Großmutters Dorf

Fast auf den Tag vor 116 Jahren beschrieb ein Journalist des Pester Lloyd, wie er im Sommer jährlich der großstädtischen Hitze entfloh und zu seiner Großmutter in eine der ehemaligen jüdischen Gemeinden des Burgenlandes (damals natürlich noch Westungarns) reiste, näherhin in ein “armseliges, weltvergessenes Dorf”, das einst “eine reiche, blühende Ortschaft, die reichste und angesehenste unter den sieben Gemeinden [war]“.

Bedauerlicherweise nennt der Autor keinen Namen der jüdischen Gemeinde und wir können nur raten, in welcher der weltberühmten Sieben-Gemeinden des heutigen Burgenlandes er seine Großmutter besuchte … und wir sind ziemlich sicher, dass es sich um Lackenbach handelt.

Der Text gibt einen bemerkenswerten Einblick in Glanz und Elend, in Alltag und Feiertag einer jüdischen Landgemeinde im ausgehenden 19. Jahrhundert.

Pester Lloyd

Samstag, 27. August 1898, Nr. 205

Alljährlich im Sommer, wenn die nervenzerstörende Städtegluth allzu schmerzlich auf mir zu lasten begann, fuhr ich in ein armseliges, weltvergessenes Dorf, um meine Großmutter, welche nicht mehr fern von ihrem hundertsten Lebensjahr stand, zu besuchen. Sie hatte eine so herzliche Freude, wenn ich kam, und nur einen Vorwurf hörte ich oft von der fast Hundertjährigen: daß ich alt werde, gar so alt.

Ja, wer so jung hätte bleiben können wie die Großmutter, die in lebhaften Farben den Herzog von Reichstadt schilderte, den sie bei ihrem letzten Aufenthalte in Wien gesehen, und die mir erzählte, was für schönes Taffetkleid sie von ihrem Vater erhalten, als sie mit ihm im Jahre 1814 in Wien gewesen. Und dann ging Großmutter an die Arbeit: räumte ihr Zimmer auf, welches sie seit fast achtzig Jahren bewohnte, fütterte die Hühner, reinigte das Gemüse, war bald in ihrer Stube, bald im Geflügelhofe, überwachte die Cousine, daß trotz meines Aufenthaltes nicht zu viel Eier verschwendet werden, nörgelte hier, verbesserte dort, machte auch gelegentlich einen ganz netten, kleinen Skandal, wenn die Magd nicht genau nach ihrer Weisung handelte, und Mittags erschien sie nett und adrett in ihrem einfachen Kleide, mit der blühend weißen Haube bei Tische; nirgends ein Fältchen, nirgends ein Stäubchen: ein gutes altes Großmütterchen aus der guten alten Zeit.

Jüdischer Friedhof Lackenbach, 2014

Großmutter hatte sich tapfer gehalten, allein ihr Heimathsdorf ist inzwischen alt geworden und verfallen. Manches der kleinen Häuschen gleicht nur mehr einer Ruine; ungehindert dringen Sonnenschein und Regen durch das Dach; manches ist von seinen Bewohnern gänzlich verlassen worden und steht nun verwaist mitten im Dorfe; die Fensterflügel hängen lose in ihren Rahmen, die Thüren sind herausgerissen, die Balken streben zur Erde, und Mörtel und Ziegelsteine liegen vor der Schwelle, welche in besseren Zeiten fröhliche Menschen betraten.

Einst, vor vielen Jahren, war Großmutters Heimathsdorf eine reiche, blühende Ortschaft, die reichste und angesehenste unter den sieben Gemeinden, welche in unduldsamen Zeiten auf den Gütern der Fürsten Esterházy gegründet wurden. Handel und Verkehr standen in hoher Blüthe, an den Feiertagen wimmelte die ‘Gasse’ von reich und festlich gekleideten Leuten; die Frauen, wenn sie Kopf an Kopf gereiht am Neujahrstage in der Synagoge saßen, glänzten von Gold und Seide, die Männer spendeten vor der Thora hohe Summen zu wohlthätigen Zwecken, und mancher angesehene Mann, so der Stammhalter der Barone Schey, nahm von hier seinen Ausgang, um dann in der Welt ob seines Ranges und seiner vielen Millionen beneidet zu werden.

