Bilder der Woche – Eine Eiche in der Bukowina
Sommeredition
“Bild der Woche” goes on holiday – und begibt sich in den nächsten Wochen auf eine sommerliche Bilder-Reise zu jüdischen Museen, Synagogen und Schauplätzen jüdischen Lebens in aller Welt!
Und Sie sind herzlich eingeladen, sich mit Ihren Urlaubsbildern an unserer Reise zu beteiligen – zum Koschere-Melange-Sommergewinnspiel.
Nachdem wir bereits einen galizischen Zitronenbaum hier im Blog näher betrachtet haben, wollen wir unseren Blick jetzt wieder einem Baum – diesmal allerdings einer Eiche – zuwenden und damit unsere Reise fortsetzen, nämlich in ein ehemaliges Kronland Österreichs: die Bukowina. Danach wandern wir weiter in nordwestlicher Richtung in das ehemalige Galizien und besuchen die Städte Zabolotiv, Lemberg und Lancut, wo wir ebenfalls den Spuren jüdischer Vergangenheit (und Gegenwart) folgen.
Vielen herzlichen Dank an Herrn Dr. Christoph Konrath, Wien, für diese tollen Reisefotos!
Die heutige Reiseroute:

Das Königreich Galizien und Lodomerien, mit Hauptstadt Lemberg, war das am nordöstlichen Rand gelegene Kronland des Habsburgerreichs. Heute gehört der westliche Teil zu Polen, der östliche zur Ukraine. Die Bukowina war von 1786 bis 1849 ein Bestandteil Galiziens, danach ein eigenständiges Kronland mit der Hauptstadt Czernowitz. Der nördliche Teil der Bukowina liegt heute in der Ukraine, der südliche in Rumänien. Zur Zeit der Habsburgermonarchie trafen hier zwischen Orient und Okzident verschiedene Nationalitäten, Sprachen und Kulturen aufeinander, an die heute leider nur noch wenig – oft Trauriges – erinnert.
Siret
Erster Halt: Siret, Bukowina – heute eine Kleinstadt in Rumänien, an der Grenze zur Ukraine. Im Jahre 1880 – eine blühende multikulturelle sowie multireligiöse Grenzstadt, in der rund dreitausend Juden (mehr als ein Drittel der Gesamtbevölkerung) lebten. Von 1912 bis 1918 gab es in Siret sogar einen jüdischen Bürgermeister.
Heute erinnert noch der jüdische Friedhof, der übrigens zu den ältesten Osteuropas zählt, an die ehemalige Gemeinde von Siret. Oben sehen wir einen besonders schönen Grabstein, verziert mit einer Eiche. Um Namen, Geburts- und Sterbedatum zu lesen, braucht man diesmal keine Hebräisch-Kenntnisse ;) Der ältest Stein auf dem Friedhof trägt die Jahreszahl 1510.
Czernowitz
Nächster Halt: Czernowitz, die Hauptstadt der Bukowina (liegt heute in der Ukraine). Hier fand am 30. August 1908 die allererste Jiddisch-Konferenz statt. Vor dem Zweiten Weltkrieg machte die jüdische Gemeinde die Hälfte aller Stadtbewohner aus, heute stellt sie nur mehr einen verschwindend geringen Bevölkerungsanteil dar. Die finanziellen Mittel der kleinen Gemeinde reichen leider auch nicht aus, um alle Gebäude und Denkmäler zu erhalten; so beherbergt heute die ehemalige Synagoge zum Beispiel ein Kino.
Hier sehen wir Bilder vom Jüdischen Haus in Czernowitz, das sich mit der Geschichte der Bukowiner Juden beschäftigt. Wenn man das rechte Bild genauer betrachtet, erkennt man, dass der linke obere und der rechte untere Zacken ergänzt sind – die Sterne wurden nämlich im Stalinismus deformiert.
Zabolotiv
Wir haben nun die Bukowina verlassen, die Grenze zu Galizien überschritten und machen einen kleinen Zwischenstopp in Zabolotiv, dem Geburtsort Manès Sperbers, um uns das ihm gewidmete Denkmal anzusehen.
Lemberg
Ein bisschen länger wollen wir nun in Lemberg, der ehemaligen Hauptstadt des Königreichs Galizien und Lodomerien, verweilen. Hier lebten in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts 57.000 Juden, die rund ein Drittel der Gesamtbevölkerung ausmachten. Vor dem Ersten Weltkrieg kontrollierten sie den Großhandel zwischen Wien und Russland. Über 50 Prozent von ihnen waren beruflich im Handel tätig, 24 Prozent waren Handwerker. Heute zählt die jüdische Gemeinde nur noch knapp 3.000 Mitglieder. Von den ehemaligen drei Synagogen wird nur noch eine für den Gottesdienst genutzt.
Das linke Foto zeigt die Ruine der großen Synagoge, auch “Goldene Rose”, die 1941 unter NS-Herrschaft zerstört wurde. In der Mitte sehen wir eine Sukka (Laubhütte) der chassidischen Gemeinde im Hof vor der Ruine.
