Der ‚Ritualmordprozess von Tisza Eszlar‘ und der ‚Kaufmann von Venedig‘

Unsere ständige Gastautorin und Korrespondentin aus Bnei Brak, Israel, Claudia/Chaya-Bathya, gibt uns die Möglichkeit zu einem kleinen Update, und zwar sowohl zu unserem letzten Blogbeitrag über die „Judensau“ als auch zu Shakespears „Kaufmann von Venedig“, der vor 2 Tagen nachts vom ORF gesendet und von meinem Kollegen Christopher in einem Tweet kommentiert wurde.
Der Ritualmordprozess von Tisza Eszlar (1882/83) gilt als klassisches Beispiel für den religiös motivierten Antisemitismus der neueren Zeit. Der Freispruch der jüdischen Angeklagten führte zu massiven antijüdischen Agitationen und begründete den modernen politischen Antisemitismus in Ungarn. Auslöser war das spurlose Verschwinden des vierzehnjährigen christlichen Bauernmädchens Eszter Solymosi am 01. April 1882.

Die folgende Predigt (wir bringen einen Ausschnitt) wurde von Rabbiner Emanuel (Menachem) Grünwald, Ödenburg [Sopron], zum Schabbat Hagadol 1883 gehalten. Der Schabbat Hagadol („großer Schabbat“) ist der Schabbat vor dem Pesachfest und fiel im Jahr 1883 auf den 14. Nisan, der auch gleichzeitig Erev Pesach war (21. April). Die Predigt ist in Deutsch mit hebräischen Buchstaben geschrieben, die untenstehende Fassung von Claudia gibt den Ausschnitt wortgetreu wieder.

Die Predigt (Ausschnitt)

Erlebnisse haben wir in unserer kultivierten Zeit erlebt [gemeint ist die Blutbeschuldigung von Tisza Eszlar 1882], von denen wir zwar keine Ahnung mehr hatten, denn selbst in unserer Zeit wird uns zum Vorwurfe gemacht, von den Judenfeinden, dass wir Blut zu unseren Zeremonien brauchen. Uns, denen selbst das Blut des Tieres verboten ist, werden solche lügenhaften Erdichtungen zum Vorwurfe gemacht! Dies erinnert mich an einen berühmten, hochberühmten Dichter [Shakespeare], der vor mehreren Jahrhunderten gelebt [hat]. Unter dessen Dichtungen findet sich auch eine [Kaufmann von Venedig], deren Held ein Jude ist:
Ein jüdischer Kaufmann, der seinem Schuldner für ein Pfund Gold, das er ihm geborgt, und das dieser aber später nicht zurückzahlen kann, ein Pfund Blut abzapfen will. Ein Pfund Blut für ein Pfund Gold!

Und diese Dichtung ward nicht geschrieben, etwa bloß für den gelehrten Leser in seiner einsamen Stube. Nein, sie ward geschrieben fürs Volk, für die große Menge. Ein Jude fordert von seinem Schuldner ein Pfund Fleisch aus dessen Herzen für ein Pfund Gold! Wie? Ein Jude, dem selbst das Blut des Tieres heilig ist, verlangt für sein Gold Menschenblut? Wie gehörte nicht eine hirnverbrannte Phantasie dazu, um solch eine Dichtung zu schaffen?! Doch nein, es war eben keine Dichtung, sondern Wahrheit, geschichtliche Tatsache, die ganz in der Wirklichkeit vor Jahrhunderten in einer Stadt sich zugetragen hat. Nur mit dem kleinen Unterschied, dass im wirklichen Vorgange der Jude nicht der Gläubiger, sondern der Schuldner [war]. Der Jude war es, der in seiner tiefen Not und Bedrängnis einem harten, bösen Mann für ein Pfund Gold ein Pfund seines Herzblutes verschreiben musste. Derartige Lügen werden erdichtet, um Zwiespalt und Zwietracht zwischen der einen und anderen Konfession [zu säen].

Hat sich aber unser Zeitalter gebessert seitdem? Unsere Zeit hat gezeigt, dass der alte eingefleischte Judenhass noch immer nicht aufgehört hat, um Verdächtigungen, böse Anklage zu erheben.

Zum Verfasser der Predigt

Rabbiner Emanuel (Menachem b. Pinchas) Grünwald wurde ca. 1844 in Cece (Ungarn) geboren. Unter seinen Lehrern finden sich die Rabbiner Arje Lichter (Cece), Abraham Karpeles (Görböpincehely), Joel Ungar und Elieser Sussmann Sofer (Paks) sowie Samuel Wolf Schreiber (Abraham Benjamin Schmuel Sofer) in Preßburg, der Sohn und Nachfolger des Chatam Sofer. R. Menachem war der Schwiegersohn des Dajjan R. David Neumann in Preßburg. Nach seiner Hochzeit wohnte er bei seinem Schwiegervater, wurde dort selbst Dajjan und schließlich Rabbiner in Ödenburg (Sopron). In zweiter Ehe war er mit einer Tochter von R. Jizchak Kramer, Rabbiner in Neuhäusel (Nove Zamky, Slovakei) und Wien, verheiratet. Seine drei Söhne (Jehuda, Schmuel und Jehoschua) waren ebenfalls Rabbiner, desgleichen sein Schwiegersohn R. Katriel Blum aus Nagykaroly (Carei Mare, Rumänien). R. Menachem starb am 25. Tischri 5690 (September/Oktober 1929).
Kinstlicher, משה אלכסנדר זושא קינסטליכר, ה’חתם סופר‘ ותלמידיו, בני-ברק: מכון ‚זכרון‘, תשס“ה, S. 516.

Ein weiterer Sohn von R. Menachem Gruenwald war übrigens Malkiel Gruenwald (1882-1968), der zur Zeit der Affäre von Tisza Eszlar geboren wurde und später gegen Kastner gekämpft hat.

Ein paar Monate nach der erwähnten Predigt berichtet die „Jüdische Presse (Berlin)“ 5 (1884), S. 46 in einer Korrespondenz vom 25. Jänner über antisemitische Vorfälle in Ödenburg. Unter anderem wurden die Fenster des Rabbiners und jene der beiden Synagogen zertrümmert.

nach oben

Abgelegt in: Leben und Glaube

Schlagwörter: , , | Kommentare (2)
RSS 2.0 feed. | Kommentar schreiben | trackback

Einen Kommentar zu ›Der ‚Ritualmordprozess von Tisza Eszlar‘ und der ‚Kaufmann von Venedig‘‹ schreiben

(required)

(erforderlich; wird nicht angezeigt)