Mirjam – Maria ‚Gottes Geschenk‘

Immer wieder erhalten wir im Museum Anfragen nach der Bedeutung von vor allem hebräischen Vornamen. Und es ist ausgerechnet einer der weltweit verbreitetsten Namen, den zuerst die Schwester Mose, später die Mutter Jesu und andere Frauen trugen, für den es viele sehr unbefriedigende und leider auch falsche Deutungen gibt: MirjamMaria.

מרים

Die sachlich leidlich befriedigende Anknüpfung an ägyptisch „mrjt“ „Geliebte“ kann das auslautende „m“ nicht erklären. Die oft bevorzugte Deutung „Wohlbeleibte“ sieht in dem Namen eine Ableitung von der Wurzel MR‘ „mästen“ und rechnet mit einem bei Frauennamen nie bezeugten Affix –ām, sicher unter dem Einfluss der Tatsache, dass der Name des Vaters von Mirjām und Mose, Amrām, in der Tat mit diesem Affix gebildet ist. Diese Deutung ist sprachlich und sachlich durch nichts zu rechtfertigen.

Wolfram von Soden, Mirjām – Maria „(Gottes-)Geschenk“, Erstpublikation in: Ugarit-Forschungen 2(1970), 269-272.

Dasselbe gilt, so Soden, der Lehrer meines verehrten Lehrers Hans Hirsch für Altsemitistik, auch für alle anderen, oft abenteuerlichen Ableitungsversuche (wie „Wasserprinzessin“ etc.).

Wolfram von Soden geht davon aus, dass „–ām“ kein Suffix sein kann, also kein morphologisches Element, das an die Wurzel gehängt wird, sondern dass das „m“ ein Wurzelkonsonant sein muss. Diese Überlegung legt die Wurzel „RJM“ nahe: akkadisch „riāmu/rāmu“ („schenken“), und „mi-“ muss das bekannte Nominalpräfix sein.

Zum besseren Verständnis des Gesagten sei kurz angemerkt: In den semitischen Sprachen, also auch im Akkadischen und Hebräischen, hängt an der Wurzel eines Wortes (das sind meist 3 Konsonanten) die Bedeutung des Wortes. Vor, zwischen und nach diesen Wurzelkonsonanten (den „Radikalen“) können Konsonanten gesetzt werden, die dann grammatikalische und wortbildende Funktionen besitzen.
Beispiel: An der hebräischen Wurzel „KTB“ (כתב) haftet die Bedeutung „schreiben“. Mit dem Nominalpräfix „M(i)“ erhalten wir das Substantiv „Brief“ „Michtav“ (מכתב).

Nicht verwechselt werden darf das akkadische „riāmu/rāmu“ mit den sehr ählichen Wörtern „rāmum/ra’āmu“ „lieben“ und „rēmum/re’āmum“ „sich erbarmen“.

Wenn also „Mirjām“ (in der Septuaginta, der griechischen Bibelübersetzung, „Marjām“ vokalisiert) „Geschenk“ bedeutet, kann der biblische Name Mirjam eigentlich nur mehr als „Gottes Geschenk“ gedeutet werden. Mit dieser Deutung können wir auch besser verstehen, dass der einzige andere Träger dieses Namens, den die hebräische Bibel kennt, ein Mann ist, nämlich Mirjām in 1 Chronik 4,17, dessen Mutter als ägyptische Prinzessin bezeichnet wird. Denn als Geschenk Gottes können selbstverständlich Mädchen wie Knaben dankbar bezeichnet werden.

„Rīm“ in der Bedeutung „schenken“ ist im Hebräischen sonst nicht belegt, die Wurzel „RJM“ finden wir nur in der Bedeutung „heben“. Es handelt sich aber auch um kein ursprünglich akkadisches Verb, da „riāmu/rāmu“ erst nach 1400 ins Mittelbabylonische und – nur mit dem Substantiv „rīmūtu“ – ins Mittelassyrische übernommen wurde. Offenbar ist dieses „rīmum“ aus einer anderen semitischen Sprache, etwa dem Altamoritischen, entlehnt. Der Name Mirjām/Marjām zeigt lediglich, dass es im Südkanaanäischen von Midian und angrenzenden Gebieten das Wort „mi/arjām“ „Geschenk“ gab, wir wissen aber nicht, ob das Verb „rīm“ zur Zeit von Mose und Mirjam noch in lebendigem Gebrauch war. Da „jarīm“ „er erhöht“ sonst in Namen nicht bezeugt ist, hält der Altsemitist Otto Loretz es für durchaus möglich, dass etwa auch der Prophetenname Jeremia (ירמיהו) als „Gott hat geschenkt“ gedeutet wird (zumindest was die ursprüngliche Bedeutung des Namens betrifft).

Mirjam – Maria, ein „Geschenk Gottes“ – die sprachlich nachvollziehbarste und wohl auch schönste Deutung des bekannten Eigennamens.

Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir Debbie Friedmans „Mirjam’s Song„.

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