Tora Total

Europäischer Tag der jüdischen Kultur 2017

Das Österreichische Jüdische Museum lädt herzlich ein zum Vortrag von Christopher Meiller

„Tora Total“


Wann: Sonntag, 03. September 2017, 10-10.45 Uhr. Bitte Uhrzeit beachten (nicht um 13 Uhr)!

Wo: Österreichisches Jüdisches Museum, Synagoge

Die Tora spielt eine Hauptrolle sowohl im synagogalen Gottesdienst als auch im religiösen Denken des Judentums.
Wie kommt es zu dieser enormen Bedeutung? Was ist der Inhalt der Tora? Wie ist das mit der hebräischen Bibel und der Torarolle? Und gibt es in den anderen monotheistischen Religionen wie Christentum und Islam Vergleichbares?

Tora-Ausschnitt

 

Gesamtprogramm des Europäischen Tags der jüdischen Kultur 2017 im Burgenland (gesamtprogramm.pdf, 284KB)


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Vilma Steindling

Das Österreichische Jüdische Museum lädt herzlich ein zur Lesung

„Vilma Steindling. Eine jüdische Kommunistin im Widerstand“

Claudia Erdheim

Wann: Sonntag, 27. August 2017, 10.30 Uhr

Wo: Österreichisches Jüdisches Museum

 

Das bewegte und bewegende Leben der Vilma Steindling, geborene Geiringer, beginnt unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg und endet 1989, als sie siebzig ist. Dazwischen liegen Ereignisse, die an Dynamik, Spannung, aber auch an Tragik kaum zu übertreffen sind. Als Mitglied des Kommunistischen Jugendverbands geht Vilma 1937 nach dem Verbot dieser Organisation nach Paris. Dort schließt sie sich der Résistance an und engagiert sich in der „Mädelarbeit“. Sie ist „jung, fröhlich und voll Lebenslust.“
1942 in Paris verhaftet und zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt meint sie:

Das ist mir wurscht, wie viele Jahre Sie mir geben, wenn der Krieg aus ist, da gehe ich nach Hause.

Doch es kam anders: Vilmas Leidensweg führte sie von 1943 bis Jänner 1945 nach Auschwitz und schließlich bis April 1945 nach Ravensbrück.

Nach Wien zurückgekehrt fand sie ein Österreich vor, das „weitgehend in Trümmern“ liegt. Viele Freunde, besonders ihren geliebten Lebensgefährten Arthur Kreindel, hatte sie verloren, er wurde am 28. März 1945 in Dachau ermordet.

Der Neuanfang gestaltete sich schwierig. Eheprobleme mit Adolf Steindling sowie die Enttäuschung über die KPÖ, die kein Interesse für KZ-Überlebende zeigt, sowie ständiges Unverständnis und Misstrauen belasten sie so sehr, dass sie sich in den 1950er Jahren entschließt, die in Auschwitz tätowierte Nummer wegoperieren zu lassen „um endlich nicht mehr den Blicken, und den unangenehmen Fragen ausgesetzt zu sein.

Steindlings und Erdheims Buch sprengt den Rahmen der Biografie und malt ein breiteres historisches, gesellschaftliches und politisches Panorama. In seiner sachlichen, präzisen und die Ereignisse doch anschaulich und einfühlsam erzählenden Art gibt es eindrücklich die Atmosphäre Wiens nach dem Ersten Weltkrieg, den erstarkenden Antisemitismus, die Ankunft der Nazis, die Tätigkeit der KPÖ, das Leben in den Lagern wieder. Wir treten mit Vilma Steindling auf ihrem Weg durch diese Orte des Schreckens dem berüchtigten Dr. Mengele gegenüber, erleben mit ihr viel Grausamkeit und zugleich viel Menschlichkeit.

Die „wandelnden Leichen“ von Auschwitz auf der einen Seite und Vilma Steindlings mutiger Widerstand auf der anderen sind eine Anklage gegen all diejenigen, die eine „Rasse“ erfinden mussten, „damit sie ausgesondert, beraubt, vertrieben, ausgemordet werden konnte„, so der Politikwissenschaftler Anton Pelinka im Nachwort zum Buch. Ruth Steindlings und Claudia Erdheims Buch beschwört die „erdrückenden Schatten der Vergangenheit“ (Pelinka) noch einmal herauf, um uns von ihnen zu befreien.

