Der Reichsrats-Rabbiner

Die Artikel-Sammlung auf unserer Website, in der sich eine Reihe wissenschaftlicher und weiterführender Beiträge v.a. zu burgenländisch-jüdischen Themen findet, hat (nach langer Zeit) soeben Zuwachs bekommen – Claudia/Chaya-Bathya, mit ihrem sachkundigen und dabei gut lesbaren Artikel über den Mattersdorfer Rabbiner und späteren Reichsratsabgeordneten Simon Sofer/Schreiber, sei Dank!

Der 1820/21 in Pressburg/Bratislava als Sohn des Chatam Sofer geborene Simon wurde 1842 und damit gerade 22-jährig zum Rabbiner von Mattersdorf berufen, ab 1861 wirkte er als Rabbiner von Krakau.


Im August 1852 kam Dr. Marcus Lehmann, der nachmalige Rabbiner (…) von Mainz, (…) in Mattersdorf an. Über sein Zusammentreffen mit R. Simon schreibt er:

… Diese wenigen Stunden sind mir unvergesslich geblieben. Oberrabiner Schreiber, einer der schönsten Männer, die ich gesehen habe – er zählte damals 32 Jahre – überschüttete mich förmlich mit wundervollen Erklärungen schwieriger Talmud-, Midrasch- und Bibelstellen, darunter Vieles von seinem großen Vater, dem Oberrabbiner von Pressburg, Rabbi Moscheh Sopher (Schreiber).

Im Jahr 1879 schließlich wird Simon Abgeordneter im Reichsrat zu Wien:
Als sich im Lande die Nachricht verbreitete, daß der Krakauer Rabbiner zum Abgeordneten gewählt worden sei und nach Wien ins Parlament des Kaisers fahren werde, da tanzten die Juden auf der Straße. Die Feste, die damals selbst im kleinsten jüdischen Dorf gefeiert wurden, sollen tagelang gedauert haben.

R. Simon muss im Reichsrat einen recht kuriosen Eindruck gemacht haben, wie er da so auf der äußersten Rechten mitten unter den Polen saß: ein recht korpulenter Mann in einem langen Kaftan aus schwarzer, schimmernder Seide, das Haupt bedeckt mit einer hohen Samtkappe, mit wallendem graumeliertem Vollbart und den langen Schläfenlocken (Pe’ot oder jidd. Pejes) der Ostjuden. (…)

Im Reichsrat, dem damals auch der Antisemitenführer Georg von Schönerer angehörte, zirkulierte ein Witz, der nebenbei auch seine politische Spitze hatte: Beim Namensaufruf kam stets – trotz des Alphabets – Schreiber vor Schönerer. So hieß es einmal auch: „Herr Abgeordneter Schreiber“ – „Hier!“ – „Herr Abgeordneter Schönerer“ – „Fehlt!“ – „Kunststück, es ist kaner ’schönerer‘ nach dem Schreiber …“

All dies und vieles mehr, etwa: wieso R. Simon Sofer silberne Löffel verschenkte oder warum selbst der Kaiser sich vor ihm bückte, lesen Sie im Artikel „R. Simon Sofer (Schreiber; שמעון סופר)“.

PS: Und noch ein sehr schöner Eisenstadt-/Burgenland-Bezug: Nachdem R. Simon Sofer gestorben war, wurde an seiner Stelle für den Wahlkreis Kolomea-Buczacz-Sniatyn der in Dukla (Galizien) gebürtige Floridsdorfer Rabbiner Josef Samuel Bloch in den Reichsrat gewählt. Bloch ist vor allem bekannt durch seinen Aufsehen erregenden Prozess gegen den Verfechter der Ritualmordlüge, Prof. August Rohling.

Weniger bekannt hingegen ist, dass Bloch in Eisenstadt an der Jeschiva von R. Esriel Hildesheimer studiert hatte. Und dort ist er hochkantig hinausgeflogen, nachdem er sich einen üblen Scherz mit zwei seiner Studienkollegen erlaubt hatte. Hildesheimer hat ihm das noch jahrelang nachgetragen. Lesen Sie über den Vorfall im 1. Teil seiner Autobiografie!

PPS: Rabbi Simon Schreiber findet sich als ehemaliger Abgeordneter auch auf der Website des österreichischen Parlaments – (Update 23. 09. 2010) auch auf der neuen Parlaments-Website genannt. Wir freuen uns, zu diesem Parlaments-Eintrag dank Claudias Artikel eine ausführliche Biographie Simons ergänzen zu können bzw. hiermit unsere „two cents“ zum anstehenden vollzogenen Relaunch der Parlaments-Website beizutragen…

Den gesamten Beitrag können Sie in unserem Artikelbereich lesen: R. Simon Sofer (Schreiber; שמעון סופר).

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Abgelegt in: Burgenland, Leben und Glaube

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