Chassidische Geburtshilfe

Nach der Geburt meiner zweiten Tochter im März 1988, noch im Spital, ist mir etwas recht Kurioses passiert:

Als ich so durch die Abteilung wanderte, weil mir fad war (ich fühlte mich gesund und munter und Rooming-in gab es noch nicht), traf ich in der Abteilung für High risk-Schwangerschaften eine schon nicht mehr junge orthodox-jüdische Frau von niedriger Statur, aber umso größerer Korpulenz. Diese Dame hatte bereits etliche Kinder, das jüngste davon schon 15 Jahre alt – und da war sie plötzlich noch einmal schwanger geworden! Die Schwangerschaft verlief aber nicht glatt: Übergewicht, überhöhte Blutzuckerwerte und hoher Blutdruck ließen eine Schwangerschaftsvergiftung befürchten. Noch dazu war der Geburtstermin bereits überschritten. Eine versuchte Einleitung der Geburt mittels Hormonen erbrachte nicht den gewünschten Erfolg. Ein paar schwache Wehen, und aus wars wieder. Klarer Fall: man wird einen Kaiserschnitt machen müssen.

Am nächsten Tag tritt dieselbe Dame an mich heran, diesmal im Wartezimmer, zusammen mit ihrem Mann, einem Gerer Chassid [1] . wie aus dem Bilderbuch: schwarzer, oben runder Hut, Kaftan, „Hosensocken“ (d. h. die Hosenbeine in die Socken gestopft). Diesmal hat sie eine Bitte: der Gerer Rebbe [2] . hat ihr gesagt, eine fromme Frau solle ihr die Hände auf den Bauch legen und Psalm 19 rezitieren (ob ein- oder mehrmals, kann ich mich nicht mehr erinnern) – dann wird es mit der Geburt schon klappen und kein Kaiserschnitt nötig sein. Sie hat also mich für diese Aufgabe erkoren. Ausgerechnet. Na ja, versuchen wirs halt! Ich platziere also meine Hände auf ihrem Bauch und bitte ihren Mann, mir ein Gebetbuch mit dem erwähnten Psalm offenzuhalten. Diesen Psalm kenne ich zwar mehr oder weniger auswendig, aber ich verlasse mich bei einer so wichtigen Zeremonie lieber nicht auf mein Gedächtnis.

Die Himmel rühmen die Herrlichkeit Gottes, vom Werk seiner Hände kündet das Firmament.
Ein Tag sagt es dem andern, eine nacht tut es der anderen kund,
ohne Worte und Reden, unhörbar bleibt ihre Stimme.
Doch ihre Botschaft geht in die ganze Welt hinaus, ihre Kunde bis zu den Enden der Erde.
Dort hat er der Sonne ein Zelt gebaut. Sie tritt aus ihrem Gemach hervor wie ein Bräutigam;
sie frohlockt wie ein Held und läuft ihre Bahn.
Am einen Ende des Himmels geht sie auf und läuft bis ans andere Ende,
nichts kann sich vor iherer Glut verbergen.

Die Weisung des Herrn ist vollkommen, sie erquickt den Menschen.

Die Worte meines Mundes mögen dir gefallen, was ich im Herzen erwäge, stehe dir vor Augen, Herr, mein Fels und mein Erlöser.

So, fertig! Das Gebetbuch wird zugeklappt, die Besuchszeit ist zu Ende, alle Frauen gehen in ihre Zimmer. Was aus meinem „Opfer“ wird, weiß ich nicht, weil ich am Tag darauf vormittags schon aus dem Spital entlassen werde.

Einige Zeit später habe ich dieselbe Frau wieder getroffen, am Schabbat auf der Rabbi Akiva-Straße, der Hauptstraße von Bnei-Brak. Mit ihrem kleinen Sohn im Kinderwagerl. Da habe ich dann erfahren, dass meine „Behandlung“ seinerzeit tatsächlich geholfen hat. Kein Kaiserschnitt war nötig, alles ist gut gegangen. Gott und dem Gerer Rebben sei Dank!

Gerer Chassidim

[1] Anhänger der Gruppe der Gerer Chassidim, eine der größten chassidischen Gruppen überhaupt und die größte und politisch einflußreichste in Israel..Der Name „Ger“, auf hebräisch „Gur“, kommt vom Namen der polnischen Stadt Gora Kalwaria, 25 km von Warschau, von wo die Gruppe ursprünglich stammt.
[Zurück zum Text (1)].

[2] Der damalige Anführer der chassidischen Gruppe Rabbi Simcha Bunem Alter, gest. 1992.
[Zurück zum Text (2)].

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