Isak Hirsch Weiss – Meine Erinnerungen

Einer der größten jüdischen Wissenschaftler im Wien des 19. Jahrhunderts war Isak Hirsch Weiss. Einige Jahre verbrachte er auch in Eisenstadt, ein gutes Zeugnis stellt er der hiesigen Jeschiwa allerdings nicht aus …

Am 13. Februar 1815 in Groß-Meseritsch (an der böhmischen Grenze) in Mähren geboren, begann die Erziehung von Weiss wie üblich im Cheder, wo er die Bibel nach der Mendelssohn’schen Übersetzung sowie Mischna und später Talmud und Grammatik lernte. Zuhause brachte man ihm weltliches Wissen bei.

Im Jahr 1830, also mit 15 Jahren, übersiedelte Weiss nach Ungarn, genauer nach Eisenstadt, wo er die Jeschiwa besuchte. Sein Lehrer war ein Landsmann von ihm, Rabbi Isaak Mosche Perles, dessen Söhne Abraham und Zvi Hirsch am älteren jüdischen Friedhof von Eisenstadt begraben sind. (Zu Rabbiner Perles selbst siehe die Anmerkung bei seinem Sohn Zvi.)

Im Jahre 1830 kam ich, ein 15jähriger Knabe, nach Eisenstadt. Mein Lehrer nahm mich mit besonderer Freundlichkeit auf und behandelte mich auch fernerhin mit herzlichem Wohlwollen. Hierzu trug der Umstand wesentlich bei, dass er meinen Onkel sehr schätzte [Es handelt sich um Michl Weiss, bei dem der Neffe in Eisenstadt wohnte und dessen Grab wir im Zuge unseres großen Friedhofsprojekts finden konnten].

Wer einen Begriff von der Wesensart der damaligen ungarischen Jeschiwot hat, dem brauche ich nicht näher auseinanderzusetzen, dass sich mir in Eisenstadt ein ganz neuer Anblick darbot. Die Anzahl der Zöglinge war recht groß und die meisten stammten aus Ungarn. … Viele von den Bachurim waren gewandte Pilpulisten und bekundeten großen Scharfsinn in der halachischen Diskussion, aber nur wenige besaßen außerhalb des Bereichs der Gemara irgendwelche literarischen oder wissenschaftlichen Kenntnisse, und diese wenigen stammten aus Mähren oder Böhmen. Unter den ungarischen Bachurim fand ich hingegen keinen einzigen, der die ganze Bibel durchgenommen hatte, und der etwas von der hebräischen Grammatik verstand, geschweige denn, dass einer von ihnen profanes Wissen besessen oder auch nur Neigung gezeigt hätte, sich solches Wissen anzueignen. Über diesen Anblick war ich entsetzt. Schon zur Zeit meines Studiums in der Jeschiwa meines ersten Lehrers hatten die Studiengefährten mir Angst gemacht, ich würde mich aller außertalmudischen Studien enthalten müssen, falls ich eine ungarische Jeschiwa besuchen wollte. Sie erzählten mir, in Ungarn gelte die Beschäftigung mit weltlichen Studien als eine Sünde, und die dortigen Rabbiner hielten ihre Schüler von jeglicher Lektüre deutscher Bücher ab, ja selbst die hebräische Grammatik und das nichttalmudische hebräische Schrifttum seien dort als ‚profane Wissenschaft‘ streng verpönt.

Weiss schildert danach sehr anschaulich, wie solche Jeschiwazöglinge, die sich gegen jegliches weltliche Wissen wandten, Kollegen, die anders dachten, mit Lügen beim Lehrer anschwärzten. Immer wieder, so Weiss, wurden über ihn Geschichten erfunden, bis es ihm reichte und er schon nach zwei Jahren einfach kurzerhand die Jeschiwa verließ und nach Nikolsburg ging. Weiss lässt diesbezüglich kein gutes Haar an den ungarischen Jeschiwot:

Es gab um jene Zeit fast keine Jeschiwa, in der diese Seuche nicht verbreitet war; überall wucherte das Angebertum unter den Bachurim.