Das ist längst vorbei, längst! Die Eisenbahnen haben den Verkehr abgelenkt; die einiges Vermögen zusammenraffen konnten, sind fortgezogen in große Städte, und blos die armen Teufel, welche der Hunger bannt, sind an der heimathlichen Scholle haften geblieben. Die kostbaren Plätze in der Synagoge, wo sich einst die reichen Handelsherren breit machten, sind werthlos geworden und werden von armen Dorfgehern benützt, und die ‘Gasse’, wo einst fröhliches Leben geherrscht, weist nun auch an Feiertagen nur mehr wenige Leute auf; Alles ist anders geworden, als es einstens war; nichts erinnert mehr an Glanz und Reichthum, und nur in dem großen Friedhof am stillen Anger draußen herrscht ein beredtes Schweigen von einstiger Größe, von einstigem Ansehen.

Verkümmert und verfallen wie das Dorf, sind auch seine Bewohner. Mit schweren Packen beladen ziehen die Männer an Wochentagen in die umliegenden Dörfer hinaus, um für die Ihrigen Brod zu suchen; keuchend wandern sie durch Wald und Thal, arme verspottete Juden, während ihre Frauen daheim die Wirthschaft besorgen, eine arme, armselige Wirthschaft, in welcher es zumeist am Nothwendigsten gebricht, wo die zahlreichen Kinder nicht selten hungernd zu Bette gehen.

Die Armuth der Bewohner liegt auf dem Dorfe, liegt als Wiederschein in der Luft. Alte, uralte Erinnerungen aus dem düstern Mittelalter beschleichen bei diesem Anblick das menschliche Herz; alle Erinnerungen an Menschenhaß und Racenhaß, an kummervolle, angsterfüllte Gesichter, an flüchtende, gehetzte, verspottete Kinder Israels.

‘Aber jeden Freitag Abend,
In der Dämm’rungsstunde, plötzlich
Weicht der Zauber und der Hund
Wird auf’s Neu‘ ein menschlich Wesen.’

In der Lackenbacher Judengasse, um 1920

Ja, wenn der Sabbath herantritt, dann verwandelt sich der arme, in Lumpen gehüllte Dorfgeher in ein menschlich Wesen, in einen glänzenden zauberhaften Prinzen. Sabbath ist es, der Tag des Herrn, und selbst die düstere Schwere, welche in der Luft lag, ist verflüchtigt. Heiterer, milder, feiertägiger Sonnenschein lächelt auf das Dorf hernieder, beleuchtet mit hellem Lichte die verfallenen Häuser, blickt hinein in die armen verkümmerten Herzen. Sorgen und Mühen, Hohn und Spott der Woche sind vergessen und durch die Gasse schreiten die Männer in ihren guten Gewändern, begrüßen einander in herablassender Weise, halten Cercle vor der Synagoge, debattiren über den Rabbi, und wie der Chason so unverträglicher Natur und mit dem Vorbeter ewig im Hader liegt; erzählen von dem schönen Karpfen, welcher gestern bei dem Vorsteher der Gemeinde gekocht wurde, und treten dann in die Synagoge, um die erbauliche Predigt anzuhören. Und wenn der Vorbeter geendet, eilen sie zum Ausgange und erwarten ihre Frauen, die mit ihren besten Kleidern angethan, bewegt von ihrem innigen Verkehr mit Gott und von allerlei interessantem Klatsch, mit niedergeschlagenen Augen die alte Treppe herunterkommen, das Gebetbuch und das weiße Schnupftuch in den Händen. Und sie erzählen sich auf dem Heimwege, was der Rabbi für ein goldener Mensch sei und wie jedes Wort seiner heutigen Predigt eine Perle, ein Diamant gewesen. Und dann wird das Mittagessen aufgetragen, duftend, daß der Hausherr wonneselig mit der Nase schnuppert und mit einem Schwur bekräftigen würde, was Heine gesungen:

‘Scholet ist die Himmelsspeise,
Die der liebe Herrgott selber
Einst den Moses kochen lehrte
Auf dem Berge Sinai.’

