György Sebestyén

Am 6. Juni 2010 jährte sich zum 20. Mal der Todestag des ungarisch-österreichischen Schriftstellers und Journalisten György Sebestyén. Gyuri, wie ihn seine Freunde nannten, wurde 1930 in Budapest als Sohn eines jüdischen Schneiders geboren, wuchs dort zweisprachig auf, war in seinen frühen Jahren leidenschaftlicher Kommunist, ja sogar bekennender Stalinist, ehe er sich noch vor dem Aufstand der Ungarn gegen die russisch- sowjetische Diktatur und deren Budapester Handlanger zum Regimekritiker mauserte und nach der Niederschlagung des Aufstandes durch den Panzerkommunismus des damaligen Ostblocks im Jahr 1956 nach Österreich flüchtete.

Seine Verehrung des ungarisch- jüdischen Lyrikers Miklos Radnoti, der 1944 auf einem „Gewaltmarsch“ von einem Arbeitslager der Nazis in Jugoslawien nach Deutschland in der Nähe von Györ mit einem Genickschuss liquidiert und in einem Massengrab verscharrt wurde, ging so weit, dass er zeit seines Lebens seine Handschrift der von Radnoti anpasste. Ein weiterer Säulenheiliger aus den Reihen der ungarischen Literaten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war für ihn Gyula Krudy, den er einen „Liebling der Dämonen“ nannte und mit Marcel Proust verglich und dessen phantastischen Roman „Die rote Postkutsche“ er in seiner Übersetzung 1984 in der Eisenstädter Edition Roetzer veröffentlichte.

In Wien wurde Sebestyén ( der ungarische Name für Sebastian) rasch in den Kreis der aufstrebenden österreichischen Autorengeneration nach Heimito von Doderer, Alexander Lernet – Holenia und George Saiko (bestehend aus Herbert Eisenreich, Milo Dor, Reinhard Federmann, Peter von Tramin, Herbert Zand, Humbert Fink u.a.) aufgenommen, etablierte sich dann auch bei einigen Verlagen als blumiger Erzähler meist erotischer Geschichten und in renommierten Zeitungen wie der KRONE und der FURCHE als Edelfeuilletonist und Theaterkritiker.

Sebestyén veröffentlichte einige Romane, von denen wohl als wichtigster jener mit dem Titel „Die Werke der Einsamkeit“ anzusehen ist, in dem es um Tod, Eros und Macht geht, die den Ich- Erzähler auf der Suche nach seiner verlorenen Zeit beschäftigen. In der Eisenstädter Edition Roetzer gab Sebestyen 18 Jahre lang die Zeitschrift PANNONIA heraus, die er ein Organ für die kulturelle Zusammenarbeit in Mitteleuropa bezeichnete und in der er zahlreiche Autoren aus dem Ostblock, auch solche aus der Sowjetunion, aber auch den jüdischen Serben Ivan Ivanji (persönlicher Dolmetsch des jugoslawischen Staatspräsidenten Tito) zu Wort kommen ließ.

Sebestyén, seit 1963 österreichischer Staatsbürger, bekleidete in seinen letzten Lebensjahren auch die Funktion des Präsidenten des österreichischen PEN– Zentrums. Neben seinem Domizil in Wien besaß der umtriebige Publizist bis zu seinem frühen Tod auch ein Haus in der burgenländischen Gemeinde Hornstein.

Günter Unger, 1941 in Eisenstadt geboren, ist Historiker und Publizist. Er war mehr als 30 Jahre Kultur- Chef im ORF– Burgenland und hat unzählige Radio- und Fernsehsendungen gestaltet. Von 1978 bis 1996 gab er die Literaturzeitschrift WORTMÜHLE heraus. Selber hat er Gedichte, Hörspiele, Erzählungen, ein Theaterstück sowie Bücher über bildende Kunst geschrieben und veröffentlicht.

Wir freuen uns sehr, dass Dr. Günter Unger zukünftig Beiträge in unserem Blog beisteuern und insbesondere unseren etwas vernachlässigten Literaturbereich aufwerten wird! :)

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