Die 10 Gebote II

Über die Schwierigkeit, bis 10 zu zählen

Judentum und Christentum sind, wie im ersten Teil dieses Beitrags erläutert, uneins in der Zählung der 10 Gebote.

In der bildlichen Darstellung der Gebotstafeln setzt sich die jüdisch-christliche Differenz im Umgang mit dem Zehnwort fort: Während in jüdischer Darstellung die Gebote 1 bis 5 auf der ersten Tafel, die Gebote 6 bis 10 auf der zweiten Tafel zu stehen kommen, finden sich in christlicher bzw. katholischer und lutherischer Darstellung auf der ersten Tafel die Gebote 1 bis 3 (nach jüdischer Zählung sind dies die Gebote 2 bis 4, also: Fremdgötter-/Bilderverbot, Verbot des Missbrauchs des göttlichen Namens und Schabbatgebot), auf der zweiten Tafel die Gebote 4 bis 10 (nach jüdischer Zählung: 5 bis 10; vgl. Köckert 2007. S. 26-35).

Darstellung der 10 Gebote auf den 2 Gesetzestafeln auf einem Toraschild der Wertheimersynagoge

Verblüffenderweise nun nehmen Juden und Christen für diese ungleiche Praxis ein gerade übereinstimmendes Erklärungsmuster in Anspruch:

„[N]ach allgemeine[r] Auffassung“, so erläutert Schalom Ben-Chorin im Blick auf die jüdische Anordnung der Gebote, „[regeln] die ersten fünf Gebote die Beziehung des Menschen zu Gott (…)“, die Gebote 6 bis 10 betreffen „die Beziehungen zwischen dem Menschen und seinem Nebenmenschen“ (Die Tafeln des Bundes. Tübingen: Mohr 1979. S. 34). Das Christentum weist ganz analog die Gebote der ersten Tafel, d.h. die Gebote 1 bis 3 nach katholischer bzw. lutherischer Zählung, dem „Verhältnis zu Gott“ zu, die Gebote der zweiten Tafel dem „Verhältnis zum Mitmenschen“ (so der christliche Theologe H. G. Pöhlmann: Pöhlmann/Stern 2000. S. 19).

Diese Bestimmung der Gebote der ersten Tafel als das Verhältnis von Mensch und Gott betreffend ist unmittelbar einsichtig für die Gebote 2 bis 4 der jüdischen bzw. 1 bis 3 der christlichen (katholischen und lutherischen) Zählung, also für das Fremdgötter- und Bilderverbot, das Verbot des Missbrauchs des göttlichen Namens und das Schabbatgebot, die von jüdischer und christlicher Seite übereinstimmend auf der ersten Tafel gelistet werden, außerdem auch für die Selbstvorstellung Gottes, also das erste Gebot nach jüdischer Zählung (das in der katholischen und lutherischen Zählung ausfällt).

Erklärungsbedürftig ist allenfalls, warum nach jüdischer Anordnung auch noch das Gebot der Eltern-Ehrung auf der ersten Tafel zu stehen kommt, wogegen es nach katholischer und lutherischer Anordnung auf die zweite Tafel verwiesen wird. „Für uns Juden“, so erklärt Rabbiner Marc Stern, „ist das Elterngebot ein Gebot, das sich auf Gott bezieht, denn Gott ist bei der Zeugung eines Kindes dabei, und wenn ein Kind geboren wird, ist er der dritte Partner neben Vater und Mutter“ (Pöhlmann/Stern 2000. S. 19); Schalom Ben-Chorin ergänzt: Die Eltern stünden für das unmündige Kind „an Stelle Gottes“, freilich: nur sofern sie dem Kind tatsächlich „Gottes Wort und Wille (…) vermitteln“ (Ben-Chorin 1979. S. 97ff.) – entsprechend eben kommt das Gebot der Eltern-Ehrung, als fünftes Gebot nach der Selbstvorstellung Gottes, dem Fremdgötter-/Bilderverbot, dem Missbrauchsverbot und dem Schabbatgebot, auf der ersten Tafel zu stehen, die der Gottesbeziehung gewidmet ist. Christlicherseits wird dagegen das Gebot der Eltern-Ehrung dem zwischenmenschlichen Bereich zugerechnet (vgl. Pöhlmann/Stern 2000. S. 19) – und hat seinen Ort entsprechend auf der zweiten Gebotstafel, wogegen sich die erste Tafel eben auf die drei Gebote der Gottesbeziehung: Fremdgötter-/Bilderverbot, Missbrauchsverbot und Schabbatgebot, beschränkt.

Kurz also: 5 + 5 = 10 = 3 + 7.

In der vergangenen Woche, am 19./20. Mai bzw. am 6./7. Siwan, wurde Schawuot, das Wochenfest, gefeiert, das u.a. die Gabe des Zehnworts bzw. der Tora an das Volk Israel zum Inhalt hat. Als (verspätete)Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir schawuot-typischen Topfenkuchen …;)

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