Und am Nachmittag, wenn die Sonne gegen Westen sinkt, da kommen die Mädchen aus den verfallenen Häusern und promeniren stolz am Ufer des Baches entlang; schöne, schlanke Mädchen in Kleidern aus unmodernen Stoffen, die Schleppe zierlich in der Linken tragend, Hüte mit Federn und Blumen auf den Köpfen und zierliche Schleier vor den erröthenden Gesichtern. Armuth und Elend, welche sie die Woche über in den finsteren, niederen Stuben festgehalten, sind abgeschüttelt, majestätisch wandeln sie einher, wie die Edelfräulein im Gefolge der Prinzessin Sabbath. Sie kichern und wispern, lächeln und kokettiren, sie sprechen von Heine und von der Liebe, von Schiller’s Glocke und von Kotzebue’s herrlichen Theaterstücken. Sie haben die Armuth und die Sorgen in den dumpfen Stuben gelassen, und mit dem schönen Kleide haben sie auch die Bildung aus dem Kasten genommen. Sie sprechen fein und zierlich und gewählt, der schauerliche Wochentagsjargon ist verpönt; Blümchen heißt heute Bertha und Vögele Fanchette, und sie fragen sich nicht wie an den armseligen Werkeltagen: ‘Zu was lauft uns der dumme Hirschl alleweil nach?’ sondern sie fragen in regelrechtem Deutsch: ‘Weshalb folgt uns denn dieser einfältige Heinrich fortwährend?’

Und tiefer sinkt die Sonne, tiefer und tiefer. Die armen Mädchen kehren in die kleinen Häuser zurück, still ist die Promenade, still wird die Gasse. Die schwere Luft der Armuth und des Elends legt sich wieder breit und finster auf das Dorf. Die Prinzessin Sabbath ist verschwunden, der schöne Hut, der feine Schleier und die feine Bildung wandern in den Kasten zurück und der arme Jude, der heute in der Synagoge gestanden und stolz durch die Gasse gewandert ist, nun hängen seine Augen trüb an den schweren Packen, mit welchen er in aller Frühe ächzend und keuchend aus seinem Dorf hinauswandern muß und er seufzt und seufzt …

‘Ist ihm doch, als griffen eiskalt
Hexenfinger in sein Herze,
schon durchrieseln ihn die Schauer
Hündischer Metamorphose.’

Max Viola

Zum Autor:
Max Viola (ursprünglich Max Veigelstock), geboren am 29. August 1856 in Szombathely/Ungarn, gestorben am 4. April 1923 in Budapest/Ungarn. War zunächst in der Landwirtschaft tätig, Mitarbeiter mehrerer Zeitungen, ab 1885 bei der Wiener Allgemeinen Zeitung; wurde als politischer Korrespondent nach Budapest geschickt; war Eigentümer des „Budapester Montagsblattes“; Mitarbeiter des “Pester Lloyd”; war nebenbei literarisch tätig und verfasste zahlreiche Novellen, Romane und Gedichte; veröffentlichte u.a. die Verserzählung “D. Birkenheimer” (1898), die Romane “Zweierlei Liebe” (1893), “Die Brüder” (1902) und “Salomon Tulpenthal” (1903) und mehrere Skizzen und Parodien auf Gedichte von Wedekind, Bierbaum und Hofmannsthal.

Aus: Handbuch österreichischer Autorinnen und Autoren jüdischer Herkunft, 18. – 20. Jahrhundert, hrsg. von der Österreichischen Nationalbibliothek, München 2002.

Danke an unsere ehemalige Kollegin Almut L., Israel, für das schöne Fundstück!

