Von jüdischen Ritualen und ihrer christlichen Verarbeitung

Die jüdischen Hintergründe des christlichen Festes “Darstellung des Herrn”

Vom recht speziellen Verhältnis zwischen Judentum und Christentum (und seinen Untiefen) war an dieser Stelle schon mehrfach die Rede – in dieser Tradition und aus aktuellem Anlass heute ein kurzer Seitenblick auf den christlichen Festkalender: Am 2. Februar begeht das Christentum das Fest “Darstellung des Herrn” (auch: “Mariä Lichtmess”) – ein Fest mit expliziten, wenn auch vielleicht erklärungsbedürftigen jüdischen Referenzen.

Der thematisch zugrundeliegende bzw. am 2. Februar gelesene Text stammt aus dem Lukasevangelium 2,22ff:

Dann kam (…) der Tag der vom Gesetz des Mose vorgeschriebenen Reinigung. Sie brachten das Kind nach Jerusalem hinauf, um es dem Herrn zu weihen, gemäß dem Gesetz des Herrn, in dem es heißt: Jede männliche Erstgeburt soll dem Herrn geweiht sein.
Auch wollten sie ihr Opfer darbringen, wie es das Gesetz des Herrn vorschreibt: ein Paar Turteltauben oder zwei junge Tauben.

Offenkundig sind in dieser Passage (die übrigens unmittelbar an eine Notiz zur Beschneidung des Jesusknaben anschließt) mehrere religiöse Praktiken verknüpft: “Reinigung”, “Weihe der Erstgeburt” sowie ein nicht näher bezeichnetes Tauben-”Opfer”, bei Lukas erzählerisch zusammengehalten durch den Verweis auf das “Gesetz” sowie die Verortung im Tempel.

Schalom Ben-Chorin hat, im “Mirjam”-Band seiner “Heimkehr”-Reihe, jene Stelle aus jüdischer Perspektive erläutert und die eingearbeiteten Referenzen aufgeschlüsselt (zum Folgenden vgl. auszugsweise eben S. Ben-Chorin: Mutter Mirjam. Maria in jüdischer Sicht. 5. Aufl. München 1987, S. 66-72). Angesprochen ist im obigen Lukas-Text zunächst das Motiv der “Reinigung der Wöchnerin”, ausgeführt in 3. Mose 12: Die Reinigung ist hier mit einer 33 Tage (bei Mädchen: 66 Tage) nach der Geburt zu vollziehenden Opferhandlung verbunden, wobei als Opfertiere ein Schaf sowie eine junge Taube bzw. Turteltaube vorgesehen sind; sofern aber die Frau

die Mittel für ein Schaf nicht aufbringen kann, soll sie zwei Turteltauben oder zwei junge Tauben nehmen …

3. Mose 12,8

womit deutlich ist, dass das Tauben-”Opfer” im Lukas-Text genau dieses “Reinigungs”-”Opfer” meint.
Daneben steht (weiter nach Ben-Chorin) jenes Ritual, das hier, nach der Einheitsübersetzung, mit der Wendung “dem Herrn weihen” beschrieben ist (andere Übersetzungen, z.B. Luther 1984, haben an dieser Stelle “dem Herrn darstellen”). Gemeint ist die “Auslösung des Erstgeborenen”, der nach 2. Mose 13,2 dem Herrn “gehört”:

Der Herr sprach zu Mose: Erkläre alle Erstgeburt als mir geheiligt! Alles, was bei den Israeliten den Mutterschoß durchbricht, (…) gehört mir;

genauer ausgeführt ist die “Auslösung” in 4. Mose 18,15:

Du musst aber den Erstgeborenen bei den Menschen auslösen …

– festgelegt ist auch der Zeitpunkt der Auslösung (“nach vollendetem dreißigsten Lebenstag” bzw. wird die „Auslösung (…), falls der 31. Tag auf einen Schabbat oder Festtag fällt, auf den folgenden Wochentag verschoben”) sowie der “Auslösungspreis” (Ben-Chorin 1987, S. 69, 72).