Auch in Nikolsburg blieb Weiss nur zwei Jahre, verbrachte die folgenden Jahre im Haus seiner Eltern, bis er 1858 nach Wien kam und da eine Stelle als Korrektor in der berühmten Druckerei von Samarski und Ditmarsch erlangte. Nach drei Jahren wurde er als Rabbiner und Lehrer ans Bet- ha-Midrasch, das von Dr. Adolf (Ahron) Jellinek gegründet worden war, berufen, wo er bis zu seinem Lebensende als Lektor wirkte.

Zwischen 1871 und 1891 erschien sein fünfbändiges Hauptwerk „Dor dor we-dorschaw (Die einzelnen Zeitalter und ihre Wortführer)“, das eine systematische Literaturgeschichte der Halacha oder des mündlich überlieferten Toragesetzes von der biblischen Zeit bis nach der Vertreibung der Juden aus Spanien darstellt.

5 Bände Dor dor we-dorschaw

Deutsch wird „Dor dor we-dorschaw“ meist zitiert als „Zur Geschichte der jüdischen Tradition“, im Englischen „The History of the Jewish Tradition“. Es handelt sich dabei hauptsächlich um ein erzählendes, deskriptives Werk, nicht primär um eine kritische Arbeit. Weiss hielt etwa fest an der mosaischen Urheberschaft des Pentateuchs und damit eben an Avot 1,1: מֹשֶה קִבֵל תוֹרָה מִסִינָי (Moses empfing die Tora vom Sinai). Genau dieser Punkt war auch der Hauptkritikpunkt für viele Gelehrte, wie etwa Abraham Geiger, der das Werk Weiss‘ als zu traditionell und unkritisch bezeichnet. Und das, obwohl sich Geiger, der 1874 starb, nicht einmal auf Dor dor we-dorschaw beziehen konnte. Von orthodoxen Gruppen wiederum wurden die Ansichten von Weiss als ketzerisch verdammt.

Weiss – und dies gilt für sein gesamtes Oeuvre – ist ein Meister der Detailmalerei. Mit unzähligen Details liefert er uns ein Bild der Begründer der Wissenschaft des Judentums, seien dies die Gelehrten des Ostens wie Salomo Juda Rapoport, der spätere Oberrabbiner von Prag, Nachman Krochmal oder Isak Bär Levinsohn. Genauso ausführlich detailliert widmet er sich den Gründern der Wissenschaft des Judentums im Westen wie Leopold Zunz, Samuel David Luzzatto, dem Dozenten an der ersten wissenschaftlichen Rabbinerlehranstalt, dem Collegio Rabbinico in Padua, das 1829 gegründet wurde, Isak Samuel Reggio, der die Gründung dieses Rabbinerseminars anregte, Heinrich Graetz, dessen elfbändige „Geschichte der Juden von den Anfängen bis auf die Gegenwart“ das erste moderne umfassende jüdische Geschichtswerk des späten 19. Jahrhunderts ist, und dem schon genannten Abraham Geiger.

Weiss starb am 30. Mai 1905 im 91. Lebensjahr in Wien.

Zitiert wurde oben aus „Zichronotai“ (Meine Erinnerungen), dem autobiografischen Werk von Weiss, das zu seinem 80. Geburtstag im Jahr 1895 in Warschau erschien und im vollen Titel „Meine Erinnerungen – von meiner Kindheit bis ich 80 wurde“ lautet.


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Das Testament einer bedeutenden Frau

Frumet „Babe“ Wolf

Die bedeutendste und prominenteste Familie des jüdischen Viertels von Eisenstadt in jüngerer Zeit – die „burgenländischen Rothschilds“, wie sie der Mattersburger Arzt und Schriftsteller Richard Berczeller einmal nannte – war zweifellos die reiche Weinhändlerfamilie Wolf. Die jüdische Gemeinde hatte ihr u.a. eine Reihe von Wohltätigkeitsstiftungen und Institutionen – wie etwa einen Montessori-Kindergarten (außerhalb des jüdischen Viertels) – zu verdanken. Erwähnt muss vor allem Alexander (Sándor) Wolf werden, Weinhändler und mit seiner beachtlichen Sammlung Mitbegründer des heutigen Landesmuseums. Sándor Wolf war übrigens der Sohn von Ignaz Wolf, dem jüngsten Sohn von Leopold Wolf. Franziska (Frumet) „Babe“ Wolf ist daher die Urgroßmutter von Sándor Wolf.