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Herzl posthum

Eine Notiz zu seinem 110. Todestag

Gerade einmal 44 war Theodor Herzl, der Übervater des modernen Zionismus, als er im Jahr 1904 im niederösterreichischen Edlach starb – und zwar am 3. Juli, also vor genau 110 Jahren. Beigesetzt wurde Herzl in Wien, auf dem eher beschaulichen Döblinger Friedhof. Über 6000 Menschen, so heißt es, wohnten der Beerdigung bei, die Anlass gab zu “eine[r] Art elementarer, ekstatischer Trauer, wie ich sie niemals vordem und nachher bei einem Begräbnis gesehen” – so die Beschreibung von Stefan Zweig (vgl. und zit. n. Klaus Dethloff (Hg.), Theodor Herzl oder Der Moses des Fin de siècle. Wien u.a. 1986, Einleitung, S. 47; vgl. hier und weiters außerdem die Biographie von Amos Elon, Theodor Herzl. Eine Biographie. Wien-München 1979).

Die Geschichte von Herzls Tod und Bestattung ist an dieser Stelle aber noch nicht zu Ende. Denn die Ruhestätte auf dem Döblinger Friedhof sollte nur ein Provisorium sein: 45 Jahre nach Herzls Tod, im August 1949, wurde das Grab geöffnet, Herzls sterbliche Überreste (und die seiner Eltern) exhumiert, im Wiener Stadttempel aufgebahrt und schließlich nach Israel überführt, wo sie neuerlich beigesetzt wurden, nun auf dem Herzl-Berg im Westen Jerusalems.

Die Zeitschrift der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, “Die Gemeinde”, lieferte in einer Sonderausgabe eine detaillierte und eindringliche Beschreibung der Ereignisse:

Sonntag, den 14. August, frühmorgens erfolgte auf dem Döblinger Friedhof die Exhumierung der Leichen Herzl’s und seiner Eltern, die in Metallsärge gebettet wurden. Der Sarg, der die in Budapest verstorbene Schwester Herzl’s barg, wurde gleich den drei anderen in den Tempel in der Seitenstettengasse überführt und auf der Estrade vor dem Allerheiligsten, dem Oren hakodesch, aufgebahrt. Die vier Särge waren mit der israelischen Flagge bedeckt. (…) Bis in die späten Abendstunden dauerte am Sonntag der Vorbeimarsch der Tausenden, die gekommen waren, um den Toten in tiefer Ergriffenheit die letzten Grüße zu entbieten und der heroischen Leistung des Mannes, der Leben und Vermögen der Bewegung geopfert hatte, in Andacht und Dankbarkeit zu gedenken. (…)

Gegen 21 Uhr [des folgenden Montags; meine Anm.] landete das gewaltige viermotorige Flugzeug, es trug am Heck die Staatsflagge Israels (…). Die Zeremonie der Übergabe und Übernahme vollzog sich bei strömendem Regen. (…) Herzl’s Sarg wurde von den Offizieren in das Flugzeug gehoben. In dem Augenblick, als der Sarg auf dem Flugzeug, also auf israelischem Boden stand, ertönten mächtige Donnerschläge, die den Blitzen des niedergehenden Gewitters folgten. Mystische, geheimnisvolle Stimmung lag über der ganzen Szene in der letzten Stunde der Nacht, da Herzl’s sterbliche Überreste seine alte Heimat verließen, um in der neuen endlich Ruhe und Frieden zu finden …

Die Gemeinde, Sonderausgabe, August 1949, Nr. 6, S. 1-2

'Übernahmedokument der israelischen Regierung' für den Sarg Herzls, gezeichnet von David Ben-Gurion

“Übernahmedokument der israelischen Regierung” für den Sarg Herzls, gezeichnet von David Ben-Gurion (Die Gemeinde, Rosch haschanah 5710, Festnummer, Sept. 1949, Nr. 7, S. 3)

In Israel wurde der posthume Empfang Herzls zum Massenereignis – von “150.000 Menschen” ist da etwa die Rede, “die zwischen 4 Uhr nachmittags und 4 Uhr morgens am Sarge Herzl’s vorbeimarschierten (Die Gemeinde, Rosch haschanah 5710, Festnummer, Sept. 1949, Nr. 7, S. 4)

Standbild Youtube-Video

Von diesem Empfang und der Beisetzung in Israel existieren auch sehenswerte historische Filmaufnahmen, hier abrufbar: “Theodor Herzl reburied in Jerusalem” (youtube, 1:38 min)

Gleichwohl blieb auch die Wiener Grabstätte der Familie Herzl weiterhin bestehen und ist auch heute noch, als Ehrengrab der Stadt Wien, erhalten.