Damit sind wir freilich auf eine religiöse Praxis gestoßen, die (anders als der Lukas-Text nahelegt) keineswegs exklusiv an den Tempel gebunden ist – und entsprechend “bis heute noch praktiziert [wird]. Der Vater des Kindes zahlt einem Priester (…) das vorgeschriebene Lösegeld in Silbermünzen” (ebd. S. 69f.). Eine im Ganzen unbedingt lesenswerte Erklärung dieses “Pidjon haBen” (oder Pidjon haBechor) genannten Vorgangs gibt Michael Rosenkranz in einem Beitrag auf Talmud.de.

Hier außerdem – Youtube sei dank – die besagte Zeremonie in bewegten (Home-Movie-)Bildern:

Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir Schalom Ben-Chorins großartige “Heimkehr”-Trilogie (Jesus, Paulus und Maria in jüdischer Sicht; auch in Einzelbänden erhältlich) – mehr als 30 Jahre alt und weiterhin unerreicht!

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Der ältere jüdische Friedhof in Eisenstadt

Im zweiten Beitrag unserer kleinen Serie “Am jüdischen Friedhof” wurde der ältere Friedhof in Eisenstadt als Beispiel für einen Friedhof zitiert, auf dem die Prominenz (im herkömmlichen Sinn) rar und die Steine nur selten kunsthistorisch bedeutend sind.

Eisenstadt hat zwei jüdische Friedhöfe, den älteren und den jüngeren. Die erste Datierung eines Grabsteins auf dem älteren jüdischen Friedhof stammt vom 3. Juli 1679, der Friedhof wurde bis 1875 belegt. Im selben Jahr wurde der jüngere Friedhof angelegt. Dieser jüngere jüdische Friedhof wurde von uns zwischen 1992 und 1995 bearbeitet und liegt als Publikation vor.

Eingangstor zum älteren jüdischen Friedhof, auf einer Postkarte aus den 1920er Jahren

Das Tor ist heute nicht mehr vorhanden. Der Friedhof ist sozusagen in zwei Teile geteilt, zwischen den beiden heute eingezäunten Hälften befindet sich ein öffentlich begehbarer Fußweg.

Der ältere jüdische Friedhof, am nordwestlichen Ende des jüdischen Viertels gelegen, umfasste im Jahr 1922 1.140 Grabsteine mit ausschließlich hebräischen Grabinschriften. In diesem Jahr erschien die bedeutende Publikation von Dr. Bernhard Wachstein, dem langjährigen Direktor der Bibliothek der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, über diesen Friedhof (Wachstein B., Die Grabinschriften des Alten Judenfriedhofes in Eisenstadt, Eisenstädter Forschungen, hrsg. Von Sándor Wolf, Band I, Wien 1922). Wachstein nahm alle Grabsteine des älteren Friedhofes mit hebräischer Abschrift und manchen Verweisen auf Belegstellen aus Bibel und rabbinischer Literatur sowie einigen Fotos auf. Wachstein verzichtete auf eine Übersetzung und legt die Textbearbeitung nur hebräisch in Form von Quellenverweisen, in der Regel ohne Kommentierung, vor. Diese Vorgangsweise macht einerseits das Zielpublikum seiner Arbeit – nämlich den mit der Traditionsliteratur vertrauten jüdischen Leser – deutlich und erschwert andererseits dem nichtjüdischen oder mit der jüdischen Traditionsliteratur nicht vertrauten Leser den Umgang mit seiner Arbeit immens.

