Ein entzückendes kleines Barockpalais

Heute haben wir eine wunderbare Fahrt nach dem früheren Ungarn zum Neusiedlersee unternommen. Der Burgtheaterdirektor Herterich besuchte uns mit seiner Freundin Stella Eisner und mit dem Ehepaar Schalom Asch und so fuhren wir alle zusammen dorthin.

Alles fanden wir dort: Pußta, Wasser, Schilf, Reiher, Lenau, Liszt, Zigeunerdörfer, Wildwest! …

Zum Schluss gab’s noch ein kleines Abenteuer. Wir waren in zwei Autos verteilt, und von Eisenstadt zurück fuhr ich mit Schalom Asch allein. In dieser Hügelei verloren wir die anderen aus den Augen …

Schreibt Alma Mahler-Werfel in „Mein Leben“ (Frankfurt, 1996, 205)

Kurz nach ihrer Hochzeit haben Franz Werfel und seine Frau Alma also Eisenstadt und dort auch das Wolf-Museum besucht. Werfel, der sich intensiver mit Geschichte und Kultur der burgenländischen Juden auseinandergesetzt hatte, war von Sándor Wolf offenbar nachhaltig beeindruckt. In seinem Romanfragment „Cella oder die Überwinder“ (1938/39) hat Werfel dem Schicksal der Juden der „Sieben-Gemeinden“ und insbesondere den Juden Eisenstadts ein literarisches Denkmal gesetzt. Sándor Wolf begegnet uns in „Cella“ als Baron Jaques Emanuel Weil.

Die anachronistische Sonne dieses Dezembertags hatte eine Menge Leute in den Schlosspark gelockt, ältere Herren zumeist und ein paar laute Kleinbürger-Familien. Auf einem der Seitenwege begegnete ich Jaques Weil. Er hieß genaugenommen Jaques Emanuel Edler von Weil. Die Weils spielten unter den Unsrigen vergleichsweise dieselbe Rolle wie das Magnatengeschlecht Esterházy im weiten Lande. … Ihr Haus in der bewussten Gasse, ein entzückendes kleines Barockpalais, stand unter staatlichem Denkmalschutz. Die Sammlung, die Jaques angelegt hatte, und seine großartige Bibliothek führte sogar der Baedeker an.

Franz Werfel, Cella oder Die Überwinder. Versuch eines Romans, Frankfurt 1997, 39

Über Sándor und die Familie Wolf werden wir hier im Blog noch öfter lesen, mit „Sammlung“ meint Werfel das Burgenländische Landesmuseum.
Denn Sándor Wolf war Gründervater, Wohnungsgeber und ständiger Ratgeber und Förderer des Landesmuseums. Bereits Anfang der 1920er Jahre hatte er am Standort des heutigen Landesmuseums, gleich neben unserem Haus, sein Wolf-Museum errichtet.
Von Anfang an war Wolf auch die treibende Kraft für die Gründung eines Burgenländischen Landesmuseums, für das er vorerst – als Provisorium – ein anderes seiner Häuser in Eisenstadt zur Verfügung stellte. Am 14. September 1926 konnte dieses Museum durch Bundespräsident Dr. Michael Hainisch eröffnet und ab 1. Jänner 1927 endgültig der Öffentlichkeit übergeben werden.

Sándor Wolf musste nach der Beschlagnahmung seines Besitzes 1938 über Italien nach Palästina fliehen. Der Direktor des Landesmuseums, Alfons Barb, wurde von den Nationalsozialisten seines Amtes enthoben und pensioniert, „mit Entscheidung des Reichsstatthalters in Österreich vom 19. Jänner 1939 wurden der Landeshauptmannschaft Niederdonau schließlich für das Landesmuseum in Eisenstadt die 4 Wolf-Häuser zur Benützung auf die Dauer von 10 Jahren zugewiesen“.

Josef Tiefenbach, Geschichte des Burgenländischen Landesmuseums. Daten – Fakten – Bilder, Eisenstadt 2009, 34f

Das Landesmuseum ist seit 1938/39 also in jenem Häuserblock untergebracht, der neben dem jüdischen Museum liegt und den Franz Werfel offensichtlich in seinem Romanfragment „Cella oder die Überwinder“ mit dem „entzückenden kleinen Barockpalais“ meint.

Das „Landesmuseum Burgenland Neu“ wurde Ende März 2006 fertiggestellt und es ist schön, dass wieder Gründervater Sándor Wolf die BesucherInnen gewissermaßen begrüßt …

Sandor Wolf, Porträt

Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir das Buch von Franz Werfel „Cella oder Die Überwinder. Versuch eines Romans„, den gleichnamigen Film mit Lotte Ledl und Walther Reyer (1977) sowie das 2009 erschienene Buch „Josef Tiefenbach, Geschichte des Burgenländischen Landesmuseums. Daten – Fakten – Bilder, Eisenstadt 2009.

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