  • Herzls Grab in Wien
  • Herzls Grab in Jerusalem


Herzls Gräber – links: in Wien, Döblinger Friedhof; rechts: in Jerusalem, Herzl-Berg (mit der hebräischen Aufschrift: “Herzl”) (Fotos: Iris Harter)

So hat Herzl also bis heute gewissermaßen ein doppeltes Grab: in der Diaspora und im Staat Israel – und was eigentlich könnte für den Vor-Denker des Zionismus passender sein?

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‘Best-Blog’-Blogstöckchen

Kultur- und Social-Media-Bloggerin Tanja Praske hat uns ein Blogstöckchen weitergereicht, und zwar genauer ein “Best- Blog”-Stöckchen, was uns sehr stolz macht – vielen Dank, Tanja! “Blogstöckchen” meint: BloggerInnen befragen andere BloggerInnen, die wiederum andere BloggerInnen befragen usf. – Blogs werden auf diese Weise miteinander vernetzt, BloggerInnen (und auch BloggerInnen und LeserInnen) lernen einander besser kennen.

Wir bitten um Entschuldigung dafür, dass wir so ungebührlich lange gebraucht haben, hier aber nun endlich unsere Antworten auf Tanjas Fragen:

1) Wer bist du? Und was reizt dich an deinem Job?

In erster Linie bloggen Christopher und Johannes. Ersterer noch ziemlich jung und seit einigen Jahren zweitberuflich Kurator in unserem Museum, Letzterer Museumsleiter und fast schon älter als manches unserer Museumsobjekte … ;-)

Besonders reizvoll finden wir, dass dieser eine Job ausgesprochen viele Jobprofile in sich vereint. Dabei spannt sich der Bogen vom Ausstellungskurator und -guide über den Autor, Referenten und Buchhändler bis hin zum Wissenschaftler, Verwalter, Archivar und Social-Media-Manager. Die Liste ließe sich problemlos fortsetzen … Selbstverständlich gilt das nicht nur für uns, sondern für alle MitarbeiterInnen unseres Hauses und auch für jene in ähnlich strukturierten Museen mit überschaubarem Personalstand.

2) Wie lange plantet ihr die aktuelle Ausstellung/Projekt? Was war die größte Herausforderung dabei und wie wurde diese gelöst?

Die aktuelle Dauerausstellung hatte eine Planungszeit von etwa 2 Jahren; bei (kleineren) Projekten beträgt die Planungszeit in der Regel mehrere Monate bis zu einem Jahr – so zuletzt beim Projekt “Ver(BE)gangen” anlässlich des 40-Jahr-Jubiläums unseres Museums.

Die größte Herausforderung – sowohl bei Ausstellungen als auch bei Projekten – ist es, für jüdische und nicht-jüdische BesucherInnen sowie insbesondere auch für Schülerinnen und Schüler gleichermaßen Interessantes zu bieten.

3) Was ist das oder eines der kleinsten Objekte eurer Sammlung?

Wahrscheinlich dieses originelle Sesselchen (Blei, Westungarn, um 1800) – ein Öllämpchen, das zusammen mit 7 weiteren Stühlen als Chanukkaleuchter dient. Ein solcher findet während des 8-tägigen Chanukkafestes Verwendung, wobei an jedem Tag ein weiteres Licht entzündet wird.

Sesselchen als Teil eines Chanukkaleuchters, Blei, Westungarn, um 1800

Das Sesselchen ist 5cm hoch, 1,8cm breit und 1,8cm tief.

4) Gibt es eine kuriose Geschichte/Erlebnis um ein Objekt/Ausstellung? Erzähle sie uns. Es kann auch einfach ein kurioses Objekt aus der Sammlung sein.