Alte Ansicht des älteren jüdischen Friedhofs in Eisenstadt

Der Eisenstädter Friedhof ist zum Unterschied von anderen alten jüdischen Friedhöfen vollständig baumlos. Nur einiges Gebüsch verkleidet die Mauer. Die Gräber entbehrten, wie es bei gesetztreuen Juden selbstverständlich ist, des Blumenschmuckes, und nur Graswuchs – ohne Beimengung von hässlichen Unkräutern – überzieht die Ruhestätten mit seinem Grün.
Das Terrain ist eben, an manchen Stellen bemerkt man jedoch Aufschüttungen von Erdreich, die dazu dienten, um über den alten Gräbern neue anlegen zu können. Die Steine stehen an diesen Stätten dicht nebeneinander, weil die der tiefen Gräber auch hinauf gestellt wurden …
Die Denkmäler des Eisenstädter Friedhofes zeigen in Form und Aussehen vielfach Ähnlichkeiten mit denen des Wiener Friedhofes. Es liegt dies in der Natur der Sache, denn nicht nur die ersten Ansiedler waren Wiener Emigranten, sondern auch ein ganz erheblicher Zuzug leitete sich von Wien her …
Einige Steine des Eisenstädter Friedhofes müssen sogar in Wien angefertigt worden sein … Aber bald wussten sich die Eisenstädter in der Friedhofkunst von Wien unabhängig zu machen. Hatten sie ja ein vorzügliches eigenes Steinmaterial, den Bergeisenstädter, oder St. Margarether und Oszliper Kalkstein, der außerordentlich leicht bearbeitbar, nun beinahe ausschließlich verwendet wurde …

Lange wussten wir nicht, wie viele Grabsteine den Holocaust überlebten und sich heute auf dem Friedhof befinden (aus mir unerfindlichen Gründen scheint es unmöglich zu sein, ohne Hilfsmittel Grabsteine auf einem jüdischen Friedhof auch nur einigermaßen korrekt zu zählen). Vor einigen Jahren brachte eine von der Freistadt Eisenstadt gesponserte Vermessung des Friedhofes ein für uns erstaunliches, jedoch höchst erfreuliches Ergebnis: Am Friedhof befinden sich heute 1.104 Grabsteine, also beinahe genau so viele wie 1922.

In Wachsteins Buch finden wir drei verschiedene Nummerierungen der Grabsteine, am Friedhof selbst immerhin zwei. Jene beiden, die wir – so überhaupt sichtbar – auf Grabsteinen lesen können, sind alte bzw. sehr alte Nummerierungen, eine in Hebräisch gravierte und eine mit arabischen Zahlen. Wachstein verwendet eine dritte Nummerierung in seinem Buch, notiert aber bei jedem Grabstein beide alten Nummern. Die Unlesbarkeit der meisten alten Nummern heute macht eine Zuordnung der in Wachsteins Werk aufgenommenen Grabsteine am Friedhof in den meisten Fällen extrem schwer. Vor allem auch, weil sehr viele der Inschriften kaum gelesen, die Grabsteine daher nicht sicher identifiziert und zugeordnet werden können. Wachstein konnte für seine Bearbeitung auf Quellen wie etwa das “Schwarze Buch” der Gemeinde zurückgreifen. Heute existieren weder das “Schwarze Buch” der Gemeinde noch ein Lageplan oder andere Informationen, die uns helfen könnten, einzelne Grabsteine zu finden. Auch Wachstein verzichtet leider auf einen Lageplan.

Ausschnitt aus Wachsteins Buch, der die drei verschiedenen Nummerierungen zeigt

Bleibt abschließend zu wiederholen: Der ältere jüdische Friedhof in Eisenstadt ist ein Beispiel, bei dem die Bestandssicherung mit der Sicherung von Inschriften, im konkreten Fall etwa mit der Zuordnung der Grabsteine zu den bereits vorhanden Abschriften Wachsteins, beginnen muss.

Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir einen Blick auf die Fotos vom älteren jüdischen Friedhof in Eisenstadt auf unserer Facebook-Seite.

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Ein Burgenländer – der erste Jude Salzburgs

1498 wurden alle Juden Salzburgs von Erzbischof Leonhard von Keutschach des Landes verwiesen und durften sich bis 1867 (Staatsgrundgesetz) nicht in der Stadt aufhalten.

In diesem Jahr gelang es Albert Abraham Pollak als erstem Juden das Niederlassungsrecht wieder zu erlangen. Pollak wurde 1833 in Mattersdorf geboren, starb 1921 und ist am jüdischen Friedhof in Salzburg Aigen begraben.
Er wurde schon 1873 als Bürger von Salzburg akzeptiert und legte den Grundstein für den Neubeginn der jüdischen Gemeinde der Stadt. Bald wurde Pollak zum angesehenen “k.u.k. Hofantiquar”, später sogar zum “kaiserlichen Rat”.
Die Stadtgemeinde hatte Pollaks Anrecht akzeptiert, nur der Bürgermeister soll angeblich den Ausspruch getan haben:

Sie sind der erste, aber auch der einzige und letzte Jude in Salzburg.