Die Wurzeln der Familie reichen bis in die Wiener jüdische Gemeinde zurück. In Eisenstadt ist erst der ca. 1718 verstorbene Benjamin Wolf Austerlitz greifbar, der höchstwahrscheinlich als Wiener Exulant vor 1690 über Nikolsburg hierhergekommen war und somit zu den Gründervätern der wiederrichteten Gemeinde zählte. Sein Sohn, Salman ben Wolf Jeiteles ha-Levi Austerlitz, starb 1725 in Eisenstadt. Dessen Enkel, Chajjim Wolf ha-Levi Kittsee, verdankte den Beinamen „Kittsee“ seinem Vater Meir Kittsee, der offenbar eine Zeitlang in der jüdischen Gemeinde Kittsee wohnhaft war. Er nannte sich mit bürgerlichem Namen Joachim und übernahm den (ursprünglichen) Vornamen Wolf in seinen Namen, sodass er als Stammvater im engeren Sinn der Familie Wolf bezeichnet werden darf.
Joachim Wolf war bemüht, sich weltliche Bildung anzueignen, und nützte die Zeit der josephinischen Toleranz, um als Kaufmann weite Reisen zu unternehmen. 1790 schließlich gründete er in Eisenstadt eine Weinhandlung.

Besonders seine zweite Frau, Frumet Brilin, mit bürgerlichem Namen Franziska (Fanni), geboren ca. 1770 und in der Gemeinde schlicht „Babe Frumet“ genannt, war wohl eine der faszinierendsten Frauen in der Geschichte der jüdischen Gemeinde Eisenstadt.
Endlich konnten wir im Zuge unseres großangelegten Friedhofsprojekts den Grabstein von Frumet Wolf und jene von zwei ihrer Söhne, Leopold und Asriel (Israel), finden.

Wachstein schreibt über sie:

„Es war wirklich eine außergewöhnliche Frau, diese Frumet oder Franziska Wolf, … außergewöhnlich durch die Herzensgüte … sowie durch die Tatkraft und den scharfen Verstand, die sie in hervorragendem Maße auszeichneten. Güte, Verstand und Energie vereinigen sich selten in einem und demselben Menschen, zumal bei einer Frau (sic!)….
Die Frau stand mitten im Erwerbsleben wie der Mann, ja oft noch mehr als der Mann, der zuweilen gelehrten oder jenseitigen Dingen nachhing …

Die Heirat mit Chajjim Wolf, dessen zweite Frau sie war, geschah im Jahre 1786. Die Ehepakten sind vom Donnerstag, 2. Adar II 546 = 2. März 1786 datiert.“

Als Joachim Wolf, nach 37-jähriger Ehe, seinen Tod nahen fühlte, übergab er sein ganzes Vermögen seiner Frau. Diese überlebte ihren Mann um 26 Jahre und blieb nun Zeit ihres Lebens anerkanntes Familienoberhaupt. 19 Jahre vor ihrem Tod, im Jahr 1830, verfasste sie ihr viele Seiten umfassendes Testament, das hier in zwei kurzen Auszügen wiedergegeben werden darf:

Scan Faksimile Testament Franziska Wolf

Scan Faksimile Testament der Franziska (Frumet) Wolf, 1830.


Hier, meine lieben Kinder! habe ich meinen letzten Willen kundgegeben. Wenn nun manche von euch besser bedacht zu werden geglaubt, und manche wieder lieber gewünscht, dass ich gar kein Testament gemacht hätte; so finde ich dieses zwar sehr natürlich, allein, glaubet mir, so schwer, ja, so unmöglich es beinahe ist, in einem Testamente den Wünschen allen dabey Betheiligten ganz zu entsprechen, eben so ungerecht und unvernünftig ist es, da, wo Missverhältnisse obwalten, ohne Testament die seinigen zu verlassen, und solcher gestalt die Vertheilung seiner Verlassenschaft den bestehenden Gebräuchen oder Gesetzen zu überlassen, die doch keinen Unterschied machen, noch machen können.