Ein Kuriosum aus unserer Sammlung: Hier hat es doch tatsächlich einen katholischen Bischof in eine Pesach-Haggada verschlagen. Und zwar – provokanterweise – als Inbegriff des Götzendienstes … Die Hintergründe erläutern wir im Blog-Artikel “Der Bischof“.

Detail aus Pesach-Haggada, 1740, Hamburg

5) Hast du ein Lieblingsstück? Warum?

Unser liebstes “Ausstellungsstück” ist zugleich unser größtes, nämlich unsere hauseigene Synagoge – einfach ein Schmuckstück. Und innerhalb der Synagoge wiederum sind es speziell die 755 Jahrzeittafeln – präsentiert an der Ostwand des Raums in Form einer 7 Meter hohen Installation –, die uns immer wieder aufs Neue beeindrucken.

Installation 'Jahrzeittafeln' - Ausschnitt

6) Welches Objekt habt ihr zuletzt warum restauriert bzw. restaurieren lassen und nach welchen Kriterien?

Wiederum ein Groß-”Objekt”, nämlich unser Museum selbst – oder genauer: Teile des Palais, in dem das Museum untergebracht ist. Dieses “Palais im Schtetl” war das Haus des Hoffaktors und ungarischen Landesrabbiners Samson Wertheimer (gest. 1724) und gilt, nach Schloss Esterházy, als der zweitgrößte und -bedeutendste Profanbau Eisenstadts. Ab 2005 wurde in mehrjähriger Arbeit die Außenfassade des Hauses renoviert – und erstrahlt nun in neuem (altem) Glanz.

Wertheimerhaus, renoviert

7) Welchen Stellenwert besitzt das Blog für das Haus?

Die “Koschere Melange”, die wir seit Sommer 2009 servieren, ist für uns eine zentrale Säule der Kommunikation mit allen, die an unserem Museum, am österreichischen Judentum und am Judentum überhaupt interessiert sind; sie ist, gemeinsam mit Twitter und Facebook, unser stabilstes und nachhaltigstes Online-Tool. Was uns dabei wichtig ist: Alle unsere Online-Aktivitäten, insbesondere auch das Blog, sind für uns nicht vorrangig Reklamewerkzeuge, sondern eigenständige Content-Lieferanten.

8) Hast du einen Artikelfavoriten im Blog? Wenn ja, warum?

Das war schnell entschieden – es ist der Artikel “Mittelalterliche jüdische Gemeinde in Mattersdorf?“. Das Besondere daran: Eine Frage, der maximal regionalgeschichtliche Bedeutung zukommt, sowie eine wenig spektakulär wirkende Tafel mit hebräischer Aufschrift (die naturgemäß in einem deutschsprachigen Blog nur eine überschaubare Leserschaft findet) waren Auslöser für eine angeregte und fruchtbare Diskussion mit nicht weniger als 40 Kommentaren von Leserinnen und Lesern aus aller Welt! Für uns ein beeindruckendes Beispiel dafür, was ein Blog für die museale Arbeit leisten kann.

9) Was bedeutet dir Kultur?

Brotberuf und Leidenschaft.

10) Wenn du kulturell “fremdgehst” (außerhäusliche Aktivitäten), was machst du?

Auch hier waren wir uns rasch einig: Wir besuchen jüdische Museen (Christopher) und jüdische Friedhöfe (Johannes) in aller Welt. Und außerhalb unserer “Branche”: Zweitwohnsitz Kino, mit Filmen von klassisch bis aktuell (Christopher), und das Erlernen nicht-semitischer Sprachen (Johannes – aktuelles Steckenpferd: Chinesisch).

11) Du hast drei Wünsche frei, welche sind das?