Der Bürgermeister sollte irren. Am 28. Jänner 1881 sind in Salzburg 18 “Israeliten” mit ihren Familien belegt. Darunter Albert Pollak, verheiratet mit Karoline, 7 Kinder. Für uns besonders interessant ist, dass insgesamt 5 Juden aus dem Mattersdorf/Ödenburger Komitat und 2 aus dem Komitat Lackenbach/Ödenburg kommen.

Ansuchen Albert Pollaks vom 22. März 1867

Ansuchen Albert Pollaks vom 22. März 1867 um eine Trödler-Konzession und seine Bearbeitung (Archiv der Stadt Salzburg), aus: Marko Feingold, Ein ewiges Dennoch, Wien 1993,18.

Löbliches Gemeindeamt!

Ich wünsche in der Stadt Salzburg ein Tändler- (Trödler-) Gewerbe zu betreiben, u. da ich nach dem anliegenden pfarramtlichen Sittenzeugnisse eines guten Leimundes mich erfreie, und durch meinen langjährigen hiesigen Aufenthalt mir die nöthigen Lokal- u. fachlichen Kenntnisse angeeignet habe, um ein derlei conzessioniertes Gewerbe zu erlangen, so bitte ich um die Ertheilung der erforderlichen Conzession, u. bemerke zur Ausfüllung der Rubriken im Gewerbsvormers-Buche, daß ich 34 Jahre alt, zu Matersdorf in Ungarn gebürtig bin. Den Standort des Betriebes, Gewölbe oder sonstigen Lokalität bin ich noch nicht im Stande anzugeben …

Salzburg, am 22. May 1867
Albert Pollak mp
Goldwaarenhändler

Marko Feingold, Ein ewiges Dennoch, Wien 1993,19

Da 1943 der Verkauf von Grabsteinen auf dem jüdischen Friedhof genehmigt wurde, ist es fast ein Wunder, dass der Grabstein von Albert Pollak erhalten blieb.

  • Grabstein von Albert Pollak am jüdischen Friedhof Salzburg
  • Blick auf den Grabstein von Albert Pollak am jüdischen Friedhof Salzburg


Vorgestern, am Freitag, war ich vom Institut für religionspädagogische Bildung Salzburg eingeladen, anlässlich einer Veranstaltung zum (heutigen!) Tag des Judentums, über den jüdischen Friedhof zu sprechen. Am Vormittag referierte Prof. Gerhard Langer vom Zentrum für Jüdische Kulturgeschichte der Universität Salzburg. Nachmittags kamen etwa 40 Interessierte auf den jüdischen Friedhof und hielten fast 90 Minuten trotz sehr kühler Temperatur und 15cm Schnee durch. Danke allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern!

Besonders gefreut habe ich mich, dass auch der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg, Hofrat Marko Feingold und seine Gattin an der Veranstaltung teilnahmen und mit uns am jüdischen Friedhof waren. Herr Feingold hielt eine kurze Einführung in den jüdischen Friedhof Salzburg Aigen und wusste manch launige Geschichte über den “Burgenländer” Albert Pollak zu erzählen.
So soll Pollak zeit seines Lebens die Tracht als Kleidung bevorzugt haben und bei offiziellen Anlässen immer darauf hingewiesen haben, dass er “Vegetarier” sei (um die koscheren Speisegesetze möglichst halten zu können).

Gemeinsam mit anderen schon länger in Salzburg Ansässigen gründete Albert Pollak 1892 eine Ortsgruppe des “Kranken-Unterstützungs- und Beerdigungsvereines Chewra Kadischa” und reichte gemeinsam mit Moritz Bäck bei der Bezirkshauptmannschaft Salzburg den Bauplan für die Friedhofsanlage samt Leichenhaus ein. Der jüdische Friedhof in Salzburg Aigen war danach schnell errichtet, siehe auch unser “Bild der Woche”.

Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir die Lektüre des Buches des Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburgs: Marko Feingold, Ein ewiges Dennoch. 125 Jahre Juden in Salzburg, Wien 1993.

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Am jüdischen Friedhof II

Arnstein, 20 Millionen und die “fremden” Friedhöfe

Aus gegebenem Anlass soll dieser Beitrag als zweiter Beitrag unserer kleinen Serie “Am jüdischen Friedhof” eingeschoben werden.

Am 22. Dezember 2009 kam es in Österreich nach neun Jahren endlich zur Einigung, wer die Erhaltung, also die Bestandssicherung der jüdischen Friedhöfe bezahlen und wie die Finanzierung in den kommenden 20 Jahren gewährleistet sein soll. Thomas Rottenberg erklärt im Standard auch sehr gut, was der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde, Dr. Ariel Muzicant, mit einem “verspäteten Chanukkageschenk” gemeint hat.

Im ersten oben verlinkten Beitrag heißt es u.a.:

Länder und Bund hatten jahrelang darüber gestritten, wer für die Erhaltung zahlen soll – die Friedhöfe waren währenddessen verfallen.

Selbstverständlich verfallen die Friedhöfe nicht erst seit 2001, und doch ist insbesondere in den letzten Jahren der zunehmende Verfall drastisch (drastischer?) und deutlich sichtbar. Es verfallen aber nicht “nur” kunsthistorisch mehr oder minder wertvolle und bedeutende Grabdenkmäler, sondern – insbesondere – die Lesbarkeit der Inschriften wird jährlich schlechter. Die Grabsteine versinken in der Anonymität, vor allem dann, wenn es – wie etwa im Burgenland – keine Protokollbücher der Chevra Kadischa (Heilige Bruderschaft), Memor-Bücher oder gar Friedhofslisten und Lageplanregister gibt.

Der ältere jüdische Friedhof in Eisenstadt, Foto: David Peters

Noch einmal sei angemerkt, dass es hier im Burgenland 14 jüdische Friedhöfe gibt, deren etwa 8.000 Gräber mit einer Ausnahme (der junge Friedhof in Oberwart, Anfang 20. Jahrhundert) nur hebräische Inschriften aufweisen. Insbesondere diese hebräischen Grabinschriften lassen die Friedhöfe für viele Menschen namenlos und entseelt und damit oft (tendenziell) fremd wirken (siehe etwa auch den unseligen 2. Kommentar zum Thema).

Die Historikerin Tina Walzer, laut derstandard.at die Expertin für jüdische Friedhöfe generell, wünscht als erste Schritte:

Man müsste ganz dringend den Bewuchs roden und im Zaum halten und im nächsten Schritt alle besonders wertvollen Grabdenkmäler innerhalb der nächsten drei Jahre sanieren

Wenn diese Aussage auch in erster Linie auf den jüdischen Friedhof Währing abzielt, so stellen sich meines Erachtens doch einige Fragen.
In der ersten Reaktion habe ich getwittert, dass nicht die “besonders wertvollen Grabdenkmäler”, sondern die besonders gefährdeten als erstes saniert gehören, also jene, die man in drei Jahren nicht mehr oder noch weniger als heute lesen kann (Tweet 1, Tweet 2).

Gemeint ist damit:
Was sind denn nun eigentlich genau “besonders wertvolle Grabdenkmäler”?
Es ist schon richtig, dass kunsthistorisch besonders wertvolle Grabdenkmäler ehestmöglich renoviert werden müssen, und es ist meist auch richtig, dass die großen Namen wie Wertheim(b)er, Russo, Königswarther oder Arnstein und Eskeles eben diese (aus kunsthistorischer Sicht) besonders wertvollen Grabdenkmäler besitzen.

