Der Blauglockenbaum

Die mit Abstand von Besucherinnen/Besuchern am häufigsten gestellte Frage in unserem Museum ist – und das mag überraschen – keine zur jüdischen Religion oder zur jüdischen Geschichte, sondern, um welchen Baum es sich im Hof des Wertheimerhauses handelt!

Denn dieser viereckige Hof wird tatsächlich von einem wahrlich beeindruckenden Baum dominiert: einer Paulownia (Paulownia tomentosa oder Blauglockenbaum).

Und da sehr oft nach dem Baum gefragt wird (freilich gibt es auch genügend botanisch sattelfeste BesucherInnen, die nicht fragen, sondern den Anblick nur genießen), sind wir mittlerweile nicht um einigermaßen erschöpfende Antworten verlegen … Antworten, die wir Ihnen nun auch hier im Blog nicht vorenthalten wollen ;)

Auch der Zeitpunkt für diesen Blogbeitrag ist bewusst gewählt, denn der Blauglockenbaum blüht in seiner ganzen Pracht nur wenige Tage Ende April/Anfang Mai.

  • Blühende Paulownia tomentosa (Blauglockenbaum) im Hof des jüdischen Museums
  • Blühende Paulownia tomentosa (Blauglockenbaum) im Hof des jüdischen Museums
  • Blühende Paulownia tomentosa (Blauglockenbaum) im Hof des jüdischen Museums


Der Blauglockenbaum ist in seinem lateinischen Namen nach der russischen Zarentochter Anna Pawlowna (1795 – 1865) benannt.

Damit wären auch schon die notwendigsten Informationen zum Baum gegeben, denen ein Facebookeintrag oder Bild-der-Woche-Beitrag gerecht werden würde – wenn mit der Namensnennung von Anna Pawlowna nicht doch auch einige Assoziationen verknüpft wären, die sich aufdrängen und im Blog eines jüdischen Museums durchaus ihren Platz finden dürfen:

Anna Pawlowna und die Geschichte der Juden im Russischen Reich

Denn Anna Pawlowna, Tochter des russischen Zaren Paul I., war die Schwester der Zaren Alexander I. und Nikolaus I. von Russland. Gleich nach der Thronbesteigung Alexanders I. wurde eine Sonderkommission eingesetzt, die sich mit der Frage der Stellung der Juden beschäftigte und 1804 zum ersten „Jüdischen Statut“ führte. Ein Statut, das Maßnahmen zur „Verbesserung“ der Juden vorsah mit dem erklärten Ziel, die Einwohner des Reiches vor den „nachteiligen“ Aktivitäten der Juden zu schützen. Hatte Zar Alexander I. als probatestes Mittel, die Juden in die Gesellschaft zu integrieren, ihre Bekehrung zum Christentum gesehen, bildete die Regierungszeit seines Bruders und Nachfolgers Nikolaus I. eines der dunkelsten Kapitel in der Geschichte des russischen Judentums. Der entschlossene und hartnäckige Widerstand der Juden jedoch ließ die seit 1840 bestehende „Kommission für die Juden“ zur Einsicht gelangen, dass keine der drastisch verschärften „Verbesserungsmaßnahmen“ (Erziehung durch staatlichen Zwang, Besteuerung der traditionellen Tracht usw.) ihr Ziel erreicht hatte.

Ein russischer Jüngling in Wiener Neustadt

Erst vor wenigen Wochen wurde ich zufällig in die erwähnte Zeit gleichsam zurückversetzt, und zwar durch einen (zumindest für mich) ausgesprochen bemerkenswerten Grabstein auf dem jüdischen Friedhof in Wiener Neustadt:

Grabstein von Jakob Berlin, 1908, jüdischer Friedhof Wiener Neustadt

[1. Zeile:]

H(ier liegt) g(eborgen)  

[2. Zeile:]

der frisch Verheiratete, Edle und Untadelige. 

[3. Zeile:]

Er verbrachte Nächte wie Tage 

[4. Zeile:]

über den Worten der Weisen, 

5. Zeile:

Jakob Berlin, 

6. Zeile:

Nachkomme der Geonim aus Wolozyn. 

