Der jüdische Barbier und das Neue Testament

Am vergangenen Wochenende zeigte das Wiener Filmmuseum, im Rahmen einer umfassenden Werkschau, Charlie ChaplinsGroßen Diktator“.
Chaplin hat sich darin bekanntlich zweifach besetzt, als jüdischen Barbier und tomanischen Diktator, um am Ende beide Figuren in einem aberwitzigen Rollentausch zusammenzuführen: Chaplin, der Diktator, wird irrtümlich arrestiert, Chaplin, der jüdische Barbier, nimmt seinen Platz ein – und schreitet zur finalen Propaganda-Rede, die er in einen großartig-pathetischen Appell für Menschlichkeit, Freiheit und Demokratie verkehrt.

Was an dieser Schluss-Ansprache auffällt (und mir tatsächlich beim Wieder-Sehen im Filmmuseum erstmals aufgefallen ist): Der jüdische Barbier (nun in seiner Rolle als Diktator) hat auch ein passendes Bibelwort parat – das stammt aber nicht, wie zu erwarten, aus dem Tanach, sondern aus dem Neuen Testament, genauer aus dem 17. Kapitel des Lukasevangeliums:

Lukas 17,20f

Als Jesus von den Pharisäern gefragt wurde, wann das Reich Gottes komme, antwortete er: Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es an äußeren Zeichen erkennen könnte. Man kann auch nicht sagen: Seht, hier ist es!, oder: Dort ist es! Denn: Das Reich Gottes ist (schon) mitten unter euch.

Im folgenden Clip ab 5:21:


Der jüdische Barbier zitiert also verblüffenderweise (und explizit: “Luke 17″!) ein neutestamentliches Jesus-Wort.
Ausdruck einer erzählerischen Nachlässigkeit? Möglich.
Denkbar wäre allerdings auch, dass dieses Aus-der-Rolle-Fallen nicht irrtümlich, sondern aus guten, quasi erzähl-taktischen Gründen geschieht, nämlich: um den fiktionalen Rahmen zu sprengen – ein Wink also, der dem Zuschauer zu verstehen geben soll, dass nun nicht länger der fiktive Charakter des jüdischen Barbiers spricht, sondern Chaplin selbst, der sich mit einem finalen Humanitäts-Appell an sein Kinopublikum wendet …

Ich bin mit der Chaplin-Literatur nicht vertraut genug, um beurteilen zu können, ob dieser Umstand bereits anderweitig diskutiert oder gar geklärt wurde bzw. ob ähnliche Mutmaßungen schon andernorts angestellt wurden, kann also für deren Originalität nicht garantieren … die englischsprachige Wikipedia scheint jedenfalls im Grundsatz dieselbe Richtung einzuschlagen, wenn sie – allerdings ohne Beleg und ohne Bezug auf das Lukas-Zitat – erklärt, die Schlussansprache

is widely interpreted as an out-of-character personal plea from Chaplin

Weitere sachdienliche Hinweise werden dankend entgegengenommen … ;-)

Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir klarerweise Chaplins “großen Diktator” im Filmmuseum, nochmals zu sehen am 14. Dezember und 02. Jänner – oder ausschnittsweise auf YouTube.

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