Auf den jüdischen Friedhöfen im Burgenland – die ältesten Grabsteine stammen immerhin aus dem Ende des 17. Jahrhunderts – finden wir aber keine Wertheimers oder Arnsteins und die bedeutenden Rabbiner haben zumeist genauso einfache Grabsteine wie die einfachsten Gemeindemitglieder. Grabmäler aus (Kalk)Sandstein sind mehr oder minder Standard, aber – im Gegensatz etwa zum Währinger Friedhof – in den allermeisten Fällen kein Zeichen dafür, dass die Toten ärmere Gemeindemitglieder gewesen wären. Selbst die (hebräischen) Grabinschriften lassen vom Umfang her oft nicht auf die Bedeutung der Bestatteten schließen, berühmte Rabbiner haben mitunter bescheidene und auffällig kurze Grabinschriften (siehe etwa das Grab von Rabbi Meir Eisenstadt).

Außer auf dem (aufgearbeiteten) jüngeren jüdischen Friedhof von Eisenstadt können heute so gut wie keine konkreten Gräber auf den jüdischen Friedhöfen des Burgenlandes gefunden werden.

Einer der Feinde des Verstehens ist die Anonymität und es gilt dringend, hebräische Inschriften auf jüdischen Grabsteinen dieser Anonymität zu entreißen, auch, damit sie vielleicht von weniger Menschen als fremd wahrgenommen werden. Und auch dann, wenn die Toten keine berühmten Personen waren und ihre Inschriften für biografische Forschungen nur sehr bedingt verwendbar und durch ihre Stereotypie sogar oft nur von mäßigem Interesse sein mögen.

Ich würde mir wünschen, dass die Erhaltung der jüdischen Friedhöfe (nicht nur) im Burgenland nicht immer mit dem Reparieren der Friedhofszäune beginnt und dem Aufstellen von umgefallenen Grabsteinen endet …

In der nächsten Folge dieser Serie dann der ursprünglich für heute geplante Beitrag: Wie Sie auch ohne großartige Hebräischkenntnisse Namen und Todesdaten in hebräischen Inschriften finden und übersetzen können …

Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir einen virtuellen Ausflug auf den jüdischen Friedhof Währing (Website leider nicht ganz aktuell).

Update 11. Jänner: Marco Schreuder zeigt in seinem Blog einige sehr informative Videos zum Währinger Friedhof, die wir hier – passend zu unserem Tipp – einbetten dürfen:

weiterlesen im Beitrag ›Am jüdischen Friedhof II‹ »

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Über Ochs & Esel

Oder: Ein Weihnachtsidyll und seine (Selbst-)Demontage

Ochs und Esel gehören, gemeinsam mit Josef, Maria und Klein-Jesus, bekanntlich zum klassischen Figurenbestand der Weihnachtskrippe – also jener traditionsreichen Darstellung der Geburtsszene Jesu, die alljährlich um die Weihnachtszeit in christlichen Kirchen und Häusern anzutreffen ist (siehe als Beispiel das aktuelle Bild der Woche).

Doch – weshalb? Warum lässt das christliche Brauchtum Ochs und Esel an der Krippe stehen? Und – was hat diese Frage eigentlich in diesem Blog verloren …?

Aber der Reihe nach.

Die naheliegendste Antwort auf die Frage nach der Herkunft von Ochs und Esel, nämlich: “Das steht wohl so in der Bibel …!?”, ist – nun ja – richtig und grundfalsch zugleich.

Betrachten wir die Sache genauer. Von den vier Evangelien des Neuen Testaments bieten nur Matthäus und Lukas Erzählungen über die Geburt Jesu. Matthäus (1-2) nun bringt zwar einen ausführlichen Vor- und Nachspann, erzählt von der übernatürlichen Empfängnis, den “Sterndeuter(n) aus dem Osten”, der Bedrohung durch Herodes (samt “Kindermord von Betlehem”) und der Flucht nach Ägypten, die eigentliche Geburtsszene aber ist zur historisch-geographischen Notiz verkürzt: geboren “zur Zeit des Königs Herodes in Betlehem in Judäa” (Matthäus 2,1).

Das klassisch-beschauliche Bild der Krippenszene dagegen wird von der Erzählung des Lukas geprägt (2,6f.):

… Maria … gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war.