Das Bild ganz rechts zeigt eine ehemalige Synagoge, die 1841 bis 1844 erbaut wurde. Damals befand sich im Gebäude auch eine Mikwe und eine Jeschiwa. Von den Nationalsozialisten wurde die Synagoge verwüstet und in einen Pferdestall umfunktioniert. Heute befindet sich in dem leider schon schwer beschädigten Bauwerk ein jüdisches Kulturzentrum.
Im Juli 1944 stellte man ein jüdisches Komitee auf die Beine, um den Überlebenden zu helfen. 3.400 Juden wurden damals registriert, nur 820 unter ihnen stammten auch wirklich aus Lemberg. Auf diesen Bildern sehen wir das Holocaust-Denkmal (inklusive aktueller Beschmierungen).
Lancut
Am Ende unserer kleinen Rundreise über 733 km besuchen wir in der westgalizischen Stadt Lancut eine schöne barocke Synagoge. Sie gehört zu den wenigen erhaltenen Synagogen mit einer viersäuligen Bima und den schönen, reich verzierten Gewölben. Wer genau hinsieht, erkennt in den Malereien über den Säulen Szenen aus der Bibel.
Aber die an die vertrauten Namen anklingenden Ortsbezeichnungen sind nichts weiter als leere Buchstabenhülsen, die nur mehr den flüchtigen Duft der Erinnerung an eine unwiederbringlich verlorene Welt in sich bewahren, die hier und da erhalten gebliebenen architektonischen Denkmäler sind Relikte einer ehemaligen Gemeinsamkeit, die nicht mehr zum Leben erweckt werden kann.
Martin Pollack: “Nach Galizien – Eine imaginäre Reise durch die verschwundene Welt Ostgaliziens und der Bukowina”, Brandstätter Verlag, Wien, 1984
Das Koschere-Melange-Sommergewinnspiel
Schicken Sie uns Ihre Urlaubsfotos – gesucht sind Bilder von jüdischen Museen, Synagogen, historischen und aktuellen Schauplätzen jüdischen Lebens in aller Welt!
Die hübschesten, originellsten oder “weitestgereisten” Fotos werden als “Bild der Woche” hier im Blog veröffentlicht.
Unter allen Einsendern verlosen wir 3 Exemplare des Buches “… weil man uns die Heimatliebe ausgebläut hat … Ein Spaziergang durch die jüdische Geschichte Eisenstadts”, 3 Exemplare des Buches “Aus den Sieben-Gemeinden. Ein Lesebuch über Juden im Burgenland” sowie eine Jahreskarte für das Österreichische Jüdische Museum.
Einsendungen bitte an bildderwoche@ojm.at. Einsendeschluss ist der 31. August 2010.
Bitte beachten Sie: Mit der Übermittlung Ihres Bildes erklären Sie sich mit einer Veröffentlichung auf koschere-melange.at einverstanden. Bitte schicken Sie das Bild in möglichst hoher Auflösung. Pro Absender nimmt nur eine Einsendung an der Verlosung teil.
Schicken Sie uns Ihr Bild der Woche …
Schlagwörter: bukowina, friedhof, galizien | Kommentare (20)
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Danke vielmals für diese interessanten Reise- Beschreibung und die illustrativen Fotos! Es macht großen Eindruck, zu erfahren, was man eigentlich wissen sollte :-)
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großartig. nur im “wilden” osten lebt heutzutage (wenn überhaupt?) das noch unverbrüsselte europa fort. wer weiß im heutigen deutschland, dass der letzte bundespräsident eigentlich aus demselben land stammt wie mein sel. vater? inskünftig wird auch vom wenigen, was dem osten noch erhalten ist, dank der verflachenden, einfältigen europäisierung nichts mehr übrig bleiben. bessarabien, galizien, siebenbürgen, die bukowina: wir gedenken…
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Was ich indes nachhakenswürdig finde: Wenn “Lemberg” und nicht “Lwiw”, warum dann “Siret” und nicht “Sereth”? Warum “Lancut” bzw. “Łańcut” und nicht Landshut? Oder gilt das Kriterium: Wenn der deutsche Ortsname auch heute noch geläufig ist, dann ja; wenn nicht, ist der jew. fremde Ortsname vorzuziehen –?
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Johannes schreibt am 23. August 2010 um 06:01
ja, ist sicher diskutierbar, ob sinnvoll oder zulässig, aber bei uns galt Letzteres, wieder einmal v.a. wegen der leichteren Lesbarkeit …
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Kati schreibt am 23. August 2010 um 11:22
Lieber Yoav,
interessant, dass du diese Frage stellst, war schon gespannt, ob sie kommt :) Es gab auch schon eine Version des Beitrags mit “Sereth” statt “Siret” usw.. . Aber da ich dann in verschiedensten Beiträgen und Büchern auch die von mir aktuell verwendeten Ortsbezeichnungen gefunden habe und ich die vielen Namen zugegeben irgendwann selbst ein bisschen verwirrend fand ;) dachte ich, ist der Wiedererkennungswert so größer und der Beitrag einfach auch leichter zu lesen.
