Hehre Ziele, steinige Wege?

Christlich-katholische Perspektiven auf die Begegnung von Juden, Christen & Muslimen
Ein Beitrag im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Schalom – Salam – Grüß Gott“

Schalom - Salam - Grüß Gott (Logo)

Vorbemerkung: Folgender Beitrag bietet eine Sammlung ausgewählter christlich-katholischer Perspektiven auf die Beziehung & Begegnung von Juden, Christen und Muslimen – auf Basis offizieller kirchlicher Positionsbestimmungen sowie theologischer Vorüberlegungen sollen christliches Selbstverständnis und -positionierung v.a. in der Begegnung mit Judentum und Islam überblicksmäßig und annäherungsweise bestimmt und einige „dialogische“ Grundlinien gezogen werden.

Selbstverständnis & Ziele: Theologische & lehramtliche Grundlagen

  • Das Selbstverständnis des Christentums in der Begegnung mit anderen Religionen ist, vor allen Ansprüchen an den religiös Anderen, geprägt von einer fundamentalen Selbstverpflichtung: An sich selbst adressiert das Christentum einen (keineswegs mit missionarischen Bemühungen gleichzusetzenden) Imperativ der Dialogizität und des brüderlichen Umgangs –

    Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt

    1 Petrus 3,15; vgl. auch Unsere Hoffnung. OG I. S. 85; Nostra Aetate 1, 2, 5.

  • Bei allen (nicht zu überspielenden) theologischen Differenzen und angesichts einer (nicht zu verharmlosenden) beträchtlichen Konflikt-Geschichte & -Gegenwart weiß sich das Christentum mit Judentum und Islam doch verbunden im monotheistischen Fundamentalbekenntnis:

    Der ‚Gott unserer Hoffnung‘ (vgl. Röm 15,13) ist ‚der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs‘ (Ex 3,6; Mt 22,32), ‚der Himmel und Erde
    geschaffen hat‘ (Ps 121,2) und den wir mit dem jüdischen Volk und auch mit der Religion des Islam öffentlich bekennen …

    Unsere Hoffnung. OG I. S. 87.

  • Mit erklärter „Hochachtung“ begegnet das katholische Christentum dem Islam, um – mit nüchternem Blick für christlich-islamische Gemeinsamkeiten wie (z.B. christologische) Differenzen – die konfliktträchtige Beziehungsgeschichte der beiden Religionen umzuwenden in eine von Verständigung und gemeinsamem Engagement geprägte Gegenwart und Zukunft, d.i.

    sich aufrichtig um gegenseitiges Verstehen zu bemühen und gemeinsam einzutreten für Schutz und Förderung der sozialen Gerechtigkeit, der sittlichen Güter und nicht zuletzt des Friedens und der Freiheit für alle Menschen

    Zweites Vatikanisches Konzil: Nostra Aetate 3.

  • Mit dem Judentum weiß sich das Christentum wurzelhaft verbunden („genährt … von der Wurzel des guten Ölbaums“; vgl. Röm 11, 17-24), versteht beide Religionen als Träger eines „gemeinsame[n] geistliche[n] Erbe[s]“ und bekennt sich, in Distanzierung von antijudaistischen Traditionslinien und die entsprechende christliche Schuld-Geschichte vor Augen, zur Förderung der „gegenseitige[n] Kenntnis und Achtung“ (Nostra Aetate 4). Die einzigartige Rückbindung christlicher Identität an das Judentum verbindet sich in christlich-katholischer Auffassung mit dem Anspruch der Verständigung und des geschwisterlichen Umgangs:

    Christen und Juden haben großenteils ein gemeinsames geistliches Erbe, sie beten zum selben Herrn, haben die gleichen Wurzeln, kennen sich aber oft gegenseitig viel zu wenig. Es liegt also an uns, als Antwort auf den Ruf Gottes dafür zu arbeiten, dass der Raum des Dialogs, des gegenseitigen Respekts, des Wachsens in der Freundschaft, des gemeinsamen Zeugnisses angesichts der Herausforderungen unserer Zeit immer offen bleibt; sie fordern uns dazu auf, für das Wohl der Menschheit zusammenzuarbeiten …

    Benedikt XVI., Ansprache in der römischen Synagoge 2010, 9.