Mehr zum Buch auf der Website von Claudia Erdheim.

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Orthodoxie und Oktoberfest

Friederike Spitzer aus Eisenstadt heiratet das bayerische Urgestein Angelo Feuchtwanger

Am 15. Februar 1880 stirbt in Eisenstadt der Tuchhändler Ignatz Spitzer. Seine Ehefrau Kathi, eine Tochter von Leopold Wolf und Rosa Spitzer, stirbt 5 Jahre später. Die beiden haben 5 Töchter und 3 Söhne, alle in Eisenstadt geboren, nur 1 Tochter und 2 Söhne sterben auch in Eisenstadt.

In der hebräischen Grabinschrift von Ignatz Spitzer lesen wir u.a.:

…Er war die Krone seiner Söhne, die Pracht seiner Familie…

Wir dürfen wohl davon ausgehen, dass auch Ignatz und Kathi Spitzer nicht untätig waren, wenn es darum ging, die geeigneten Ehepartner für ihre Kinder zu finden. An erster Stelle stand sehr wahrscheinlich der religiöse Hintergrund des oder der Zukünftigen, diesbezüglich wollte man keine Risken eingehen: Schließlich wuchsen doch beide Elternteile in einer Zeit auf, als der „deutsche Doktor“ und Mitbegründer der Neo-Orthodoxie, Rabbiner Asriel Hildesheimer, von 1851 – 1869 Rabbiner in Eisenstadt, über seine Wirkungsstätte schreibt:

… hier ist noch echt jüdisches Leben – … wirkliche Achtung der Tora, angesehene Stellung des Rabbiners, Fortbestand der Jeschiva.

Wirtschaftliche Interessen spielten bei der „Heiratspolitik“ wohl eine wichtige, aber – zumindest im konkreten Fall der Familie Spitzer – vielleicht eher untergeordnete Rolle.

Vor allem die Ehe von Tochter Friederike, geb. 01. Jänner 1859 in Eisenstadt, ist höchst bemerkenswert:

Friederike heiratet am 19. März 1883 in Eisenstadt Angelo Feuchtwanger aus München (Rabbiner war Salomo Kutna!).

Angelo (Ascher) Feuchtwanger, Teilhaber der J.L. Feuchtwanger Bank in München, geb. 09. August 1854 in München, ist der Onkel 2. Grades des weltberühmten Schriftstellers Lion Feuchtwanger, Autor u.a. von „Jud Süß“, „Die Geschwister Oppenheim“ oder „Die Jüdin von Toledo“.

Angelos Vater Jakob Löw Feuchtwanger (1821, Fürth – 1890, München), 1857 Bankgründer der J.L. Feuchtwanger Bank, ist der Bruder von Elkan Feuchtwanger (1823–1902), dem Großvater von Lion Feuchtwanger.

Elkan Feuchtwanger, Goldschmied, Seifensieder und Kaufmann, hatte in Haidhausen eine Margarinefabrik gegründet, die sein Sohn Sigmund Aaron Meir Feuchtwanger (1854–1916), der Vater von Lion, Ludwig und Martin Feuchtwanger, übernahm.

Am Bild links: Dr. Sigbert Feuchtwanger, Sohn von Friederike und Angelo Feuchtwanger, und seine Cousins 2. Grades Lion und Ludwig Feuchtwanger. Über Sigbert und die anderen Kinder von Friederike und Angelo s. Ignaz Spitzer (Vater).

  • Grabstein Sigmund Feuchtwanger und Johanna Feuchtwanger, geb. Bodenheimer

    Sigmund Feuchtwanger und Johanna Feuchtwanger,
    geb. Bodenheimer, Bild-©: Georg Gaugusch

  • Grabstein Igo Feuchtwanger, Sohn von Angelo und Friederike Feuchtwanger

    Dr. Igo Feuchtwanger, Sohn von Angelo und
    Friederike Feuchtwanger, Bild-©: Georg Gaugusch


Angelo Feuchtwanger war eine beeindruckende Persönlichkeit, die Nachkommen beschreiben ihn als bayerisches Urgestein.

