher‹ aber wirklich? Die Verwendung in unserer Alltagssprache ist von der ursprünglichen Bedeutung des Wortes gar nicht so weit entfernt. Im Hebräischen bedeutet das Wort kascher ›tauglich‹, ›rituell erlaubt‹, ›rein‹, ›gemäß der Vorschrift‹ (vor allem auf Speisen bezogen), aber auch ›wertvoll‹, ›ehrenhaft‹ (auf Personen bezogen). Das Wort bezeichnet zudem rituelle Gegenstände, die gemäß den jüdischen Geboten hergestellt wurden und für den Ritus verwendbar sind. Dieser Bereich soll hier aber komplett ausgeklammert werden, wenngleich er für eine Gesamtdarstellung der Koscher-Problematik ungemein wichtig wäre.

Leipziger Gebetbuch - Zur Großansicht[D]

Bild: ›Reine‹ Tiere.
Leipziger Machsor, 14./15. Jh.
Großansicht 45 KB.

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Unter dem Begriff Kaschrut (hebräisch; ›Tauglichkeit‹, ›rituelle Eignung‹) versteht man die Gesamtheit jüdischer Speisegesetze. Im Unterschied dazu wird das Wort tahor (hebräisch; ›rein‹, ›lauter‹, ›kultisch rein‹) für das Tier selbst verwendet und seltener mit Speisen und Getränken in Verbindung gebracht.

Die beiden Begriffe sind somit nicht austauschbar. Es kann z. B. eine Speise koscher zubereitet werden und dennoch verunreinigt sein, oder umgekehrt, ein Tier kann rein sein, aber unkoscher zubereitet werden.

Koschere Küche bezeichnet keinen eigenen Kochstil wie etwa die chinesische oder italienische Küche. So können z. B. chinesische Speisen durchaus koscher und traditionelle jüdische Speisen unkoscher angerichtet werden. Bei der Entwicklung der Speisegesetze sieht man besonders gut, wie sehr Religion den Alltag durchdringt und scheinbar Profanes wie Essen und Trinken religiöse Dimensionen erhält. Am besten sichtbar wird dies beim Schabbat- und Pessachmahl, bei denen das Essen zu einem religiösen Akt und der Tisch zum Altar Gottes wird. Hier wird ein gewöhnlicher biologischer Vorgang in die Dimension des Heiligen erhoben.

Wie im Laufe der Tagung (es handelt sich um die schriftliche Fassung eines in Trier gehaltenen Referates; Anm. d. R.) dargestellt wurde, beeinflussen viele Religionen die Art der Ernährung ihrer Gläubigen. Faktum aber ist, und dies wird völlig wertfrei vermerkt, dass keine dieser Religionen eine solche Fülle an Speisevorschriften hervorgebracht und die Essensgewohnheiten ihrer Gläubigen an so viele Bedingungen geknüpft hat wie das Judentum.

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Die Sicht der Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahre 587 v. d. Z. sowie des darauf folgenden Exils in Babylon (bis 539 v. d. Z.) als göttliches Gericht hatte die Besinnung auf vor allem drei entscheidende biblische Grundgebote zur Folge: Die Einhaltung des siebenten Tages als vollkommener Ruhetag (Schabbat), die Beschneidung und die Speisegesetze sollten nicht nur Israel in Brauchtum und Lebensweise von seiner jeweiligen Umgebung unterscheiden, sondern vor allem zum Garanten für Israels eigene Existenz werden. [1].

Mit der Einhaltung dieser Gebote war auch der Rahmen geschaffen, der dem späteren Judentum die Möglichkeit gab, seinen Erwählungsauftrag zu erfüllen und sein Überdauern in der Geschichte zu erleichtern. Zahlreiche Bräuche - darunter z. B. das Verbot des Schweinefleisches - hatten in Verfolgungszeiten eine Bekenntnisfunktion erhalten und dienten seither zusammen mit dem übrigen Brauchtum der Selbstabgrenzung, um so wirkungsvoller gegenüber dem Sog der Umweltreligionen und Umweltkulturen: In vielen Bereichen verboten sie den sozialen Kontakt mit den Nichtjuden entweder ganz oder schränkten ihn doch zumindest ein.

Die Abschirmung gegenüber der andersgläubigen - nach damaliger (antiker und mittelalterlicher) Auffassung ›ungläubigen‹ - Umwelt war selbstverständliches Anliegen aller Religionsgemeinschaften, also auch des Islam und des Christentums. Was das Judentum davon unterscheidet, ist nicht nur der Umfang des Brauchtums, sondern auch dessen Motivierung, die mit der theologischen Wertung der Tora als Weltgesetz und somit als einzig richtiger Lebensordnung zusammenhängt.


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Österreichisches Jüdisches Museum in Eisenstadt, 2005-2017