Im beruflichen Bereich? Weniger Opportunismus in der Subventions- und Förderpolitik, weniger Schwellenangst – und über den dritten Wunsch diskutieren wir noch immer … ;-)

Wir reichen das “Best-Blog”-Stöckchen weiter – und zwar mit folgenden Fragen:

  1. Wer bloggt und warum bloggst du / bloggen Sie / bloggt ihr?
  2. Was macht eigentlich ein (sehr) gutes Blogpost aus?
  3. Wie lange arbeitest du durchschnittlich (!) an einem Blogpost?
  4. Wie wichtig sind dir Kommentare bzw. erwartest du bei jedem Blogpost welche?
  5. Hast du einen Artikelfavoriten? Wenn ja, warum?
  6. Pflegst du eine Blogroll? Warum (nicht)?
  7. Hast du ein (Blog-)Vorbild?
  8. Wenn du dir eine/n prominente/n Gastautor/in für dein Blog aussuchen dürftest – wer
    wäre es?
  9. Wie wichtig ist dir das Design des Blogs bzw. nach welchen Kriterien wurde das Design ausgewählt?
  10. Kennst du einige/viele deiner Kommentatoren/Kommentatorinnen auch persönlich?
  11. Gibt es dein Blog im Jahr 2025 noch – und wenn ja, in welcher Form? Und wenn nein, warum nicht?

Und das sind die BloggerInnen, die wir herzlich dazu einladen möchten, unser Stöckchen aufzunehmen:

  • Chajm Guski, mit dem uns eine langjährige Onlinefreundschaft verbindet und der mit “Chajms Sicht” das wohl wichtigste deutsch-jüdische Blog betreibt.
  • Jüdisches Museum Berlin – das größte jüdische Museum Europas ist auch im Social-Media-Bereich ausgesprochen aktiv, u.a. mit seinem Blog “Blogerim. Aus dem Alltag des Jüdischen Museums Berlin”.
  • dROMa-Blog – bloggt über “Kultur, Geschichte und Gegenwart der Roma und Sinti im Burgenland, in Österreich und in ganz Europa”. Hochaktiv!
  • Monika Bargmann aka library mistress, quasi ein “Urgestein” im Social-Media-Bereich, die wir auch persönlich lange und gut kennen, mit ihrem Blog “über Bibliothekarinnen und Bibliothekare, Bibliotheken, Archive, Bücher und Datenbanken, Grünzeug, Lesen und Schreiben”.

Wie die Sache funktioniert, das erklärt nochmals Tanja Praske:

  1. Beantwortet meine elf Impulsfragen. Ihr dürft sie euch passend biegen.
  2. Baut das Best Blog Award-Bildchen ein und verlinkt es mit demjenigen der es euch verliehen hat bzw. verlinkt auf den Artikel des Werfers.
  3. Verfasst elf neue Fragen, spielt damit und reicht das Best Blog Blogstöckchen an zehn Blogger eurer Wahl weiter, es können auch weniger sein.

Wir freuen uns auf eure Antworten!

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Einladung: Im Dialog …

Die Synagoge im Österreichischen Jüdischen Museum ist ein ebenso prächtiger wie geschichtsträchtiger Raum – nur selten aber sind hier Gebet und Gottesdienst erlebbar. Umso mehr freuen wir uns, dass die Synagoge nach längerer Zeit nun wieder einmal in dieser Weise genutzt wird: Gemeinsam mit der jüdischen Gemeinde Sopron laden wir herzlich ein zum

Nachmittagsgebet am Schabbat-Vorabend

(Mincha, nach neologem Ritus).

Anschließend wird Gara István, Kantor der jüdischen Gemeinde Sopron, ein kurzes musikalisches Programm vortragen.

Wann: Freitag, 23. Mai 2014, 17.00 bis 18.00 Uhr
Wo: Österreichisches Jüdisches Museum

Bitte beachten Sie: Eine Anmeldung ist erforderlich –

  • per E-Mail: info@ojm.at oder
  • telefonisch: +43(0)2682 651 45

Synagoge im Österreichischen Jüdischen Museum

Das Gebet bildet zugleich den Auftakt zur “Langen Nacht der Kirchen” in der nahegelegenen Haydnkirche, die dem jüdisch-christlichen Dialog gewidmet sein wird. Details zum nachfolgenden Programm in der Haydnkirche finden Sie auf der Website der “Langen Nacht der Kirchen” sowie übersichtlich im zugehörigen Programmheft.