Gleichzeitig waren die bayerischen Traditionen in der Familie sehr lebendig, man sprach Münchner Mundart, liebte Berge und Bier und ging aufs Oktoberfest. Angelo Feuchtwanger, ein Onkel von Lion war als bayerisches Urgestein bekannt, der nach dem fast täglichen Synagogenbesuch meist im Hofbräuhaus einkehrte. Falls dies auf einen Sabbat fiel, ließ er eben anschreiben (denn der Umgang mit Geld ist am Sabbat nicht erlaubt) und bezahlte die Rechnung im Laufe der nächsten Woche. Sehr unverkrampft fiel auch der Umgang mit Nachbarskindern und Schulfreunden aus und wie alle anderen Münchner ging man gerne ins Museum und Theater oder fuhr in die Sommerfrische an den Starnberger See.

Prädikat lesenswert: Familie Feuchtwanger, BR, radioWissen

Königliches Hofbräuhaus – 1903

Königliches Hofbräuhaus – 1903, Bild-©: Wikipedia


Ich bin zuerst Jude, dann Bayer und dann Deutscher,

lautete Angelos Wahlspruch.

Angelos Bruder Lion Feuchtwanger gehörte zu den Ersten, die die kommende Tragödie erkannten, schon 1920 thematisierte er in seinem satirischen Text „Gespräche mit dem Ewigen Juden“ den Wahnsinn, der bald Realität werden sollte (Bücherverbrennungen).
In seinem 1930 erschienenen Schlüsselroman „Erfolg“ karikiert Feuchtwanger mit spitzer Feder das politische und kulturelle Leben im konservativen München, das bei ihm nicht gut wegkommt – er spricht

von einer zähen dumpfigen und geistig nicht gut gelüfteten Bevölkerung -,

und zeichnet in der Figur Rupert Kutzners ein deutlich erkennbares Porträt Hitlers.

Beim Oktoberfest wurde auch die Familie Angelo Feuchtwangers mit dem brutal-primitiven Antisemitismus konfrontiert. Seit der Machtergreifung der Nationalsozialisten hatte sich die Lage für die Privatbank der Feuchtwangers zunehmend verschlechtert, 1935 hatte sich die Lage so weit zugespitzt, dass die Feuchtwangers für sich und ihr Unternehmen in München keine Zukunft mehr sahen.

1936 emigrierte Angelo nach Palästina und auch in Tel Aviv besuchte er täglich die Synagoge, allerdings ohne anschließenden Gang ins Hofbräuhaus …

Angelo Feuchtwanger starb am 24. April 1939 in Tel Aviv, seine Frau Friederike, geb. Spitzer, war schon am 16. Oktober 1908 in München verstorben.

Fast allen Feuchtwangerfamilienmitgliedern der Münchner Linie gelang die Flucht, die meisten emigrierten nach Palästina. Es waren 854 Männer, Frauen und Kinder, 80 davon wurden in Konzentrations- und Vernichtungslagern ermordet.

Kein Familienmitglied der großen Familie hat seinen Namen in Israel geändert, und das, obwohl der Name in Israel schwer auszusprechen und noch schwerer zu schreiben war.

Prädikat hörenswert: „Von der Synagoge ins Wirtshaus, BR, radioWissen

Neben den oben verlinkten Lese- und Hörtipps empfehlen wir als Lektüre: Heike Specht: Die Feuchtwangers. Familie, Tradition und jüdisches Selbstverständnis im deutsch-jüdischen Bürgertum des 19. und 20. Jahrhunderts. Wallstein, Göttingen 2006.


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Ein teurer Mann …

Siegmund Wolf – Gerüchte, Bosheiten … und wenn es so richtig menschelt …

Die Familie Wolf in Eisenstadt und in Neudörfl – ein kurzer Überblick

Die beiden unmittelbaren Stammväter der beiden Familienzweige sind die beiden Söhne von Chajjim (Joachim) Wolf, Asriel Wolf und Leopold (Löb) Wolf.

