Über Ochs & Esel

Oder: Ein Weihnachtsidyll und seine (Selbst-)Demontage

Ochs und Esel gehören, gemeinsam mit Josef, Maria und Klein-Jesus, bekanntlich zum klassischen Figurenbestand der Weihnachtskrippe – also jener traditionsreichen Darstellung der Geburtsszene Jesu, die alljährlich um die Weihnachtszeit in christlichen Kirchen und Häusern anzutreffen ist (siehe als Beispiel das aktuelle Bild der Woche).

Doch – weshalb? Warum lässt das christliche Brauchtum Ochs und Esel an der Krippe stehen? Und – was hat diese Frage eigentlich in diesem Blog verloren …?

Aber der Reihe nach.

Die naheliegendste Antwort auf die Frage nach der Herkunft von Ochs und Esel, nämlich: „Das steht wohl so in der Bibel …!?“, ist – nun ja – richtig und grundfalsch zugleich.

Betrachten wir die Sache genauer. Von den vier Evangelien des Neuen Testaments bieten nur Matthäus und Lukas Erzählungen über die Geburt Jesu. Matthäus (1-2) nun bringt zwar einen ausführlichen Vor- und Nachspann, erzählt von der übernatürlichen Empfängnis, den „Sterndeuter(n) aus dem Osten“, der Bedrohung durch Herodes (samt „Kindermord von Betlehem“) und der Flucht nach Ägypten, die eigentliche Geburtsszene aber ist zur historisch-geographischen Notiz verkürzt: geboren „zur Zeit des Königs Herodes in Betlehem in Judäa“ (Matthäus 2,1).

Das klassisch-beschauliche Bild der Krippenszene dagegen wird von der Erzählung des Lukas geprägt (2,6f.):

… Maria … gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war.

Bei Lukas also finden wir Jesus und Familie tatsächlich in bzw. an der Krippe – von tierischer Gesellschaft, sprich Ochs und Esel, weiß allerdings auch Lukas nichts.

Offensichtlich liegt also eine Ergänzung des neutestamentlichen Textes durch die christliche Tradition vor. Um diese aufzuklären, müssen wir (in einer christlichen Bibel: buchstäblich) zurückblättern – genauer zum Propheten Jesaja/Jeschajahu (der übrigens auch an anderen Stellen der neutestamentlichen Geburtserzählungen herbeizitiert wird). Jesaja erwähnt tatsächlich Ochs und Esel, dies allerdings in gar nicht beschaulichen Zusammenhängen:

… der Herr spricht: Ich habe Söhne großgezogen und emporgebracht, doch sie sind von mir abgefallen. Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn; Israel aber hat keine Erkenntnis, mein Volk hat keine Einsicht. Weh dem sündigen Volk…

Jesaja 1,2ff.

Wenn aber diese Jesaja-Passage über die Schuld und Uneinsichtigkeit Israels mit der Geburtserzählung Jesu verknüpft wird, wie in der klassischen Krippenszene durch die Aufnahme des „Ochs und Esel“-Motivs der Fall, ergibt sich offensichtlich eine prekäre Schieflage – nämlich in Richtung eines christlichen Antijudaismus.

Treffsicher beschreibt etwa Pinchas Lapide die besagte Verarbeitung des Jesaja-Textes in der christlichen Tradition als antijüdische Umwertung prophetischer – und damit klarerweise: innerjüdischer – Kritik, und erklärt: Der

‚Abfall‘ Israels wurde durch den Ochs und den Esel im Stall zu Bethlehem greifbar verdeutlicht, um sowohl typologisch als auch ikonographisch zu beweisen, dass solches Vieh, zum Unterschied von den Juden, das Kind in der Krippe bereits als den zukünftigen Heiland ‚erkannt‘ habe.

Pinchas Lapide/Ulrich Luz: Der Jude Jesus. Thesen eines Juden. Antworten eines Christen. 3. Aufl. Patmos: Düsseldorf 2003. S. 89f.

Eine Deutung, der sich christliche Exegeten, durchaus mit kritischem Blick auf die eigene Tradition, anschließen – so etwa der Bonner Alttestamentler Ulrich Berges, dessen Jesaja-Erläuterung an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt:
Die „christliche Tradition von Ochs und Esel an der Krippe des Jesuskindes“ gehe auf die besagte Jesaja-Stelle zurück, „und zwar mit einer nicht zu rechtfertigenden antijüdischen Polemik, das Gottesvolk habe den Messias nicht erkannt.“
Stuttgarter Altes Testament. Erläuterung zu Jes 1,2-4. S. 1394.

Nun wäre es zweifellos töricht anzunehmen, das Wissen um diesen problematischen Subtext des „Ochs und Esel“-Motivs sei christliches Allgemeingut (oder, noch alberner: der durchschnittliche Krippenaufsteller ein antijüdischer Provokateur); eher ist wohl das Gegenteil der Fall (eine Blitz-Umfrage in meinem theologischen Bekanntenkreis hat jedenfalls ergeben, dass selbst von diesen „professionellen Christen“ kein einziger aus dem Stand die Herkunft von Ochs und Esel korrekt angeben konnte…).

Sehrwohl aber erscheint das „Ochs und Esel“-Motiv im Licht seiner Herkunft als Indiz eines traditionsreichen, tief eingewurzelten und auch ins Unbewusst-Folkloristische abgesunkenen christlichen Antijudaismus. Seine idyllische Unschuld hat es damit jedenfalls verloren …

Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir – quasi als Kontrast zu dieser eher düsteren Betrachtung – ein sehr spezielles und auf seine Weise herrlich un-idyllisches „Weihnachtslied“ … dem übrigens (wie unlängst auch schon getwittert) LA Weekly den schönen Titel „a drunken, klezmer Xmas“ verpasst hat! Enjoy! Zum Video auf youtube.com.

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