Eine Veranstaltung in Kooperation mit der jüdischen Gemeinde Sopron, der Pfarre Eisenstadt-Oberberg und dem “Joseph Haydn Konservatorium”.

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Pesach 5774

Wohl kaum ein Bildmotiv in einer Pesach-Haggada mag regional mehr bzw. origineller verortet sein als Störche in einer Haggada aus dem böhmisch-mährisch-ungarischen Raum, der übrigens die Heimat eines Großteils der Schreiber und Illuminatoren des 18. Jahrhunderts war. Vielleicht stammt die Haggada ja sogar aus der Gegend um den Neusiedler See.

Abraham und die 3 Engel in Mamre, Pesach Haggada 1737

Störche sind aus unserer Region, dem Burgenland, nicht wegzudenken, jedes Kind kennt hierzulande das alljährlich wiederkehrende schöne Schauspiel: Im Frühjahr kehren die Störche aus dem Süden zurück ins Burgenland, um hier auf den Schornsteinen ihre Nester zu bauen, Nachwuchs zu bekommen, über die Sommermonate aufzuziehen und im Herbst wieder gen Süden loszuziehen.

Etwa 30-40 Tage nachdem die Eier gelegt sind, schlüpfen die Jungen. Heuer kam übrigens der erste Storch vor wenigen Tagen, am 26. März, ins Burgenland, die Auswahl dieses Bildes für diese unsere heurigen Pesachwünsche erfolgte also keinesfalls zufällig ;-)

Freilich scheinen die schönen Vögel nicht erst in neuerer Zeit zu einer Art Wahrzeichen unserer Region geworden zu sein. Schon 1737, dem Entstehungsjahr unserer Pesach-Haggada, finden wir sie – quasi burgenländisches Lokalkolorit – auf dem Schornstein von Abrahams Haus. Das der Illustration zugrunde liegende biblische Motiv kennen wir schon: Abraham und die 3 Engel in Mamre, eine Illustration zu einer Hymne in der Pesach-Haggada, die im Anschluss an die häusliche Pesach-/Sederfeier am 2. Pesachabend gelesen wird.

Ein interessantes Detail finden wir auch auf der Titelseite der Pesach-Haggada:

Titelseite Pesach Haggada 1737

Zwischen Mose und Aaron lesen wir:

Pesach Haggada, mit schönen Illustrationen, alles handgeschrieben auf Pergament mit den Druckbuchstaben von Amsterdam, im Jahre 497 nach der kleinen Zeitrechnung (= 1737)

Ende des 16. Jahrhunderts ließen sich viele Marranen, also unter Zwang zum Christentum bekehrte iberische Juden, die sich Anfang des 17. Jahrhunderts wieder offen zum Judentum bekannten, in Amsterdam nieder. Ihr großes Interesse an hebräischer Literatur führte dazu, dass 1626 Menasse ben Israel in Amsterdam eine hebräische Druckerei gründete, in der nicht nur sehr viele hebräische und lateinische Bücher gedruckt wurden, sondern in der auch neue Schrifttypen geschnitten wurden. Die hervorragende Qualität dieser „Amsterdamer Buchstaben“ ließ später viele ausländische Schreiber – nicht ganz wahrheitsgemäß – auf ihren Titelseiten den Vermerk anbringen “Mit den Buchstaben von Amsterdam”.

Nun steht aber hier nicht – wie meistens – “Amsterdam” mit hebräischen Buchstaben (אמשטרדם), sondern “Amstelredam” (! אמשטלרדם), also der Name des Fischerorts, der an einem im 13. Jahrhundert errichteten Damm mit Schleuse im Fluss Amstel entstanden war.
Wissen wir das nicht, würden wir vielleicht “Amstlerdam” lesen…

 

Erev Pesach ist immer am 14. Nisan, das ist heuer Montag, der 14. April.

Wir wünschen Ihnen ein frohes und koscheres Pesachfest 5774!

חג פסח כשר ושמח!

Außerdem wünschen wir unseren christlichen Leserinnen und Lesern ein frohes Osterfest!

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