Leopold (Löb) Wolf, sehr grob beschrieben, dominiert die „Eisenstädter“ Linie der Familie, seine beiden Söhne Adolf und Ignaz sind die Hauptfiguren der Weingroßhandlung Leopold Wolf’s Söhne. Enkel Leopold Wolf starb 1926, sein Bruder Sándor Wolf musste 1938 emigrieren.

Asriel Wolfs Sohn Abraham Wolf ist der Gründer der Firma „A. Wolf & Company“ in Neudörfl. Sein Bruder Wilhelm Wolf gründete in Wr. Neustadt die Firma „Wilhelm Wolf & Sohn“, über die 1927/28 das Ausgleichsverfahren eröffnet wurde. Und Abrahams Sohn Siegmund Wolf wird Gesellschafter der Firma seines Vaters in Neudörfl. Von ihm handelt dieser Beitrag.

Leopold (Löb) Wolf, gest. 14. Mai 1926, sein Bruder Alexander (Sándor) Wolf, gest. 02. Jänner 1946, und ihr Großcousin Siegmund (Samuel Halevi) Wolf, gest. 18. Dezember 1908, sind auch die letzten bedeutenden jüdischen Vertreter einer Familie, deren Wurzeln bis in die Wiener jüdische Gemeinde zurückreichen (wir berichteten) und die in Eisenstadt seit 1718 nachweisbar ist. Fast alle Kinder von Leopold und Siegmund Wolf sind aus dem Judentum ausgetreten und ließen sich taufen… aber ob jüdisch oder getauft, 1938 bedeutete das Aus für die Familie in Österreich.


Zwischen 1854 und 1859 eröffnete die Firma die Weinumsatz-Zentralstelle des Komitats Ödenburg auf dem Grundstück der heutigen Landespflegeanstalt [Neudörfl]. Wolf lagert 1000 hl Wein in seinen, aber auch in weiteren Kellern verschiedener Bauernhäuser. Er beschäftigt 100 Arbeiter und hat sogar eine eigene Fassbinderei.

Herbert Radel, Neudörfl – Dorf an der Grenze. Im Wandel der Zeit, 24


Siegmund Wolf löst in seinen letzten Lebensjahren einen katastrophalen Weinskandal aus, ruiniert seine Firma, landet im Gefängnis …

Dabei war 1893 die Welt für Siegmund Wolf noch in Ordnung. Er wurde zwar verdächtigt, eigentlich sogar verleumdet und wurde zum Opfer haltloser bösartiger Gerüchte. Seine Firma genoss aber einen hervorragenden Ruf und galt weit und breit als vertrauenswürdig und seriös, die Gerüchte konnten zerstreut werden:

Aus Wiener Neustadt wird gemeldet: Dieser Tage färbte sich der um diese Zeit gewöhnlich sehr wasserarme Leithafluss oberhalb Wiener Neustadt, respektive Neudörfl bis hinab gegen Eggendorf plötzlich intensiv roth, so dass es anzusehen war, wie ein Strom von Blut. Sofort verbreitete sich in Wiener Neustadt und Umgebung das Gerücht, der bekannten Weingroßhandlungsfirma Wolf in Neudörfl seien behördlicherseits 4000-10.000 Eimer Rothwein in die Leitha geschüttet worden. Ja sogar in die „Wr. landw. Ztg.“ fand diese Nachricht unglaublicher Weise Eingang. Nun ist aber an der Sache kein wahres Wort, denn die Verunreinigung geschah durch Einleitung von Farbstoffen aus einer oberhalb Neudörfl gelegenen Fabrik. Wie leicht derartige leichtsinnig oder boshaft verbreitete Gerüchte geeignet sind, den guten Ruf einer noch so vertrauenswürdigen Firma zu untergraben, ist wohl erklärlich und es sollten die Verbreiter derselben exemplarisch bestraft werden. Die Weingroßhandlungsfirma Wolf genießt zwar eines so hervorragenden Renommees, dass Niemand, der sie näher kennt, derartige Schaudergeschichten glaubt; es gibt aber immerhin Leute, welche derartige unsinnige Gerüchte, für ihre unlauteren Zwecke auszubeuten suchen.