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Yoav Sapir schreibt am 23. August 2010 um 21:02
Vielleicht irre ich mich, aber soweit ich weiß, hat der polnische Ortsname “Lancut” bzw. “Łańcut” keine eigene Bedeutung. Wie viele arabische Ortsnamen in Israel ist auch “Lancut” wohl nur eine Verzerrung des eigentlichen Ortsnamens, basiert Ersterer doch auf dem phonetischen Klang von “Landshut”.
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Just on the subject of naming cities.
Just a curiousity.
My son went one day on business to Vienna. There was an Austrian Lady who took care for all his needs. He told her that he has some roots in Austria. When asked by her where from he answered: Mattersdorf. She told him that there is no such place in Austria.
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ursula mungitsch schreibt am 27. August 2010 um 18:15
it seems to be curious for you, but the name of mattersdorf was changed into mattersburg in 1924. so mattersdorf is not longer known in the mind of Austrian people which are not living nearby or which are too young to know.
best regards ursula mungitsch /austrian tour guide
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Carole Vogel schreibt am 27. August 2010 um 20:27
I believe that for genealogical purposes one should use the name of a place as it appeared in the time period of interest, not what it called today. The name reflects a particular government, language, and culture. When I write about my ancestors, I typically start out with the fact that they came from Mattersdorf, Hungary (now Mattersburg, Austria) and then refer to the place as Mattersdorf through out the article.
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Eine andere Bemerkung: Ich finde es eher unwahrscheinlich, dass es in Lemberg nur drei Synagogen gegeben hätte, wie es im obigen Artikel steht. Ganz abgesehen von der Frage, wie viele damals noch “fromm” lebten und ob die reale Zahl der Lemberger Synagogen wirklich alle Juden hätten beherbergen können, erscheint mir die Zahl drei etwas zu niedrig gesetzt. Zudem gab es neben den “richtigen” Synagogenbauten wohl auch, wie in jeder Stadt, kleine Wohnungssynagogen.
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Yoav Sapir schreibt am 23. August 2010 um 16:19
Ich habe eben eine kleine Veröffentlichung zum jüdischen Lemberg wiedergefunden, die zwei Kolleginnen von mir, Sonja Longolius und Katharina Schubert, seinerzeit ebenfalls Teilnehmerinnen an der “Geschichtswerkstatt Europa”, produziert haben. Die Publikation steht inzwischen auch im Internet:
http://www.geschichtswerkstatt-europa.org/196/items/new-publication-lemberg-lviv-lviv.html
Auf Seite 2 geben sie, wenn ich mich nicht irre, sechs damalige Synagogen an. Mit der heutzutage wieder gebrauchten, welche die beiden separat angeben, kommen wir auf mind. sieben.
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Johannes schreibt am 23. August 2010 um 16:44
Sehr schöne Arbeit, wenn auch nur im PDF-Format, danke!
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Kati schreibt am 24. August 2010 um 08:58
…Sollte eigentlich so gemeint sein, dass von den drei zu sehenden Synagogen nur noch eine zum Gottesdienst genutzt wird. Ich wollte mich dabei auf die Bilder beziehen. Das habe ich hier nicht klar ausgedrückt, das stimmt. Werde in Zukunft das nachträgliche (mehrmalige) Umstellen meiner Sätze (und Satzglieder) eher vermeiden, dann kann soetwas nicht mehr passieren.
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Übrigens wird hier die Zeit des Kommentars in einem komischen, englisch-deutschen Mischmasch angegeben… Oder ist das die bloß konsequente Fortsetzung der Ortsnamenpolitik? ;-)
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Johannes schreibt am 23. August 2010 um 16:08
@Yoav, das versteh ich jetzt nicht ganz, was stört an:
23. August 2010 um 16:01 Uhr?
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Yoav Sapir schreibt am 23. August 2010 um 16:16
Bei mir heißt es “August 23rd, 2010 um …”
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Johannes schreibt am 23. August 2010 um 16:22
hmm, das kann ich mir nicht erklären, bei mir wirds in ausnahmslos allen Browsern korrekt angezeigt. Hab das Datum manuell angepasst
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Johannes schreibt am 23. August 2010 um 16:34
Könntest du mir bitte sagen, ob diese vermischte Form bei allen Kommentaren auftritt oder nur in jenen, die verschachtelt sind, also die bei “Direkt antworten” gezeigt werden?
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Yoav Sapir schreibt am 23. August 2010 um 16:37
Jetzt bekomme ich auch nur “23. August 2010″ angezeigt.
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Johannes schreibt am 23. August 2010 um 16:40
na, dann ist die Welt ja wieder (fast) in Ordnung :)
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