Die Pressburger Martinigänse

Am Martinstag (Martini), dem 11. November, pflegt(e) man in Österreich, insbesondere im Burgenland, die traditionelle „Martinigans“ zu verspeisen. Am selben Tag überreichte eine Gesandtschaft der jüdischen Gemeinde in Pressburg (Bratislava) dem Kaiser gestopfte Gänse. Sie betrachtete dies als ein Privileg. Der Ursprung dieses Usus ist unbekannt, da das Archiv der Gemeinde 1809 durch das Bombardement der Franzosen vom 26. – 29. Juni in Schutt und Asche gelegt wurde. Verschiedene Traditionen datieren die Entstehung des Brauches in die Zeit Ferdinands I., Matthias‘ I. oder Josephs II.

Über die Zeremonie selbst findet sich in der Berliner Jüdischen Presse 47 (1887), S. 187 die folgende Beschreibung:

Die Preßburger jüdische Gemeinde kauft durch ihren Vertrauensmann in der Regel 25 Gänse, die eine zeitlang fürsorglich einer Behandlung unterzogen werden, welche der des Professor Schweningers [dt. Arzt; führte ein Sanatorium zur Behandlung Fettsüchtiger] diametral gegenübersteht. Von diesen 25 werden die schönsten 10 Exemplare auserwählt, nach allen Regeln ritueller Kunst aus diesem irdischen Jammertale in ein besseres Jenseits befördert, sorgsam gerupft und mit Bändern in den kaiserlich österreichischen und ungarischen Landesfarben geschmückt. Dem jeweiligen Gemeindevorsteher und zwei Vertrauensmännern fällt die ehrenvolle Mission zu, dieselben dem Kaiser in besonderer Audienz zu überreichen. Zu diesem Behufe erhält die Deputation aus der kaiserlichen Schatzkammer eine große Silberplatte, auf der die Gänse platziert werden. Dem Kaiser wird mit vier, der Kaiserin, dem Kronprinzen, der Kronprinzessin mit je 2 Stück dieser Prachtexemplare aufgewartet.

Claudia (oder mit jüdischem Namen: Chaya-Bathya) Markovits Krempke, geboren 1964 in Wien, lebt seit 1985 in der orthodox-jüdisch geprägten Stadt Bnei-Brak in Israel. Sie ist verheiratet und hat 6 Kinder. Sie ist Forschungsassistentin am Rabbi Samson Raphael Hirsch-Lehrstuhl im Department of Jewish History an der Bar-Ilan Universität, Ramat-Gan, Israel.

Wir freuen uns sehr, dass Claudia (Chaya-Bathya) Markovits Krempke zukünftig Beiträge in unserem Blog beisteuern wird! :)

PS: Übrigens, falls Sie sich wundern, warum wir im Mai einen Beitrag über die Martinigans bringen … den Grund dafür hat uns Claudia selbst in ihrem Kommentar zum Grabstein von Jetel Schlinger geliefert! ;)

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