Wiener Montags-Post, 28. August 1893, Seite 2

Kellerarbeiter der Firma Wolf, Herbert Radel, Neudörfl

Kellerarbeiter der Firma Wolf, Bildrechte: Herbert Radel, Neudörfl



Im Frühsommer 1907 aber zogen dunkle Wolken über Siegmund und seine Firma, schuld war er – offenbar – selbst. Geld- und sogar Gefängnisstrafe folgten, der gute Ruf der Firma, wohl auch jener von Siegmund Wolf, war auf einen Schlag Geschichte:

Ein bestrafter Weinpantscher.
Die österreichische Regierung wurde durch ein anonymes Schreiben aus Ödenburg darauf aufmerksam gemacht, dass der Weinhändler Siegmund Wolf „echte Ungarweine“ um teures Geld nach Österreich, insbesondere nach Wien exportiere, welche sich tatsächlich als wertlose Fälschung darstellen. Eine Untersuchung ergab, dass die Ungarweine des Siegmund Wolf Kunstweine sind. Es wurden 1000 Hektoliter Weine mit Beschlag belegt und Wolf von dem Gerichte in Ödenburg zu einem Monate Arrest und 600 K. Geldstrafe verurteilt. Und die Moral von der Geschichte?

Marburger Zeitung 01. Juni 1907, Seite 3
Sehr ähnlich in der Drogisten Zeitung vom 21. Juni 1907, Seite 11


… Daher wird sein gesamtes Lager beschlagnahmt und sein Wein in den Dorfbach geschüttet. Zwei Tage rinnt ein Weinbach durch Neudörfl. Manche Bewohner füllen sich ihre Gießkannen mit Wein, andere trinken gleich direkt am Bach, schlafen schließlich und trinken nach dem Aufwachen weiter…

Herbert Radel, Neudörfl – Dorf an der Grenze. Im Wandel der Zeit, 30


Im kleinen Ort Neudörfl an der Leitha hält sich noch heute (!) das hartnäckige Gerücht, dass Siegmund Wolf mit den Folgen dieses Fehltritts nicht fertig wurde und sich kurz darauf das Leben genommen hätte…
Zieht man die Matrikeneinträge mit eingetragener Todesursache (Magenkrebs) heran sowie etwa die Formulierung seiner Ehefrau in der Sterbeanzeige – „nach langem schweren Leiden sanft entschlafen…“ -, kommt ein Selbstmord wohl eher nicht in Frage.

Matriken Tod Siegmund Wolf

Matriken Tod Siegmund Wolf

Sterbeanzeige Siegmund Wolf

Sterbeanzeige Siegmund Wolf, Neue Freie Presse, 20. Dezember 1908, Seite 30



Der Titel für diesen Beitrag ist ein Zitat aus einem Vers der hebräischen Grabinschrift für Siegmund Wolf: „Ein teurer/edler Mann…“. Wir lesen weiter: „Deine Gerechtigkeit gehe vor dir her, denn den Weg des Glaubens hast du gewählt…ein rechtschaffener Mann und lauterer Geist… Wahrlich abgemüht hast du dich im Leben, und durch dein Mühen hast du das Glück kennengelernt…

Zugegeben: die Worte muten vielleicht ein wenig seltsam an angesichts der Vorkommnisse in den letzten Lebensjahren Siegmund Wolfs. Aber darum geht es auch gar nicht. Denn es muss klar festgehalten werden, dass solche Formulierungen stereotyp sind, dass sie – bewusst – in höchstem Maße idealisierend sind und keine Beschreibungen des real gelebten Lebens, schon gar nicht des Berufslebens, sein wollen. Und, dass sie von Menschen für ihre Toten mit sehr viel Liebe (und sehr oft mit viel Weisheit) verfasst wurden. Sie sollen den Hinterbliebenen Trost spenden und zeitlose Gültigkeit besitzen.

Es ist also obsolet zu hinterfragen, ob das Leben Siegmund Wolfs irgendeinem dieser idealisierten Stereotype entsprochen hat. Obwohl wir natürlich genügend Belege finden, dass Siegmund Wolf etwa immer wieder spendete, für den „Verein für fromme und wohltätige Werke in Wien I“ (Neue Freie Presse, 1905), für das „Heim krüppelhafter Kinder“ (Pester Lloyd 1905) usw.


