Bild der Woche – Der Bischof

Vor einiger Zeit berichteten wir hier anlässlich der Eröffnung, dass im Stadtmuseum von Wiener Neustadt die Ausstellung „Schicksalswege. Die jüdische Gemeinde in Wiener Neustadt“ zu sehen ist.
In der Ausstellung zu sehen ist auch ein Bildnis des berühmten Bischofs Kollonitsch, das unwillkürlich einige Assoziationen in mir hervorrief:
Denn in einer Pesach-Haggada, die 1740 in Altona (Hamburg) von Joseph ben David aus Leipnik geschrieben und illustriert wurde, finden wir eine Darstellung, wie Abraham die Götzenstatuen seines Vaters Terach zerstört.

Das Bild ist eine Illustration zum Text „Anfangs waren unsere Vorväter Götzendiener …“. Im Vordergrund liegen zerbrochene Teile von zwei Götzenstatuen. Abraham ist gerade damit beschäftigt, eine dritte zu zerschlagen. Hinter einem Fluss, über den eine Brücke führt, sehen wir eine ummauerte Stadt und dahinter auf vier Bergen Götzenstatuen. Ganz links Poseidon mit seinem Dreizack, weiter rechts Zeus mit Waage und Donnerkeil (?) – und dazwischen eine Figur, die wie ein katholischer Bischof aussieht!

Pesach-Haggada v. Joseph ben David aus Leipnik, Altona 1740

Pesach-Haggada, Schreiber: Joseph ben David aus Leipnik (Mähren). Geschrieben und illustriert 1740 in Altona/Hamburg, 40 fols, 350 x 260. London, British Library, Sloane 3173, 7v.

Ein katholischer Bischof in Hamburg, das protestantisch dominiert war und ist? Und was hat das Ganze mit Wiener Neustadt zu tun?
Nun, erwähnter Maler Joseph ben David kam aus Leipnik in Mähren und nach Mähren flohen viele Juden, nachdem sie 1670/71 von Leopold I. aus Wien vertrieben worden waren. Wir kennen viele Erklärungen für diese Vertreibung, ganz wesentlich aber waren sicher die aggressiven judenfeindlichen Reden von Bischof Leopold Karl von Kollonitsch, der 1670 Bischof von Wiener Neustadt geworden war.

Und so ist vielleicht wirklich mit der Darstellung des katholischen Bischofs als Götze, 70 Jahre nach der Vertreibung der Juden aus Wien, niemand anderer als Bischof Leopold Kollonitsch aus Wiener Neustadt gemeint (an ihn erinnert heute u.a. die den Bahnhof mit der Innenstadt verbindende Kollonitschgasse) …

Joseph ben David wurde übrigens der Begründer der jüdischen „Hamburger Malschule“. In Wien selbst lebten (nach 1670) wohlhabende „Hofjuden“, die meistens ein Stadtpalais bewohnten und oft für ihre Privatsynagogen illustrierte und illuminierte Handschriften bei den Schreibern/Miniaturisten in Mähren bestellten.

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