Bei Lukas also finden wir Jesus und Familie tatsächlich in bzw. an der Krippe – von tierischer Gesellschaft, sprich Ochs und Esel, weiß allerdings auch Lukas nichts.

Offensichtlich liegt also eine Ergänzung des neutestamentlichen Textes durch die christliche Tradition vor. Um diese aufzuklären, müssen wir (in einer christlichen Bibel: buchstäblich) zurückblättern – genauer zum Propheten Jesaja/Jeschajahu (der übrigens auch an anderen Stellen der neutestamentlichen Geburtserzählungen herbeizitiert wird). Jesaja erwähnt tatsächlich Ochs und Esel, dies allerdings in gar nicht beschaulichen Zusammenhängen:

… der Herr spricht: Ich habe Söhne großgezogen und emporgebracht, doch sie sind von mir abgefallen. Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn; Israel aber hat keine Erkenntnis, mein Volk hat keine Einsicht. Weh dem sündigen Volk…

Jesaja 1,2ff.

Wenn aber diese Jesaja-Passage über die Schuld und Uneinsichtigkeit Israels mit der Geburtserzählung Jesu verknüpft wird, wie in der klassischen Krippenszene durch die Aufnahme des “Ochs und Esel”-Motivs der Fall, ergibt sich offensichtlich eine prekäre Schieflage – nämlich in Richtung eines christlichen Antijudaismus.

Treffsicher beschreibt etwa Pinchas Lapide die besagte Verarbeitung des Jesaja-Textes in der christlichen Tradition als antijüdische Umwertung prophetischer – und damit klarerweise: innerjüdischer – Kritik, und erklärt: Der

‘Abfall’ Israels wurde durch den Ochs und den Esel im Stall zu Bethlehem greifbar verdeutlicht, um sowohl typologisch als auch ikonographisch zu beweisen, dass solches Vieh, zum Unterschied von den Juden, das Kind in der Krippe bereits als den zukünftigen Heiland ‚erkannt‘ habe.

Pinchas Lapide/Ulrich Luz: Der Jude Jesus. Thesen eines Juden. Antworten eines Christen. 3. Aufl. Patmos: Düsseldorf 2003. S. 89f.

Eine Deutung, der sich christliche Exegeten, durchaus mit kritischem Blick auf die eigene Tradition, anschließen – so etwa der Bonner Alttestamentler Ulrich Berges, dessen Jesaja-Erläuterung an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt:
Die “christliche Tradition von Ochs und Esel an der Krippe des Jesuskindes” gehe auf die besagte Jesaja-Stelle zurück, “und zwar mit einer nicht zu rechtfertigenden antijüdischen Polemik, das Gottesvolk habe den Messias nicht erkannt.”
Stuttgarter Altes Testament. Erläuterung zu Jes 1,2-4. S. 1394.

Nun wäre es zweifellos töricht anzunehmen, das Wissen um diesen problematischen Subtext des “Ochs und Esel”-Motivs sei christliches Allgemeingut (oder, noch alberner: der durchschnittliche Krippenaufsteller ein antijüdischer Provokateur); eher ist wohl das Gegenteil der Fall (eine Blitz-Umfrage in meinem theologischen Bekanntenkreis hat jedenfalls ergeben, dass selbst von diesen “professionellen Christen” kein einziger aus dem Stand die Herkunft von Ochs und Esel korrekt angeben konnte…).

Sehrwohl aber erscheint das “Ochs und Esel”-Motiv im Licht seiner Herkunft als Indiz eines traditionsreichen, tief eingewurzelten und auch ins Unbewusst-Folkloristische abgesunkenen christlichen Antijudaismus. Seine idyllische Unschuld hat es damit jedenfalls verloren …

Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir – quasi als Kontrast zu dieser eher düsteren Betrachtung – ein sehr spezielles und auf seine Weise herrlich un-idyllisches “Weihnachtslied” … dem übrigens (wie unlängst auch schon getwittert) LA Weekly den schönen Titel “a drunken, klezmer Xmas” verpasst hat! Enjoy! Zum Video auf youtube.com.

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