Das Testament regelt dann in einzelnen Punkten alle finanziellen Angelegenheiten rund um Barvermögen, Haus und Besitz, die Synagogensitze, ihre Kleinodien, Wäsche und Kleidungsstücke, alle von ihren Töchtern oder Schwiegersöhnen ausgestellten Wechsel oder Obligationen und formuliert die Pflichten der Söhne wie, etwa dass diese „am Sterbetage ihres seligen Vaters 10 F., schreibe zehn Gulden in Silberzwanziger, zu gleichen Theilen … an den jedesmahligen Orts-Rabiner und an Arme und Nothleidende zu verteilen haben“ …

Das Testament schließt mit ausgesprochen schönen mahnenden Worten:

Zum Abschiede sollt ich euch, meine lieben Kinder, Lehren und Lebensregeln hinterlassen, da Ihr aber alle erwachsen seyd, so kann ich euch keine solchen geben, wie man sie unmündigen Kindern zu geben pflegt, ich werde mich daher auf einige zwar allgemeine, aber wichtige Lehren beschränken:
Vornehmlich vermahne ich euch zur Tugend und Gottesfurcht, ohne welche Ihr weder ganz glücklich auf Erden, noch jenseits Ruhe und Belohnung finden werdet. Seyd mit eurem Geschick, und mit dem, was Ihr habt, zufrieden und richtet Eure Bedürfnisse nach eurem Einkommen ein, seyd friedfertig gegen Jedermann und unter Euch selbst. Lasset ja verderblichen Familien-Zwist keinen Zugang zu euch finden. Seyd vielmehr einig und unterstützt euch gegenseitig mit Rath und That. Ihr müsst Euch näher und fester einander anschliessen. Ihr habt es nöthig und werdet es mehr als jemahls nöthig haben, wenn der für euch mehr als für mich, traurige Fall eintritt, dass eure Mutter aus eurer Mitte euch entrissen wird, und so – gleichsam der Mittelpunkt seinem Kreise entschwindet. – Lebet wohl und empfanget hiermit den Segen.

Eurer bis in den Todt treuen Mutter
S. S. Fani Wolff.
Eisenstadt, am 8-ten September 830.

Scan Faksimile Testament Franziska Wolf

Scan Faksimile Testament der Franziska (Frumet) Wolf, 1830.

Alle Zitate: Wachstein B., Die Grabinschriften …, a.a.O., 252ff


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Wer hat das Ghettokind an der Hand geführt …

…als sich ihm die Türen der vornehmsten Paläste öffneten? Nur sein Talent.

Im Zuge unseres großen Projekts zum älteren jüdischen Friedhof in Eisenstadt (das sich übrigens schon langsam dem Finale nähert) stießen wir auch auf die Grabsteine von Samuel und Henriette Kerpel, den Eltern des berühmten Malers Leopold Kerpel.

Der Grabstein des Vaters ist unscheinbar, die Inschrift kaum leserlich. Er wurde 1945 offensichtlich als Panzersperre verwendet, dann aber wieder auf den jüdischen Friedhof zurückgebracht.

Bernhard Wachstein äußert sich ausführlich zu Samuel und insbesondere zu seinem berühmten Sohn Leopold Kerpel:

„Das Totenregister nennt den Verstorbenen Samuel ben Itzik Chajjat (Schneider). Von Isak findet sich kein Grabstein mehr vor, aber Sarl Frau Isak Chajjat, die in den Totenmatrik den Namen Kerpel führt, liegt in der Nähe ihres Sohnes begraben. Isak ist zweifellos ein Sohn des Moses Chajjat ben Isak, welch letzterer sicherlich nach seinem Schneiderhandwerk den Namen Chajjat führte, oder dem diese Bezeichnung beigelegt wurde. Die Frau des Moses Chajjat, Rachel, ist in der Nähe ihres Mannes begraben. Wann der Berufsname Chajjat, der sich zum Familiennamen Schneider umgestaltete, sich in den Namen Kerpel verwandelte, ist mir gegenwärtig nicht feststellbar. Die handwerkliche Fertigkeit in der Familie sollte sich jedoch bei einem ihrer Mitglieder zur künstlerischen Gestaltungskraft steigern, denn der in Eisenstadt geborene Maler Leopold Kerpel entstammt dieser Schneiderfamilie. Er ist ohne Zweifel ein Sohn unseres Samuel Kerpel.

