Der nichtjüdisch-jüdische Dialog im deutschen Mitteleuropa

Eine subjektive Bilanz in zehn Schritten

Ein Gastbeitrag im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Schalom – Salam – Grüß Gott“

Schalom - Salam - Grüß Gott (Logo)

  1. Der Dialog wird nicht ohne historischen Hintergrund geführt. Nicht umsonst ist noch kein Phänomen eines schintoistisch- oder hinduistisch-jüdischen Dialogs entstanden. Den Nährboden des nichtjüdisch-jüdischen Dia- oder Trialogs bildet die historisch gewachsene Problematik, welche spezifische, wenn auch in sich heterogene Religionen, die (unter anderem) auf dem Jüdischen aufbauen, mit demselben verbindet.
  2. Phänomenologisch ist der Dialog zu einem deutschen Spezifikum geworden, für das sich in anderen Teilen Europas oder der Welt kaum Parallelen finden lassen. Nicht wenige, Juden wie Nichtjuden, machen den Dialog zu ihrer Hauptbeschäftigung. Dabei wird der Dialog leider immer mehr von einem Mittel in einen selbstständigen Zweck verwandelt.
  3. Die historisch gewachsene Problematik sollte im Dialog redlich angesprochen werden. Die Schönrednerei bringt uns nicht weiter. Darum setzt ein wahrhaftiger Dialog voraus, dass auch das Schweigen eine legitime Möglichkeit ist. Wo der Dialog selbst zum Zweck wird, kann kein wahrhaftiger Dialog mehr stattfinden.
  4. Das oft missachtete Kernproblem eines wahrhaftigen Dialogs ist, dass es in der historisch gewachsenen Problematik kein Gleichgewicht gibt: Im Mittelpunkt des Christentums steht ein Jude, im Mittelpunkt des Judentums hingegen kein Christ; der nachmohammedanische Islam usurpierte Jerusalem, das Volk Israel erhebt hingegen nach wie vor keinerlei Ansprüche auf Mekka. Diesen Beziehungen liegt ein usurpatorisches Moment zugrunde, das nicht in allen Richtungen gleichermaßen verläuft.
  5. Damit der Dialog den Berufsdialogikern auf jeden Fall erhalten bleibt, werden im heutigen Diskurs bisweilen Hypothesen aufgestellt, die ein falsches Gleichgewicht erzeugen und die Problematik verdrängen sollen: Jüdische Quellen werden zu »gemeinsamen« Quellen, die urjüdische Patriarchenmythologie zu einem »abrahamitischen« Allgemeingut umgedeutet, unterschiedliche Welt-, Lebens-, Gottes-, Gesellschafts-, Staats- und Geschichtsphilosophien zu bloßen »Namensdifferenzen« verklärt und degradiert. Solche schönredenden, das Jüdische einverleibenden Ansätze machen jede Aufarbeitung der bis in die Gegenwart fortwirkenden Problematik unmöglich.
  6. Das leider weit verbreitete Bestreben, die Usurpationsproblematik durch die bloße Existenz eines »Dialogs« mit Juden zu verkoschern, führt notwendigerweise zu einem bald impliziten, bald expliziten Kampf um die Deutungshoheit über das Jüdische, von dem sich Christentum und Islam zwecks ihres eigenen Selbstverständnisses, ihrer eigenen Identitätsstiftung abgrenzen müssen. Darum wird bisweilen von nichtjüdischer Seite versucht, dem Dialog eine bestimmte Definition des Jüdischen aufzuzwingen, die ihrem eigenen Judenverständnis und ihren eigenen Bedürfnissen entspricht. So wird auch der (scheinbare) Dialog selbst zu einem Mittel der objektivierenden Usurpation.
  7. Allzu oft wird dann das Jüdische allein auf die Religion bzw. das Rabbinische reduziert, obwohl das Judentum reichhaltig ist und viel mehr umfasst als Kultformen und Glaubensbekenntnisse. Wichtige Momente im heutigen Judentum (Kultur, Staatlichkeit, Geschichte, Sprache, Heimatland, Kunst, Abstammung etc.) dürfen bei einer solchen Objektivierung nicht artikuliert werden, sondern werden somit a priori vom Dialog ausgeschlossen, was u. a. die Entmündigung vieler, darunter etwa atheistischer Juden mit sich bringt. Soll aber ein wahrhaftiger Dialog entstehen, so muss als Erstes das jüdische Selbstbestimmungsrecht respektiert werden, genau so, wie dieses jedem anderen Volke zusteht.
  8. Ein wahrhaftiger Dialog bedeutet, sich auch mit den eigenen Schriften kritisch auseinanderzusetzen. Der jüdischen Seite obliegt es, sich überall, wo jüdische Grundschriften gegen Christen und/oder Muslime hetzen, deutlich von solchen Aussagen zu distanzieren. Das Gleiche gilt auch Christen und Muslimen, auch und gerade wenn judenfeindliche Äußerungen etwa von Paulus bzw. Mohammed gestammt haben sollen. Ohne eine grundsätzliche Selbstkritik und Distanzierungsbereitschaft kann man kein Partner sein für einen wahrhaftigen Dialog.
  9. Ebenfalls wichtig sind die theologischen Erwartungen von der jeweils anderen Seite. Zur Redlichkeit gehört es, diese Erwartungen von vornherein zu nennen. Denn es kann kein wahrhaftiger Dialog entstehen, solange die eine Seite davon ausgeht, dass die andere »eigentlich« zum Islam / Judentum / Christentum konvertieren sollte und, bis es soweit ist, in ihrem »überholten« Glauben lediglich »toleriert« wird. Toleranz ist das Gegenteil von Ebenbürtigkeit; Toleranz bedeutet Rückfall von kollektiver Selbstbefreiung.
  10. Metahistorisch gesehen, kann der wahrhaftige Dialog in ein neues Zeitalter führen: »[…] Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.« Bezweckt werden kann das freilich nicht. Wer genauso gut auch schweigen kann, nur dessen Worte sind von Wert.

Yoav Sapir M.A. ist u.a. als Referent im jüdisch-christlichen Dialog aktiv, bloggt auf „un/zugehörig“ und betreibt die Website sapir-berlin.com.

Der Beitrag von Yoav Sapir bildet den Abschluss einer Blog-Mini-Serie, die unsere aktuelle Veranstaltungsreihe „Schalom – Salam – Grüß Gott“ begleiten und ergänzen soll: Jüdische, christliche und muslimischen Autoren wurden gebeten, „eine Handreichung für interreligiöse Begegnungen aus jüdischer/christlicher/muslimischer Perspektive“ anzufertigen, die, „quasi als interreligiöser Survival Kit, (…) Orientierung in der interreligiösen Begegnung verbessern und Unsicherheiten mindern“ kann.
Bereits erschienen sind der „Islam-Knigge“ von Hussein Hamdan, Chajm Guskis „Schwierige Freundschaft“ und Christopher Meillers „Hehre Ziele, steinige Wege?

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