Von jüdischen Ritualen und ihrer christlichen Verarbeitung

Die jüdischen Hintergründe des christlichen Festes „Darstellung des Herrn“

Vom recht speziellen Verhältnis zwischen Judentum und Christentum (und seinen Untiefen) war an dieser Stelle schon mehrfach die Rede – in dieser Tradition und aus aktuellem Anlass heute ein kurzer Seitenblick auf den christlichen Festkalender: Am 2. Februar begeht das Christentum das Fest „Darstellung des Herrn“ (auch: „Mariä Lichtmess“) – ein Fest mit expliziten, wenn auch vielleicht erklärungsbedürftigen jüdischen Referenzen.

Der thematisch zugrundeliegende bzw. am 2. Februar gelesene Text stammt aus dem Lukasevangelium 2,22ff:

Dann kam (…) der Tag der vom Gesetz des Mose vorgeschriebenen Reinigung. Sie brachten das Kind nach Jerusalem hinauf, um es dem Herrn zu weihen, gemäß dem Gesetz des Herrn, in dem es heißt: Jede männliche Erstgeburt soll dem Herrn geweiht sein.
Auch wollten sie ihr Opfer darbringen, wie es das Gesetz des Herrn vorschreibt: ein Paar Turteltauben oder zwei junge Tauben.

Offenkundig sind in dieser Passage (die übrigens unmittelbar an eine Notiz zur Beschneidung des Jesusknaben anschließt) mehrere religiöse Praktiken verknüpft: „Reinigung“, „Weihe der Erstgeburt“ sowie ein nicht näher bezeichnetes Tauben-„Opfer“, bei Lukas erzählerisch zusammengehalten durch den Verweis auf das „Gesetz“ sowie die Verortung im Tempel.

Schalom Ben-Chorin hat, im „Mirjam“-Band seiner „Heimkehr“-Reihe, jene Stelle aus jüdischer Perspektive erläutert und die eingearbeiteten Referenzen aufgeschlüsselt (zum Folgenden vgl. auszugsweise eben S. Ben-Chorin: Mutter Mirjam. Maria in jüdischer Sicht. 5. Aufl. München 1987, S. 66-72). Angesprochen ist im obigen Lukas-Text zunächst das Motiv der „Reinigung der Wöchnerin“, ausgeführt in 3. Mose 12: Die Reinigung ist hier mit einer 33 Tage (bei Mädchen: 66 Tage) nach der Geburt zu vollziehenden Opferhandlung verbunden, wobei als Opfertiere ein Schaf sowie eine junge Taube bzw. Turteltaube vorgesehen sind; sofern aber die Frau

die Mittel für ein Schaf nicht aufbringen kann, soll sie zwei Turteltauben oder zwei junge Tauben nehmen …

3. Mose 12,8

womit deutlich ist, dass das Tauben-„Opfer“ im Lukas-Text genau dieses „Reinigungs“-„Opfer“ meint.
Daneben steht (weiter nach Ben-Chorin) jenes Ritual, das hier, nach der Einheitsübersetzung, mit der Wendung „dem Herrn weihen“ beschrieben ist (andere Übersetzungen, z.B. Luther 1984, haben an dieser Stelle „dem Herrn darstellen“). Gemeint ist die „Auslösung des Erstgeborenen“, der nach 2. Mose 13,2 dem Herrn „gehört“:

Der Herr sprach zu Mose: Erkläre alle Erstgeburt als mir geheiligt! Alles, was bei den Israeliten den Mutterschoß durchbricht, (…) gehört mir;

genauer ausgeführt ist die „Auslösung“ in 4. Mose 18,15:

Du musst aber den Erstgeborenen bei den Menschen auslösen …

– festgelegt ist auch der Zeitpunkt der Auslösung („nach vollendetem dreißigsten Lebenstag“ bzw. wird die „Auslösung (…), falls der 31. Tag auf einen Schabbat oder Festtag fällt, auf den folgenden Wochentag verschoben“) sowie der „Auslösungspreis“ (Ben-Chorin 1987, S. 69, 72).

Damit sind wir freilich auf eine religiöse Praxis gestoßen, die (anders als der Lukas-Text nahelegt) keineswegs exklusiv an den Tempel gebunden ist – und entsprechend „bis heute noch praktiziert [wird]. Der Vater des Kindes zahlt einem Priester (…) das vorgeschriebene Lösegeld in Silbermünzen“ (ebd. S. 69f.). Eine im Ganzen unbedingt lesenswerte Erklärung dieses „Pidjon haBen“ (oder Pidjon haBechor) genannten Vorgangs gibt Michael Rosenkranz in einem Beitrag auf Talmud.de.

Hier außerdem – Youtube sei dank – die besagte Zeremonie in bewegten (Home-Movie-)Bildern:

Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir Schalom Ben-Chorins großartige „Heimkehr“-Trilogie (Jesus, Paulus und Maria in jüdischer Sicht; auch in Einzelbänden erhältlich) – mehr als 30 Jahre alt und weiterhin unerreicht!

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