Scan Buchseite Grammatik Moses Rath

Leopold Kerpel, Italienische Landschaft, Öl auf Leinwand, Copyright: Landesmuseum Burgenland



Ich halte es nicht für überflüssig, eine Notiz von André Csatkai über Leopold Kerpel aus der Ödenburger Zeitung vom 20. April 1920 mit Rücksicht darauf, dass ein Tageblatt eine nicht leicht zugängliche Quelle ist, hierher zu setzen:

Zur Zeit des Aufenthaltes von Markó [1801 -1860, lebte etwa seit 1830 in Eisenstadt] tauchte ein begabter Maler aus dem Eisenstädter Ghetto auf, namens Leopold Kerpel. Geboren wurde er etwa 1819 (diese Jahreszahl ist nicht ganz sicher festzustellen, denn die Matrikeln der isr. Gemeinde reichen nur bis um 1830 zurück). Es ist gut annehmbar, dass das Beispiel Markós den jungen Knaben auf die Künstlerlaufbahn gebracht hat, ja eine persönliche Begegnung wäre auch nicht ausgeschlossen, doch sicher ist sie nicht. Kerpel studierte in Wien, wo er 1845 das erstemal auf einer Ausstellung der Akademie vor die Öffentlichkeit trat. 1846 erweckte sein Bild, das römische Kolosseum darstellend, die Aufmerksamkeit der Erzherzogin Maria Dorothea, die es kauft und das Nationalmuseum in Budapest damit beschenkt. Nach 1849 macht Kerpel eine Reise über Deutschland nach Russland, sie ist ein wahrer Siegeszug. Er berichtet seinem Landsmann Schneider darüber in einem Briefe, dessen Fragment sich im Besitze des Apothekers W. Kerpel befindet.

Von Wien reiste der Maler nach Prag. Die alte Kaiserin, Ferdinands Gattin, kauft von ihm ein Albumblatt um 100 Gulden. Dann verweilt er in Teplitz. Der Herzog Clary und seine Sippschaft nehmen sich seiner gütigst an und erwerben mehrere Gemälde von ihm. In Dresden wird er ebenfalls freundlich empfangen. Der kaiserliche Legat Kuefstein, der später Hofmeister in Wien wurde, führte ihn in die besten Gesellschaften ein; auch der König von Sachsen beehrt ihn mit dem Kauf seiner Gemälde. Kerpel reist bald nach Berlin, wird mit Humboldt bekannt, der ihn dem preußischen König vorstellt. Jener bestellt bei ihm zwei Bilder, die Kerpel in zwei Monaten verfertigt und dann übersiedelt er nach Russland, wo er große Touren macht, besichtigt Moskau, Petersburg und auch Finnland. Das Fragment endet – leider ohne Datum – mit der Beschreibung des Marktes in Nischni-Nowgorod.

Wer hat das Ghettokind an der Hand geführt, als sich ihm die Türen der vornehmsten Paläste öffneten? Nur sein Talent.

Kerpel hat sich in Wien ständig niedergelassen, verdiente schön und war nicht darauf angewiesen, sich in die Pensionsgesellschaft der Wiener Künstler einschreiben zu lassen. Er starb 1880, 61 Jahre alt. Kerpel ist seinen Landsleuten vollends unbekannt; meine Nachfragen in Eisenstadt waren bisher ohne Erfolg.
In Ödenburg befinden sich meines Wissens drei seiner Gemälde: Im Museum eine Landschaft: Forchtenstein in einer romantisch-düsteren Auffassung darstellend, mit Signatur und Jahreszahl 1861; dann zwei Familienbildnisse im Privatbesitz: ein männlicher Kopf, sehr ausdrucksvoll, und ein weiblicher, weniger bedeutend.
Kerpel verfertigte schöne Lithographien vom Badeorte Pystian, und zwar eine Folge mit acht Ansichten, Quartfolio, und eine mit zehn Ansichten, Kleinquartfolio. Beide Serien sind recht selten.

