Am jüdischen Friedhof III

Wie Sie auch ohne großartige Hebräischkenntnisse Namen und Todesdaten in hebräischen Inschriften finden und übersetzen können

Vorweg: Selbstverständlich liegt es mir fern zu suggerieren, dass mit keinen oder minimalen Hebräischkenntnissen hebräische Grabinschriften auch nur einigermaßen korrekt erfasst werden können. Da aber der Aufbau von hebräischen Grabinschriften stets mehr oder weniger derselbe ist, können Sie auch mit nur bescheidenen Kenntnissen des Hebräischen (immer wiederkehrende) Strukturen erkennen und mehr aus einer Inschrift herauslesen, als Sie vielleicht vermuten. Insbesondere Name und Sterbedatum sollten meist kein Problem sein.

Salopp formuliert:
Es geht in diesem Beitrag einzig und allein darum, dass Sie eine hebräische Grabinschrift strukturell erkennen und einige Details lesen können. Drucken Sie diesen Beitrag aus, gehen Sie auf den nächstliegenden jüdischen Friedhof mit hebräischen Inschriften und versuchen Sie, einzelne Elemente des untenstehenden Schemas (wie Name, Datum usw.) zu erkennen bzw. zu lesen.

Die hebräischen Buchstaben finden Sie ebenfalls auf unserer Website.

Schematischer Aufbau einer Grabinschrift

Achtung: Hebräisch wird immer von rechts nach links gelesen!

Symbol
(Träneneiche; Krug mit Becken (Leviten); Hände (Kohanim, Priester) etc.)

Hier liegt geborgen פ“ט / פ“נ

פה טמון / טמונה // פה נטמן / נטמנת
po tamun / tmuna // po nitman / nitmenet

Geschlechtsangabe, Titulaturen, ehrende Beiwörter

(Titulaturen und ehrende Beiwörter beziehen sich bei Männern praktisch immer auf religiöse Würden und Ämter, bei Frauen stehen meist Bibelzitate.)

ein Mann („isch“) איש + Eigenschaft(swort), eine Frau („ischa“) אישה + Eigenschaft(swort)

Herr („Rev“) ר“ (רב) + Name, Frau („Marat“) מ“ (מרת) + Name

der CHAVER („He-chaver“, niederer Rang in der Gemeindehierarchie) ה“ח (החבר)

ein angesehener Mann (isch nichbad) איש נכבד

der ehrenhafte Herr (kvod harav) כ“ה (כבוד הרב)

eine bedeutende Frau (ischa chaschuva) אשה חשובה

die bescheidene Frau (ha-ischa ha-znu’a) האשה הצנועה

Name + ז“ל / ע“ה

זכרונו / זכרונה לברכה // עליו / עליה השלום
sichrono / sichrona livracha (sein / ihr Andenken möge bewahrt werden)
alav / aleha ha-schalom (auf ihm / auf ihr sei der Friede)

Herr Mose Wolf, sein Andenken möge bewahrt werden ר“ משה וואלף ז“ל (זכרונו לברכה)

Frau Resl Austerlitz, auf ihr sei der Friede מרת ריזל ע“ה (עליה השלום)

Ableben י“נ

(Das Ableben wird meist durch einen positiven Ausdruck umschrieben;
nur selten: er / sie „starb (met/a)“ מת / מתה)

Seine / Ihre Seele ging hinweg יצאה נשמתו / נשמתה

Todesdatum

(siehe unseren Lexikoneintrag „Zeitrechnung„)

Die Zahlenwerte jener hebräischen Buchstaben, die mit Punkten oder Strichen gekennzeichnet sind, werden einfach zusammengezählt. Das Ergebnis, eine Hunderterzahl, addieren Sie zum (bürgerlichen) Jahr 1240 einfach dazu. Ergibt die Summe z.B. 697 תרצ“ז, haben wir das (Sterbe)jahr 1937 (1240 + 697).
Genau genommen ist dies das jüdische Jahr 5697. Die Zahl 5, also die Tausenderzahl, wird aber meist nicht geschrieben (wie bei uns ’10 statt 2010), es steht statt z.B. 5697 meist nur 697.
Fast immer wird dann nach der Jahreszahl als Zusatz „nach der kleinen Zeitrechnung“, d.h. „ohne Tausenderzahl“, angefügt:

(wörtlich) „nach der kleinen Zählung (lifrat katan)“ לפ“ק = לפרט קטן
Achten Sie auf diese 3 Buchstaben, denn davor steht immer die Jahreszahl!

Vorsicht ist allerdings geboten, wenn ein Datum der Monate Tischre, Cheschwan, Kislew und Tevet umgerechnet wird. Da das jüdische Jahr im Herbst beginnt, fällt ein Datum der genannten vier Monate noch in das „alte“ bürgerliche Jahr.