Der Weg: Dialogische Grundhaltung

  • Den Weg zu diesen anspruchsvollen Zielen eröffnet eine dialogische Grundhaltung, d.i. die basale Bereitschaft, „dem anderen zuzuhören und seine Religion zu verstehen – in der Hoffnung, Möglichkeiten einer Zusammenarbeit zu finden„; vorurteilsfreies „Hören“ des religiös Anderen & „authentisch“-„aktives Sich-Einbringen“ sind die wechselseitig vorauszusetzenden Grund-Bereitschaften für fruchtbare dialogische Begegnungen (Francis Arinze, ehemaliger Präsident des Päpstliches Rats für den Interreligiösen Dialog; Arinze 1999. S. 10, 37).
  • Damit sind mittelbar auch die Außengrenzen des dialogischen Geschehens markiert:
    Vom distanzierten religionswissenschaftlichen Vergleich unterscheidet die dialogische Begegnung das explizite subjektiv-religiöse Engagement der Beteiligten, von der Bekehrungspredigt der Ausfall jeder (auch unterschwelligen) missionarischen Intention, von der theologischen Debatte der Verzicht darauf, die eigene (religiöse) Überzeugung als „richtige“ auf Kosten der „falschen“ Überzeugungen der Anderen etablieren zu wollen (Arinze 1999. S. 9f.).
    Gleichfalls kann sich echt dialogisches Bewusstsein nicht an einem pseudo-dialogischen und im schlechtesten Fall tendenziösen „Reden-über“ (den religiös Anderen) genügen lassen, sondern wird eine fortgesetzte Offenheit für Selbstverständnis(se) und -darstellung(en) der religiös Anderen zu bewahren suchen, jenseits eingeschliffener Stereotype und eines pauschal-starren „Bescheid-Wissens“.
  • Freilich: Ein solcher Dialog meint nicht „Verzicht auf Wahrheit“ oder Marginalisierung des eigenen religiösen Selbstverständnisses um einer erkünstelten Harmonie willen, sondern ist differenz-bewusste Begegnung, in der das bleibende Anders-Sein des religiös Anderen respektiert wird und in der auf das Zugeständnis des bleibenden religiösen Eigen-Seins vonseiten der Dialogpartner gerechnet wird – und die zugleich getragen ist von der

    Ehrfurcht vor dem Glauben des anderen und d[er] Bereitschaft, in dem, was mir als das Fremde begegnet, Wahrheit zu suchen, die mich angeht und die mich korrigieren, mich weiterführen kann

    Ratzinger 1998. S. 117f.; vgl. auch Arinze 1999. S. 37ff.

  • Dialogisches Geschehen wird sich, schon um dem Gegenstand des dialogischen Interesses annäherungsweise adäquat zu sein, so wenig eindimensional und uniform präsentieren (dürfen) wie die Religionen selbst – soll heißen: Intellektuelle Auseinandersetzung ersetzt nicht lebenspraktische Beziehungen, akademischer Austausch nicht religiöse Erfahrungen oder gemeinsames Engagement etc. (vgl. Arinze 1999. S. 11-14).
  • Noch eins: Dialog ist lebendige Begegnung – und entsprechend gefährdet, durch religiöse Profilierungssucht nicht weniger als durch chronisches wechselseitiges Schulterklopfen.

Literatur

  • Benedikt XVI.: Ansprache aus Anlass des Besuches der Synagoge zu Rom (17. Januar 2010).
    Online: http://ojm.at/benediktxvi
  • Francis Arinze: Begegnung mit Menschen anderen Glaubens. Den interreligiösen Dialog verstehen und gestalten. München u.a.: Neue Stadt 1999.
  • Joseph Kardinal Ratzinger: Die Vielfalt der Religionen und der Eine Bund. Hagen: Urfeld 1998.
  • NOSTRA AETATE. Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen.
    Online: http://ojm.at/nostraaetate
  • UNSERE HOFFNUNG. Beschluss der Gemeinsamen Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland.
    Online: http://ojm.at/unserehoffnung (PDF!)

Christopher ist u.a. katholischer Theologe & seit 2004 im jüdischen Museum – und bloggt hier …

Dieser Beitrag ist Teil einer Blog-Mini-Serie, die unsere aktuelle Veranstaltungsreihe „Schalom – Salam – Grüß Gott“ begleiten und ergänzen soll: Jüdische, christliche und muslimischen Autoren wurden gebeten, „eine Handreichung für interreligiöse Begegnungen aus jüdischer/christlicher/muslimischer Perspektive“ anzufertigen, die, „quasi als interreligiöser Survival Kit, (…) Orientierung in der interreligiösen Begegnung verbessern und Unsicherheiten mindern“ kann.

Bereits erschienen sind der „Islam-Knigge“ von Hussein Hamdan sowie „Schwierige Freundschaft“ von Chajm Guski, weitere Beiträge folgen in den kommenden Wochen.

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