Zum Geburtsjahr, das nach Csatkai nicht sicher steht, wäre auf die Konskriptionsliste vom Jahre 1836 bei Markbreiter, Beiträge S. 82, Nr. 22 hinzuweisen, wo Leopold, der Sohn des Samuel Kerbel (lies Kerpel) 18 Jahre alt ist. Danach wäre er also 1818 geboren. Nach der Grabschrift auf dem Wiener Zentralfriedhof starb er am 16. April 1880 im 61. Lebensjahre. Sie lautet:

פ“א איש ישר הולך נכוחו כהר“ר איצק ליב קערפעל נ“ע מילידי אייזענשטאט יע“א אשר הלך לעולמו ביום עש“ק ה’ אייר תר“מ לפ“ק תנצב“ה

Hier ruht Herr Leopold Kerpel, akadem. Landschaftsmaler, gestorben am 16. April 1880 im 61. Lebensjahre. Er ließ nach 19jähriger Ehe eine Witwe in tiefer Herzenstrauer zurück.

Der edlen Kunst geweiht Dein Leben
War treu Dein Herz und ernst dein Streben.
Voll Biedersinn in Tat und Wort
Lebst Du in deinen Werken fort.“

Wachstein B., Die Grabinschriften …, a.a.O., 249f

Ergänzt sei noch die wörtliche Übersetzung der hebräischen Grabinschrift (des erwähnten Grabes am Zentralfriedhof):

H(ier liegt) g(eborgen) ein rechtschaffener Mann, in seiner Redlichkeit wandelnd, d(er) e(hrbare) H(err) Itzik Löb Kerpel, s(eine Ruhe) s(ei Wonne), aus Eisenstadt, G(ott möge) d(ie Stadt) a(ufbauen), gebürtig. Der in seine Welt ging am V(orabend) d(es heiligen) Sch(abbat), 5. Ijjar 640 n(ach der) k(leinen) Z(eitrechnung). S(eine Seele) m(öge) e(ingebunden sein) i(m Bund) d(es Lebens).

Die von seiner Ehefrau aufgegebene Todesanzeige finden Sie auf geni.com.
Interessant dabei ist, dass im deutschen Teil der Grabinschrift „im 61. Lebensjahr“, auf der Todesanzeige aber „im 62. Lebensjahr“ steht.

In Wien fand im Jahr 1846 eine vielbeachtete Ausstellung von Kerpel statt, in der vor allem seine italienischen Landschaftsbilder gezeigt wurden.

Mit „Markbreiter“ oben ist gemeint:
Beiträge zur Geschichte der jüdischen Gemeinde Eisenstadt nach archivarischen Quellen, bearbeitet von Moritz Markbreiter, Wien 1908.

Angemerkt muss noch werden, dass das Landesmuseum Burgenland im Besitz von 13 Bildern des Malers Leopold Kerpel ist. Vielleicht können wir Kerpel mit einer Ausstellung bald auch hierorts bekannter machen …

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Schawu’ot 5775

Der kommende Schabbat ist Erev Schawu’ot, der Vorabend des Schawu’otfestes. Es ist, wie schon an anderer Stelle angemerkt, in erster Linie das „Fest der Toragebung“, der Tag, an dem Gott dem Volk Israel die Tora gegeben hat, der Tag, an dem Israel die 10 Gebote erhielt.

Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern unserer Koscheren Melange ein fröhliches Schawu’ot!

חג שבועות שמח!

Und zum Stichwort Tora ein originelles Fundstück aus dem Wien der Zwischenkriegszeit:

Scan Buchseite Grammatik Moses Rath

Genesis 1,1-5 in Hebräisch sowie sefardischer, deutsch-aschkenasischer und polnisch-aschkenasischer Aussprache (Auszug aus dem Hebräischlehrbuch von Moses Rath).

Und selbstverständlich reichen wir gerne noch die deutsche Übersetzung nach:

Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde. Und die Erde war wüst und leer, und Finsternis war über der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es wurde Licht. Und Gott sah das Licht, dass es gut war; und Gott schied das Licht von der Finsternis. Und Gott nannte das Licht Tag, und die Finsternis nannte er Nacht. Und es wurde Abend, und es wurde Morgen: ein Tag.

Der Verfasser des hebräisch-deutschen Lehrbuchs „Sfat Amenu“ (Die Sprache unseres Volkes, Wien 1920) war Moses Rath, der während des 1. Weltkriegs aus Kolomea in der Westukraine nach Wien gekommen war. Er erteilte Hebräischunterricht und war der letzte Direktor der Bibliothek der Israelitischen Kultusgemeinde vor der Shoa.