7. Zeile:

Im Alter von 21 Jahren ging er zur ewigen Ruhe ein. 

8. Zeile:

Seine Eltern in Dwinsk ließ er in Trauer zurück. 

9. Zeile:

Am 4. Cheschwan 669 (= Donnerstag, 29. Oktober 1908). 

[1. Zeile:]

פ“נ

[2. Zeile:]

הא ברך היקר והתמים,

[3. Zeile:]

שם לילות כימים,

[4. Zeile:]

על דברי חכמים,

5. Zeile:

יעקב ברלין,

6. Zeile:

נכד הגאונים מוואלאזין,

7. Zeile:

בן כ“א שנה הלך למנוחות.

8. Zeile:

את הוריו בדווינסק עזב לאנחות

9. Zeile:

ד“ חשון שנת ת“ר“ס“ט.“


2. Zeile:
Siehe Kommentar von Yoav unten.

3. Zeile:
Vgl. (babylonischer Talmud) Moed Qatan 25b (נשים/משים לילות כימים).

6. Zeile:
Gaon, Plural: Geonim; Titel, der sich in den Lehrakademien im babylonischen Exil (586/7-539 v.d.Z.) entwickelte und zwischen 589 n.d.Z. und 1034 der Amtstitel des Leiters einer hohen rabbinischen Schule war. Insbesondere im Umfeld des Rabbi Elia von Wilna (Gaon von Wilna, 1720-1797) wird der Titel auch noch später für besondere Gelehrte verwendet.

Valozhin (Volozhin), Wolozyn (polnisch), Stadt in Weißrussland, 75 km nordwestlich von Minsk. Berühmtheit erlangte vor allem die Jeschiva, also die traditionelle jüdische Schule von Volozhin, die 1803 von Rabbi Chaim ben Isaac Volozhin (1749 – 1821), einem Schüler des Gaon von Vilna, gegründet wurde. 1854 übernahm Naftali Zvi Jehuda Berlin die Leitung der Jeschiva und schloss selbige im Jahr 1892. Mütterlicherseits ist Naftali Berlin ein direkter Nachfahre des ersten Rabbiners von Eisenstadt, Rabbi Meir Eisenstadt (A“SCH; gestorben 1744).

Der in Wiener Neustadt begrabene Jakob Berlin ist zwar offensichtlich ein sehr naher Verwandter von Naftali Zvi Jehuda Berlin, trotzdem konnte eine direkte Verwandtschaft leider nicht nachgewiesen werden. Wahrscheinlich ist Jakob der Sohn oder Enkelsohn eines Bruders von Naftali Zvi Jehuda Berlin.

8. Zeile:
Dvinsk, im jüdischen Kontext manchmal auch „Dawinsk“, heutiges Daugavpils, die zweitgrößte Stadt Lettlands, etwa 230 km südöstlich der lettischen Hauptstadt Riga. Dvinsk war der Name der Stadt in der Zeit von 1893 – 1920, als sie Teil des Russischen Reiches war. Auf Deutsch ist die Stadt unter dem historischen Namen „Dünaburg/Dinaburg“ bekannt. In der Stadt leben heute knapp 500 Juden.

In Dvinsk konnte kein Familienangehöriger der Berlins gefunden werden. Zudem ist noch fraglich, ob das hebräische Wort הורים (oben übersetzt mit „Eltern“) wie meist im engsten Sinn des Wortes, nämlich als leibliche Eltern, oder im weiteren Sinn verstanden wird und etwa seine Toralehrer o.Ä. meint.

P.S.: Sehe grad, dass es mir offensichtlich nicht möglich ist, einen Beitrag zu schreiben ohne zumindest 1 Grabstein zu erwähnen ;)

Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir schon jetzt das Buch „Das jüdische Wiener Neustadt“ von Werner Sulzgruber, das im September 2010 erscheinen wird! Ich freue mich sehr, dass ich dazu die Transkriptionen/Übersetzungen der hebräischen Grabinschriften beisteuern durfte. Wir werden natürlich berichten …

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Abgelegt in: Burgenland, In eigener Sache, Leben und Glaube

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