Grabstein Mittelalter IV

Kela, Tochter des Jehuda, 5. Schvat (5)311 = (Montag,) 22. Jänner 1551

Dieser Grabstein ist der vierte von links der Installation der fünf mittelalterlichen Grabsteine am jüdischen Friedhof Wiener Neustadt.

Die Punkte über den hebräischen Buchstaben (die man heute leider nicht mehr sieht, siehe unten) werden in der Transkription mit einfachen Anführungszeichen angedeutet.

Grabstein von Frau Kela, Tochter des Jehuda, aus dem Jahr 1551? auf dem jüdischen Friedhof Wiener Neustadt

Die Grabinschrift

Inschrift MittelalterIV: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] [Ich stimme die Totenklage an] [אשא קינה]
[2] [über die bedeutende und angesehene] [על אשה חשובה]
[3] [Frau. All ihre Taten] [והגונה וכל מעשיה]
[4] [vollbrachte sie im Glauben. Sie war eine t(üchtige und)] [היתה באמונה אשת]
[5] [g(ottes)f(ürchtige) Frau),] Frau [Kela, Tochter des] [ח‘ י’א‘] מרת [קילה בת]
[6] [H(errn)] Jehuda. Sie wurde begrab(en) [ר‘] יהודה ונקבר[ה]
[7] am 5. Schvat 311? (= 1551) ביום ה‘ שנת ש’ב’ט
[8] n(ach der) k(leinen) Z(eitrechnung). I(hre) S(eele) m(öge eingebunden sein) i(m Bund) d(es Lebens). לפרט ת’נ’צ’ב’ה
[9] Amen, Amen אמן אמן
[10] Sela, Sela סלה סלה


Anmerkungen

Die Inschrift ist nur teilweise deutlich lesbar. Im Bereich von Zeile 5 ist der Stein (nach 1927) abgebrochen. Max Pollak kannte offensichtlich noch den ganzen Stein und transkribierte daher die Inschrift von Zeile 1 an (Max Pollak “Die Juden in Wiener Neustadt. Ein Beitrag zur Geschichte der Juden in Österreich”, Wien 1927, Seite 112). Der Text dieser ersten vier Zeilen und der Großteil von Zeile 5 stehen demzufolge oben in eckigen Klammern.

4./5. Zeile:
אשת ח’ י’א’ ist aufzulösen in: אשת חיל יראת אלהים. Der erste Teil in Anlehnung an Sprüche 31,10 “Eine tüchtige Frau, wer findet sie?”

7. Zeile:

Das Datum ist hier nur mit Vorbehalt angesetzt, da für das Jahr 1551 das Vorhandensein eines jüdischen Friedhofes in Wiener Neustadt nicht bezeugt erscheint.

Max Pollak, a.a.O., S. 112

Ich folge Pollak und lese ebenfalls 311. Da die Jahreszahl mit dem Wort Schvat, also dem Monatsnamen, dargestellt wird (eine sehr elegante Lösung), haben wir wenig Spielraum für andere Interpretationen. Wörtlich gelesen also etwa: “Am 5. des Jahres Schvat”.

ביום ה’ könnte auch “am Donnerstag” bedeuten, in diesem Fall würde aber das Tagesdatum fehlen. Lesen wir statt Schvat תבט, ergäbe der Zahlenwert das Jahr 411, umgerechnet 1651. Bei dieser Lesung würde aber die Monatsangabe fehlen und außerdem ist für 1651 auch kein jüdischer Friedhof für Wiener Neustadt belegt.

Pollak gibt als (umgerechnetes) Sterbedatum den 12. Jänner 1511 (?) an. Das ist auch das korrekte Datum nach dem damals (vor 1582) gültigen Julianischen Kalender. Nach dem Gregorianischen Kalender ist der 5. Schvat der 22. Jänner 1551.

Der Stil der Inschrift ist bis auf die Schlussformel ähnlich dem in neuerer Zeit (17. bis 18. Jahrhundert) gebräuchlichen und wäre wohl geeignet, die Herkunft des Grabsteines aus einer Übergangszeit zwischen zwei Stilgattungen, zwischen dem 13. bis 15. Jahrhundert einerseits, und dem 17. Jahrhundert andererseits zu bestätigen.

Max Pollak, a.a.O., S. 112

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