Amos Oz – ein Mattersburger?
Vorab gesagt: Die jüdischen Gemeinden des Burgenlands waren mit Prominenz im üblichen Sinne nur spärlich bestückt. Es gilt der Grundsatz Nikolaus Vielmettis,
dass die Prominenten, die in alten Zeiten aus der [Juden-]›Gasse‹ hervorgegangen waren, dem Gelehrten- und Rabbinerstand angehörten und daher außerhalb des Judentums kaum größere Bekanntheit zu erlangen pflegten.
Ausnahmen à la Joseph Joachim bestätigen die Regel.
Die vergleichsweise kurze Liste nicht-rabbinischer Prominenz muss nun allerdings unerwartet ergänzt werden, denn: kein Geringer als Amos Oz, vielübersetzter und -bepreister israelischer Autor, reklamiert für seine Familie “burgendländische” Ahnen!
Eine erste Bemerkung in diese Richtung fand sich in Oz’ “Geschichte von Liebe und Finsternis” (Frankfurt a. M. 2006, 69; danke für den Hinweis auf diese Stelle an Freundin Laurette “שלוש” B.!):
Die Klausners [Oz' Geburtsname ist Amos Klausner; Anm. d. Verf.] stammten aus Odessa, zuvor aus Litauen, und noch früher wohl aus Mattersdorf, dem heutigen Mattersburg im Osten Österreichs, nahe der ungarischen Grenze.
Dass diese (Roman-)Notiz tatsächlich als autobiographische Mitteilung gelesen werden darf, belegt ein Interview aus den 1980ern, in dem Oz ausführlich über die europäischen Wurzeln seiner Familie berichtet (meine Übersetzung):
Ich wurde ursprünglich als Amos Klausner geboren. Ich änderte meinen Namen, als ich 15 war und gegen die Welt meines Vaters rebellierte. Der väterliche Teil meiner Familie jedenfalls stammt aus einem kleinen, nicht sehr kleinen Ort in Österreich. Mein Vater hat den Ursprung der Familie auf einen Rabbiner des 15. Jahrhunderts zurückgeführt, der in Mattersdorf, Österreich, das jetzt Mattersberg [sic!] heißt, lebte. Dieser Rabbiner, Abraham Klausner mit Namen, schrieb ein Buch, das einen sehr genauen Verhaltenskodex im täglichen Leben vertrat. (…) Vermutlich erlangte er eine Stellung als Rabbiner in Wien.
Ein Nachkomme Abraham Klausners sei später nach Litauen übersiedelt: Die Familie, so Oz weiter, lebte zunächst im litauischen Olkeniki (Valkininkai), zog später nach Odessa, schließlich nach Vilnius, von wo aus ein Teil der Familie nach Palästina emigrierte.
Besagter Abraham Klausner ist nun tatsächlich kein Unbekannter: Klausner (so weiß Shlomo Spitzer: Bne Chet. Die österreichischen Juden im Mittelalter. Wien u.a. 1997, 167, 170f.), gestorben 1408, wirkte als Rabbiner in Wien und verfasste eine (wohl von Oz angesprochene) “Sammlung von jüdischen Bräuchen”, Minhage Maharak (bekannt auch als Sefer HaMinhagim, “Buch der Brauchtümer”), die überdies “das erste von Juden in Österreich verfasste literarische Werk” darstellt.
Soweit also stimmen die historischen Belege zur Oz’schen Familientradition. Nicht belegen allerdings können wir aus den uns verfügbaren (und für das mittelalterliche Mattersdorf im Ganzen raren) Quellen eine biographische Verbindung Klausners zu Mattersdorf. Hier müssen wir (vorerst?) mit Shlomo Spitzer (a.a.O.) sagen:
Über R. Abrahams Abstammung wissen wir so gut wie nichts …
Die Klausner’sche/Oz’sche Familientradition (über deren Quellen wir nur spekulieren können) hat diesbezüglich ihre eigene Antwort. Zur Aufnahme in die Reihe der burgenländisch-jüdischen Prominenten sollte das allemal reichen – und Mattersburg könnte sich ja zukünftig vielleicht mit einer “Amos-Oz-Straße” schmücken …
Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir – neben der Oz-Lektüre natürlich – das hervorragende ZDF-/arte-Porträt “Amos Oz. Die Natur der Träume” (auf YouTube, 8 Teile; erstmals gesehen bei Lukas Lehmann).
Schlagwörter: israel, literatur, mattersburg | Kommentare (4)
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Vielen Dank für den Link zur Dokumentation!!
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[...] an anderer Stelle wurde angemerkt, dass die Prominenten der Judengassen im Burgenland in erster Linie dem Gelehrten- [...]
Kleiner Nachtrag zwecks Vollständigkeit:
Tatsächlich erwähnt Oz schon in seiner “Geschichte von Liebe und Finsternis” explizit auch “Rabbi Abraham Klausner, de[n] Verfasser des Sefer Haminhagim, Buch der Bräuche, der am Ausgang des 14. Jahrhunderts in Wien lebte” – und zwar, in Übereinstimmung mit obigem Interview, als Ur-Ur-usw.-Großvater väterlicherseits (Eine Geschichte von Liebe und Finsternis. Frankfurt a.M. 2004. S. 152).
Außerdem findet sich ebd. als geraffte Darstellung der Klausner-Linie das Folgende: Oz’ Vater Jehuda Arie Klausner sei “benannt [worden] nach seinem Großvater, Jehuda Leib Klausner, aus dem Dorf Olkeniki in Litauen, Sohn des Rabbi Jecheskel, Sohn des Rabbi Kaddisch, Sohn des Rabbi Gedalja Klausner-Olkeniki, ein Nachkomme des Rabbi Abraham Klausner…” (ebd., Anm.).
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[...] dazu besonders auch unseren Beitrag Amos Oz – ein Mattersburger? und insbesondere auch den Kommentar von Christopher! Denn der Ur-Ur-usw.-Großvater von Amos Oz [...]