Grabstein Mittelalter III

Dieser Grabstein ist der dritte von links der Installation der fünf mittelalterlichen Grabsteine am jüdischen Friedhof Wiener Neustadt.

Untenstehend zwei Fotos des Grabsteines mit unterschiedlichen Qualitäten (auch zu unterschiedlichen Zeiten aufgenommen), um eine möglichst korrekte Lesung der Inschrift zu ermöglichen.
Die Schwalben über den hebräischen Buchstaben werden in der Transkription mit einfachen Anführungszeichen angedeutet.

Simcha, Sohn des Eljakim, Sonntag, 25. Kislew (5)107 = 18. Dezember 1346

  • 3. Grabstein (von links) der Installation mittelalterlicher jüdischer Grabsteine am jüdischen Friedhof Wiener Neustadt'
  • 3. Grabstein (von links) der Installation mittelalterlicher jüdischer Grabsteine am jüdischen Friedhof Wiener Neustadt'


1. Zeile:

Das ist der Stein, den 

2. Zeile:

ich setzte als Grabmal zu Häupten  

3. Zeile:

d(es Herrn) Simcha, S(ohn) d(es Herrn) Eljakim, 

4. Zeile:

der erschlagen wurde, weil er nicht frevelte 

5. Zeile:

mit seinen Händen, und begraben wurde am Sonntag, dem 25. 

6. Zeile:

Kislew im Jahr 107 

7. Zeile:

n(ach) d(er) k(leinen) Z(eitrechnung). G(ott) möge ihm sein Blut rä(chen) 

8. Zeile:

bald in unseren Tagen. S(eine) S(eele) m(öge eingebunden sein) i(m Bund) d(es Lebens). 

1. Zeile:

האבן הזאת אשר

2. Zeile:

שמתי מצבה לראש

3. Zeile:

ר‘ שמחה ב’ר‘ אליקים

4. Zeile:

הנהרג על לא חמס

5. Zeile:

בכפיו ונקבר ביו’א‘ כ’ה‘
 

6. Zeile:

לכסליו בשנת ו’י’צ’א‘

7. Zeile:

לפרט והש‘ ינקו‘ דמו
 

8. Zeile:

במהרה בימינו ו’ת’נ’צ’ב’ה


Die Inschrift ist sehr gut lesbar.

4. und 5. Zeile:
Herr Simcha dürfte ein (frühes) Opfer der Verfolgungen der Juden in der Zeit des Schwarzen Todes gewesen sein. לא חמס בכפיו „Er frevelte nicht mit seinen Händen“ bedeutet, dass er seinem Glauben nicht abtrünnig geworden ist.
Der letzte Buchstabe in Zeile 5 sieht aus wie ein ד (Zahlenwert 4), am Stein selbst ist aber noch schwach ein ה zu erkennen. Da auch der Wochentag, Sonntag, angegeben ist, liegt der 25. Kislew nahe.

6. Zeile:
Die Inschrift (hebräische Transkription und kurzen Anmerkungen zu den Zeilen 4, 5, 7 und 8) wurde schon von Max Pollak aufgenommen in: Die Juden in Wiener Neustadt. Ein Beitrag zur Geschichte der Juden in Österreich”, Wien 1927, Seite 111f.
Pollak gibt als (umgerechnetes) Sterbedatum Sonntag, den 10. Dezember 1346 an. Das ist auch das korrekte Datum nach dem damals (vor 1582) gültigen Julianischen Kalender. Nach dem Gregorianischen Kalender ist der 25. Kislev der 18. Dezember 1346.

Die Jahreszahl 107 wird mit dem Wort ויצא dar- und damit eine bewusste Assoziation mit dem euphemistischen Ausdruck für „sterben“ יצאה נפשה/נשמה „Seine Seele schied“ hergestellt (wörtlich also etwa: „im Jahr, in dem seine Seele schied“ = 107).

7. und 8. Zeile:
„In einer auf Grabinschriften wohl selten anzutreffenden Leidenschaftlichkeit wird denn auch hier dem Wunsche, dass ‚bald, in unseren Tagen‘ sein Blut gerächt werde, Ausdruck gegeben“, schreibt Pollak auf Seite 112.
Anzumerken ist, dass zur Vorstellung, dass der ungerecht erlittene Tod sühnende Kraft hat, als ihre Ergänzung der Glaube an die Vergeltung gehört. Aus Deuteronomium (5. Buch Mose) 32, 43b „ונקם ישיב לצריו וכפר אדמתו עמו“ „Denn er erzwingt die Strafe für das Blut seiner Söhne und entsühnt das Land seines Volks“ wird häufig eine Euphemie für Märtyrer und Opfer der Gewalt. Oft auch in Verbindung mit dem Epitheton הקודש „der Heilige“ als eine Art Ehrentitel.
Vgl. dazu Dr. Zunz, Geschichte und Literatur, Erster Band, Berlin 1845, 334f.
Obowhl Herr Simcha den Ehrentitel „der Heilige“ nicht erhält, muss er aber selbstredend als Märtyrer bezeichnet werden.

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