Was aber doch vielleicht auffällt: Die Inschrift scheint mir etwas zurückhaltend formuliert zu sein. Und dass seine Ehefrau, die sieben Jahre nach ihm stirbt, nicht bei ihm am jüngeren jüdischen Friedhof in Eisenstadt begraben wurde, sondern im Grab ihrer Familie in Wien, vermag zumindest Fragen aufzuwerfen…

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Zu einem möglichst günstigen Preis…

Über den Umgang der lokalen Presse mit dem jüdischen Erbe im Jahr 1958

Vor kurzem wurde die Sammlung Wolf, jene berühmte und bedeutende Sammlung Alexander (Sándor) Wolfs, erwähnt, die Frieda Löwy-Wolf 1958 an die Republik Österreich zu verkaufen versucht hatte. Dies misslang, die größten Teile der Sammlung landeten im Auktionshaus Lukas Fischer in Luzern…

Wie aber sah die lokale Presse den Ankauf eines kleinen Teils der Sammlung durch das Burgenland?

Fündig wurde ich in der BF (Burgenländische Freiheit), der Zeitung der Sozialdemokratischen Partei des Burgenlandes (erschienen von 1921 bis 2007, mittlerweile online verfügbar).

Erwartet habe ich einen sachlichen Bericht oder gar einen Bericht, der die Entscheidung des Landes kritisch betrachtet, dass in diesem Artikel aber die ganze Klaviatur antisemitischer Klischees bedient wird, schockierte mich zutiefst:

  • Frieda Löwy-Wolf – und letztlich natürlich auch ihr Bruder Sandor – waren in Israel nicht auf Sommerfrische, sondern mussten vor den Nazis fliehen in ein Land, das sie nicht kannten und in dem sie sich neue Existenzen aufbauen mussten. Alexander (Sandor) Wolf hatte keineswegs damit gerechnet, dass er selbst und seine Sammlung nicht in Eisenstadt verbleiben können. Noch Anfang der 30er-Jahre des 20. Jahrhunderts hatte er mehrere Häuser in Eisenstadt erworben, in denen er seine Bibliothek und Sammlung in 26 Räumen zugänglich machte.
  • Dieser Staat heißt seit dem 14. Mai 1948 Israel. Frieda Löwy-Wolf und ihre Familie lebten in Israel. Die BF nimmt dies 10 Jahre nach der Staatsgründung noch nicht zur Kenntnis.
  • „Die geldgierigen Juden“ – „sich zuerst bereichern und dann ans Ausland verkaufen“ – „das internationale Judentum“…
  • Selbstverständlich wäre es am besten gewesen, die ganze Sammlung zu einem möglichst günstigen Preis für das Land zu erwerben.

    Günstig für WEN?

  • jene Gegenstände…, die sich auf das Burgenland beziehen

    Im ganzen Artikel findet sich kein Wort von der viele tausend Objekte umfassenden Judaica-Sammlung, die sehr wohl einen sehr engen Bezug zum burgenländischen und insbesondere Eisenstädter Judentum hat (siehe etwa unten den wunderschönen Kidduschbecher des jüdischen Frauenvereins Eisenstadt, den unser Museum vor vielen Jahren ersteigern und so zurück ins Burgenland bringen konnte).
    Aber Hauptsache, dass die Türschlösser für ein zukünftiges Weinmuseum im Burgenland verbleiben konnten…

  • Im gesamten Artikel fehlen die Wörter „Jude, Vertreibung, Holocaust, jüdische Gemeinde, Judaica usw. völlig!
    Im vorletzten Absatz gewinnt man den Eindruck, dass mit allen Mitteln versucht wird, jede Berührung mit o.g. Wörtern zu vermeiden.



Es gäbe noch mehr anzumerken … an übertriebenem schlechtem Gewissen hat man offensichtlich nicht gelitten. Die Sprache des Artikels ist zurückhaltender, subtiler, unterschwelliger, die Anspielungen aber sind nicht weit entfernt von den typischen Motiven antisemitischer Propaganda.
Traurig.


