Bild der Woche – Tucholsky(straße)
Soweit ich mich erinnere, wurde ich am 9. Januar 1890 als Angestellter der ‘Weltbühne‘ zu Berlin geboren …,
schreibt Kurt Tucholsky in seiner (keine 10 Zeilen langen) “Autobiographie” (Gesammelte Werke. Bd. 4, S. 304f.).
Vor runden 120 Jahren also.
In Berlin erinnert an den berühmten Sohn heute u.a. die Tucholskystraße. Die verläuft interessanterweise in unmittelbarer Nähe zur “Neuen Synagoge” – ein Schelm, wer dabei an Tucholskys (vorsichtig gesagt) schwieriges Verhältnis zum Judentum denkt…

Tucholskystraße in Berlin
(zugegeben: damals noch mit Einweg-Kamera und minimaler kreativer Zutat meinerseits),
im Hintergrund die Neue Synagoge
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Schlagwörter: berlin, literatur | Kommentare (13)
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Und dennoch war und bleibt er Jude, denn das Schicksal ist stärker als der Wille.
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Christopher schreibt am 7. Januar 2010 um 17:35
Danke für deinen Kommentar, Yoav -
keine ganz einfache Sache (“Schicksal” geht vor “Wille”? Naja…) – interessant jedenfalls ist in diesem Zusammenhang z.B. die bekannte späte Bemerkung Tucholskys: “Ich bin im Jahre 1911 ‘aus dem Judentum ausgetreten’, und ich weiß, dass man das gar nicht kann”! (zitiert von hier)
Es gibt zum Thema übrigens auch einen eigenen Sammelband der Tucholsky-Gesellschaft – mal sehen: wenn ich mir den beschaffen kann, dann gibt’s darüber vielleicht bei anderer Gelegenheit noch mehr…
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Yoav Sapir schreibt am 7. Januar 2010 um 17:56
Dort, wo der Wille sich durchsetzen kann, ist es kein Schicksal.
Allein die Beschäftigung mit Tucholsky in einem Blog eines jüdischen Museums zeigt klar, wie sinnlos der Versuch ist, aus dem Judentum “auszutreten”, und zwar ganz abgesehen von allen theologischen oder halachischen Erwägungen. Man möchte sogar sagen: Hätte sich Tucholsky selbst nicht die Mühe gegeben, so wäre er wohl nicht gerade so jüdisch in die Geschichte eingegangen…
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Christopher schreibt am 7. Januar 2010 um 19:02
Ohne jetzt zu akademisch werden zu wollen: Herkunft (ob jüdisch oder nicht-jüdisch) ist, wenn ich dich recht verstehe, immer “Schicksal”, weil dem “Willen” entzogen – zugegeben. Sehrwohl aber kann ich “willen”-tlich zu dieser “schicksals”-haften Herkunft Stellung nehmen (nämlich eben: distanzierend oder affirmativ). Und mir scheint, eine solche Stellungnahme sollte auch von den Nachgeborenen ernstgenommen werden (auch wenn sie nicht goutiert wird oder noch nicht einmal recht nachvollziehbar scheint)…- nicht?
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Yoav Sapir schreibt am 7. Januar 2010 um 19:31
“Stellungnahme”, das klingt wie etwas, was ein Politiker tut, auf dessen Tisch eine Angelegenheit landet, mit der er bislang nichts zu tun gehabt hab und dies auch in Zukunft nicht tun möchte, weshalb er sich damit begnügt, zu ihr nur Stellung zu nehmen, damit er wieder seinen eigentlichen Interessen nachgehen kann.
Das aber, womit wir hier zu tun haben, ist, wie im Fall Tucholsky, eher als eine andauernde Selbstbeschäftigung zu bezeichnen, und auch das erscheint mir ziemlich untertrieben. In solchen Fällen ist das Jüdische ein Motiv im Leben, und zu so etwas ist keine “Stellungnahme” möglich, nein, mit so etwas setzt man sich auseinander, zumal selbst die Entscheidung, sich vom Jüdischen (als Herkunft, Kultur, Ethnie oder wie auch immer) zu “distanzieren” nicht ohne eine erhebliche Vor- und Nachgeschichte erfolgt.
Wie oben gesagt, ist es schließlich gerade diese andauernde Auseinandersetzung, welche die Person für die Nachwelt nur umso jüdischer macht, geschweige denn, wenn diese Auseinandersetzung einen kritischen, ablehnenden Charakter aufweist.
Und schließlich stellt sich die Frage, was es konkret bedeuten soll, seine Entscheidung “ernst zu nehmen”: Sollte er jetzt aus Anthologien jüdischer Literatur, Geschichtswerken zur deutsch-jüdischen Geschichte oder, wie bereits oben angedeutet, aus Blogs jüdischer Museen entfernt werden?
Verstehe mich bitte nicht falsch: Ich finde es völlig in Ordnung, dass der Blog eines jüdischen Museums sich mit Tucholsky befasst. Nur wird daran ersichtlich, dass es sich beim Jüdischen großteils nicht um Willen, sondern um Schicksal handelt, und dass Tucholskys Schicksal stärker war und ist als sein ausdrücklicher Wille.