Meist findet man vor der Jahreszahl (ב)שנת „(bi)schnat“, „(im) Jahr…“ (von: שנה „schana“, „Jahr“).

Lob

(Dieser oft sehr lange Text beinhaltet meist viele biblische und rabbinische Zitate und wird hier nicht näher beschrieben)

Schlussworte (Schlusseulogie) ת“נ“צ“ב“ה

תהי נפשו / נפשה צרורה בצרור החיים
tehi nafscho / nafscha zrura bizror ha-chajim (Seine / Ihre Seele möge eingebunden sein im Bund des Lebens, Anlehnung an 1 Samuel, 25,29).

Es darf schon angekündigt werden: Wir wollen eine neue und überarbeitete Auflage des Hebräischbuches möglichst bald als E-Book zur Verfügung stellen. Im Buch finden Sie ausführlichere Erklärungen und viele Übungen.

Unser Rätsel: Lesen und „übersetzen“ Sie folgende Grabinschrift:

Anmerkung:
Falls Sie gleich hier nach unten zum Rätsel gesprungen sind, ohne unseren Beitrag lesen zu müssen, sind Sie mit unserem Rätsel vermutlich unterfordert ;)

Bitte keine Scheu, das Rätsel ist sehr einfach. Das oben Gelernte kommt noch nicht wirklich zum Einsatz, es geht vor allem um das Erkennen der hebräischen Buchstaben. Sie benötigen für die Lösung kein einziges hebräisches Wort. Die Inschrift ist in deutscher Sprache (mit hebräischen Buchstaben) verfasst und ist der hier original wiedergegebene untere Teil einer Grabinschrift eines Grabes auf dem jüngeren jüdischen Friedhofes in Eisenstadt (siehe Bild! Der obere Hauptteil der Inschrift ist Hebräisch und hier ausgeblendet).

היער רוהעט

דיע ליעבענדע טאכטער

טרייע גאטטין

אונד צארטליכע מוטטער

רעזי איינהארן געב. שפיטצער

געשטארבען אים 26. יאהרע

נאך לאנגעם ליידען

אללגעמיין בעטרויערט

אם 28. פעבער 5637.

Wir verlosen unter den eingesendeten richtigen Lösungen drei (!) GewinnerInnen des Buches „Aus den Sieben-Gemeinden. Ein Lesebuch über Juden im Burgenland“.

  • Bitte schicken Sie die Lösung bis Sonntag, 14. März 2010 an folgende E-Mail-Adresse: raetsel@ojm.at
  • Bitte geben Sie in Ihrer E-Mail an, ob wir Ihren Namen im Falle des Gewinns hier veröffentlichen dürfen
  • Die Reihenfolge der eingelangten Lösungen spielt keine Rolle
  • Am Montag, dem 15. März, ermitteln wir die GewinnerInnen per Los, geben die Namen (wenn erlaubt) bekannt und stellen die Lösung hier selbstverständlich gleich online
  • Es ist das unser erstes Rätsel, bitte haben Sie Nachsicht! Falls etwas unklar ist, zögern Sie nicht zu fragen, am besten gleich als Kommentar unten oder via E-Mail
  • Zur Sicherheit sei nochmals erwähnt: Die hebräischen Buchstaben finden Sie ebenfalls auf unserer Website.
  • Update 14 Uhr: Die Zahlen im Rätsel werden von links nach rechts gelesen!

Wir wünschen Ihnen viel Spaß und Freude beim „Übersetzen“ und freuen uns sehr auf Ihre E-Mails mit den Lösungen!

Update 15. März – Die Lösung unseres kleinen Rätsels:

Hier ruh(e)t
die liebende Tochter,
treue Gattin
und zärtliche Mutter,
Resi Einhorn, geb. Spitzer,
gestorben im 26. Jahre
nach langem Leiden.
Allgemein betrauert
am 28. Feber 5637 (= 1877).

Als Gewinner wurden heute Morgen durch Los ermittelt (die Bücher sind schon unterwegs!):

  • Patrick Frankl, Eisenstadt
  • Ferdinand Creuz, Nagold (D)
  • Ute Schulz, Augsburg (D)

Wir gratulieren sehr herzlich und danken allen, besonders auch jenen, die diesmal nicht gewonnen haben, für die Zusendungen. Besonders erfreulich war, dass nur richtige Lösungen einlangten. Immerhin kamen die E-Mails aus Österreich, Deutschland und Israel :)

Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir als Ergänzung und Weiterführung die Lektüre des jüngst erschienenen Blogbeitrags „Lesen hebräischer Grabsteine – wie geht das?“ auf dem Blog des Jüdisch Historischen Vereins Augsburg.

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