Wesentliche Teile der Wolf-Sammlung bleiben im Burgenland
Nur ein Teil unter Denkmalschutz

In den letzten Wochen hat sich die Öffentlichkeit wiederholt mit dem Schicksal der Wolf-Sammlung beschäftigt, die bekanntlich von der in Palästina lebenden Erbin an einen ausländischen Kunsthändler verkauft wurde. Die gesamten damit verbundenen Fragen stellten das Land vor ein schwieriges Problem. Alexander Wolf war bekanntlich ein überaus kunstliebender Kaufmann, der als Weinhändler durch halb Europa kam und überall die verschiedensten kulturgeschichtlichen Erinnerungsstücke einkaufte. Die so entstandene Sammlung war in erster Reihe durch seine Persönlichkeit gekennzeichnet, stellte aber vom rein fachlichen Standpunkt aus etwas sehr Uneinheitliches dar. Als nun die Abwicklung der Erbschaft in das entscheidende Stadium trat, waren die verschiedensten Gesichtspunkte zu berücksichtigen. Selbstverständlich wäre es am besten gewesen, die ganze Sammlung zu einem möglichst günstigen Preis für das Land zu erwerben. Man muss aber berücksichtigen, dass der Betrag von 1,8 Millionen Schilling im Budget eines kleinen Landes mit gewaltigen Aufgaben auf allen Gebieten eine sehr bedeutende Rolle spielt.

Es wäre selbstverständlich auch möglich gewesen, die Wolf-Sammlung zur Gänze anzukaufen und dann Teile davon abzustoßen. Tatsächlich steht nur ein Teil der Sammlung unter Denkmalschutz und es ist auch nur ein Teil kulturgeschichtlich unmittelbar mit dem Land verbunden. Es ist aber sehr fraglich, ob der Verkauf irgendwelcher Teile der Sammlung durch das Land selbst von der Öffentlichkeit als tragbar empfunden worden wäre. Es wurde demgemäß schließlich der Weg gewählt, dass von vornherein nur jene Gegenstände angekauft wurden, die sich auf das Burgenland beziehen.

Die Gesamtaufwendung des Landes beläuft sich nunmehr auf nur 650.000 S. Erworben wurden vor allem sämtliche Erinnerungsstücke an Joseph Haydn, Franz Liszt und andere große Musiker des Landes. Dieser Teil der Sammlung umfasst rund 1000 Inventarnummern. Ebenso wurde die archäologische Sammlung mit rund 5000 Inventarnummern erworben. Im Besitz des Landes verbleibt weiter die einzigartige Sammlung von Tür- und Torschlössern: Von besonderer Bedeutung für das Burgenland ist auch eine Sammlung von Gegenständen, die dereinst in einem besonderen Weinmuseum unterzubringen wären.

Zu dem reichhaltigen Bücherbestand, der nun in das Eigentum des Landes übergegangen ist, gehört unter anderem eine große Anzahl von Fachwerken über Weinbau und Kellerwirtschaft, die heute natürlich nur noch historischen Wert haben. Ferner wurden zahlreiche Originalurkunden zur Geschichte des Landes erworben, umfangreiches Bildmaterial, volkskundliche Gegenstände und interessantes Material, das sich auf die Geschichte des burgenländischen Zunftwesens bezieht.

Im großen und ganzen ist also der für das Burgenland unmittelbar wertvolle Kern der großen Sammlung erhalten geblieben und die Aufwendung hierfür steht durchaus im Verhältnis zu ihrem Wert wie zu den finanziellen Gegebenheiten des Landes. Und sosehr man es bedauern mag, dass nicht die ganze Wolf-Sammlung erworben werden konnte, so darf die nunmehrige Lösung im Hinblick auf alle zu berücksichtigenden Umstände doch nicht als ganz unbefriedigend bezeichnet werden.

BF, Samstag/Sonntag 15./16. März 1958, Seite 2


Synagogaler Hochzeitspokal

Synagogaler Hochzeitspokal

Inschrift oben: „Möge das Volk Israel durch Eheschließung seine Heiligung erfahren“.
Inschrift unten: „Spende des Frauenvereins zur Unterstützung
mittelloser Bräute, Gemeinde ASCH (Eisenstadt)“.
Silber, 2. H. 19. Jh.


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