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Christopher schreibt am 7. Januar 2010 um 20:35
Also “Auseinandersetzung”, soll mir auch recht sein. Was “ernstnehmen” in diesem Zusammenhang meint, kann ich gern explizieren: natürlich nicht “Entfernung” Tucholskys aus der jüdischen Geschichte; sehrwohl aber die deutliche Einräumung, dass Tucholskys Selbstverständnis auch die (“willen”-tliche) Distanzierung in Richtung auf dieses “Schicksal” einschließt – genau deshalb auch der obige Hinweis auf das “schwierige Verhältnis” (was klarerweise nicht meint, dass damit das “Schicksal”/die Herkunft gegenstandslos wird – es ist nun mal das Wesen des “Schicksals”, dass man ihm nicht entkommt (c;) . Nicht “ernstnehmen” hieße dann umgekehrt, dass dieser “Wille” verharmlost oder für gegenstandslos erklärt oder gar verschwiegen wird (quasi eine Auflösung des “Willens” in der Übermacht des “Schicksals”). Insofern ist das “Schicksal” natürlich essentiell (wie auch nicht) – und darf doch, um der ernstgenommenen Autonomie willen, nicht das letzte Wort haben…
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Yoav Sapir schreibt am 7. Januar 2010 um 20:47
Diesen Worten kann ich wiederum weitestgehend zustimmen – und so wird es m. E. auch in der gängigen Praxis gehandhabt. Nur mit dem letzten Punkt habe ich so meine Schwierigkeiten – und um diesen Punkt genau geht es hier ja seit meinem ersten Kommentar: Wer hat das letzte Wort?
In meiner Interpretation (oder aus meiner Perspektive) gehört das letzte Wort doch dem Schicksal, das erzwingt, dass Tucholskys Distanzierung zwar zur Kenntnis genommen und wiederum gebracht, aber de facto nicht in die Tat umgesetzt wird.
Aber ist es wohl wirklich eine Interpretationsfrage.
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Christopher schreibt am 7. Januar 2010 um 21:02
…was wiederum die Frage aufwirft, was “in die Tat umsetzen” meint…aber vielleicht können wir uns versöhnlich (wenn auch – absichtlich – unscharf) auf die Formel einigen: die Dialektik von “Wille” und “Schicksal” ist (als Dialektik) ernstzunehmen (c; genau das schiene mir auch Tucholskys Position, wie Sie im obigen Zitat zum Ausdruck kommt: “ausgetreten, was man gar nicht kann”, wohl am ehesten zu entsprechen!
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Yoav Sapir schreibt am 7. Januar 2010 um 21:58
Ja, obwohl er das auch im theologisch-halachischen Sinne gemeint und dabei an seine christlichen bzw. von christlichen Vorstellungen geprägten Leser gedacht haben könnte, für die ein grundsätzlicher “Abfall vom Glauben” durchaus möglich war, sodass es sie auf die Unmöglichkeit dazu im rabbinischen Denken hinzuweisen gegolten haben kann.
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Leopold_S schreibt am 7. Januar 2010 um 18:31
Ihren Kommentar, Christopher, finde ich ausgezeichnet,
wie Sie mit “feiner Klinge” und wenigen Worten so viel aussagen! Bitte so weitermachen!
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Christopher schreibt am 7. Januar 2010 um 18:48
Ganz herzlichen Dank fürs wiederholte Kommentieren, Leopold – und für die Blumen sowieso…(c;
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[...] This post was mentioned on Twitter by Öst.Jüdisches Museum, Öst.Jüdisches Museum. Öst.Jüdisches Museum said: Übermorgen ist der 120. Geburtstag des Sprachgenies Kurt Tucholsky – neues Bild der Woche online: http://ojm.at/tucholsky [...]
Das gezeigte Bild ist schon ein Synonym für den Spannungsbogen zw. Tucholsky als Jude im Verhältnis zum Judentum allgemein… vielleicht eine Art bildliche Metapher. Man kann seinem Abbild als Foto auf diesem Straßenschild (die Wahrheit suchende “kräßliche Undiplomatie” im Schreien durch die damaligen Gazetten) durchaus auch diese Synagoge zuordnen, die in dem Zusammenhang als Symbol für Fatalismus also Schicksalsergebenheit stehen mag.
Und noch mehr … meiner Meinung nach war es genau dieser Widerwille Tucholskys, sich als unangepasster Freidenker nicht wehrlos einem richtig vorausgeahnten Schicksal zu überreichen, welches sich mit der reaktionären Willkür politischer Schauprozesse nach WK I über die gesamte Weimarer Zeit (die ewig ungewollte und bekämpfte Republik !) hinzog und mit dem Beginn der Nazidiktatur erst in voller Breite lostrat, was sein Jüdischsein sooo “unjüdisch” wirken ließ … nämlich zur Gegenwehr anzusetzen und aufzurütteln, zu wecken, zu zeigen, zu informieren, und in diesem Bemühen nicht mehr nachzulassen. Er beschrieb in seinen Artikeln ja Dinge, die eintraten, nur hatte seine Beschreibung meist eine gehörige Vorlaufzeit. Ein Wunder ? Ich würde meinen ein glänzender Analytiker seiner Gegenwart mit der sensiblen und sicheren Erfassung von Trendigkeit und Strömungen !
Und das ist der schönste Wille den ein Mensch für sich verbuchen kann, wenn Unrecht zur Staatsdoktrin werden soll.
Satiriker, der auch war, sind im Herzen Idealisten … ihr Schicksal ist ein Sterben am Wesen der Unvollkommenheit, weil aus Minderheitenstellung und Alleinstand ein starker Wille doch zur Schwachheit verdammt ist … diesem Schicksal konnte auch Tucholsky nicht mehr entfliehen.
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