Vielen Dank an Chaya-Bathya (Claudia) Markovits für Idee und Scan!

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Schloss Hartheim … und dann kamen die grauen Busse…

Schwerpunktausstellung 2015

Die Ausstellung besteht aus 4 Teilen:

  1. Schloss Hartheim
  2. NS-Euthanasie im Burgenland
  3. Kunstwerke von Menschen mit besonderen Bedürfnissen
  4. Film: Das Mordschloss

Schloss Hartheim, Copyright: Dokumentationsstelle Hartheim des OÖLA

Schloss Hartheim, Copyright: Dokumentationsstelle Hartheim des OÖLA

NS-Euthanasie im Burgenland

In eine der Direktion nicht genannte Anstalt übersetzt

Im Zuge der Arbeiten an der Datenbank der Opfer des Nationalsozialismus im Burgenland stellte sich heraus, dass es auch viele Opfer der NS-Euthanasie gab. Daraus entstand die Idee, diesen Opfern ein Gedenken im Rahmen einer Ausstellung zu widmen. Das Projektteam, Dr. Herbert Brettl und Mag. Michael Hess, sind bei ihrer jahrelangen Vorarbeit in österreichischen und deutschen Archiven auf über 350 dokumentierte burgenländische Opfer der NS-Euthanasie gestoßen. Daraus entwickelte sich die Idee zu einer Wanderausstellung sowie einem Begleitband.

Die mobile Ausstellung „NS-Euthanasie im Burgenland“ und ihr Begleitband versuchen, die Opfer aus der Anonymität einer abstrakten Zahl herauszuheben. Der Wahnsinn „NS-Euthanasie“ betraf nicht nur anonyme Opfer irgendwo im Deutschen Reich an einem fernen Ort, sondern geschah direkt neben unserer Haustür, in unseren Gemeinden, an Menschen, die unseren Eltern und Großeltern persönlich bekannt waren.

Unter den NS-Euthanasieopfern, die im Schloss Hartheim ermordet wurden, waren etwa 800 Juden, darunter 19 aus dem Burgenland.

Kuratoren: Dr. Herbert Brettl und Mag. Michael Hess.

Kunstwerke von Künstlerinnen und Künstlern, die heute in Hartheim wirken

Die Ausstellung entstand in Kooperation mit KULTUR FORMEN HARTHEIM. Wir zeigen 78 Kunstwerke von Menschen mit besonderen Bedürfnissen.

Kuratorinnen:
Mag.a art. Kristiane Petersmann und Mag.a art. Duygu Uzun.

Scan Buchcover F. Scharinger

Scan Buchcover Franz Scharinger, Florina und andere Models

Das Mordschloss – Der Film

Schloss Hartheim im Schatten der Vergangenheit. Das Schloss, lange Zeit ein Pflegeheim, wird zu einer Mordanstalt des Dritten Reichs für sogenanntes „unwertes Leben“. Der Journalist Tom Matzek sammelte drei Jahre lang Daten und Fakten zu den ungeheuerlichen Vorgängen auf Schloss Hartheim. Der Tötungswahn der Euthanasiefanatiker in Hartheim ging so weit, dass mit Mauthausen ein Konkurrenzkampf in Sachen Massenmord geführt wurde. Matzek rekonstruiert das Grauen im Mordschloss anhand persönlicher Schicksale von Opfern, Tätern, Augenzeugen und Widerstandskämpfern…

Bus Hartheim, Copyright: Dokumentationsstelle Hartheim des OÖLA

Bus Hartheim, Copyright: Dokumentationsstelle Hartheim des OÖLA

Gesamtkonzept: Österreichisches Jüdisches Museum
Kuratorin/Kurator:
Christa Krajnc und Franz Ramesmayer.

Wir danken:

  • Amt der Burgenländischen Landesregierung
  • Amt der Oberösterreichischen Landesregierung
  • Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim
  • Kulturformen Hartheim
  • Tom Matzek und ORF

Die Schwerpunktausstellung ist ab sofort besuchbar, die Eröffnung der Ausstellung wird am 21. Juni 2015 stattfinden. Wir laden dazu gesondert ein.

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