Archiv für 2010
Eine unerfreuliche Meldung zum Stand der Dinge
Das hier laufende Projekt über den jüdischen Friedhof Mattersburg sowie (geplant) für 2011 auch über die beiden jüdischen Friedhöfe in Eisenstadt kann aufgrund der ohnehin knappen Ressourcen unseres Hauses nur bewältigt werden, wenn zusätzliche finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt werden.
Wir haben daher im Juli/August beim Österreichischen Nationalfonds einen Antrag zur Förderung des genannten Projekts mit dem Titel “Entanonymisierung der jüdischen Friedhöfe – Burgenland” gestellt.
Wir wurden nun informiert,
dass das Projekt in der letzten Sitzung [...] zurückgestellt wurde. Das ist [formal] keine Ablehnung. Sie haben die Möglichkeit, bei der nächsten Komiteesitzung (Mai 2011) das Projekt noch einmal vorzustellen und Missverständnisse zu klären.
Anmerkung: Wir wissen nicht, welcher Art die Missverständnisse sind, da unserer Meinung nach das Projekt klar und umfassend definiert war.
Da wir also derzeit keine finanzielle Unterstützung bekommen, können wir das Projekt zu unserem großen Bedauern derzeit auch nicht wie geplant fortsetzen.
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Für die, die ohne Stimme sind
Herbstliches von Theodor Kramer

Immer, wenn der Herbst deutlich um sich greift, greife ich gerne zu den Gedichten von Theodor Kramer, um mich einmal mehr in der Melancholie dieses bedeutenden Poeten zu wiegen, der am 1. Januar 1897 im niederösterreichischen Niederhollabrunn als Sohn des jüdischen Gemeindearztes geboren wurde und ein Jahr nach seiner Rückkehr aus dem Exil in England, am 3. April 1958, in Wien verstorben ist. Carl Zuckmayer nannte ihn als stärksten Lyriker Österreichs seit Georg Trakl. Wie der frühverstorbene Salzburger war auch Kramer Frontsoldat im Ersten Weltkrieg. Nach der Okkupation Österreichs durch Hitler- Deutschland emigrierte er 1939 nach England, wo er die Staatsbürgerschaft erlangte und neben seiner unermüdlichen Produktion von Gedichten als Bibliothekar an einem College tätig war. An seiner späten Rückholung aus London war die streitbare Journalistin und Schriftstellerin Hilde Spiel wesentlich beteiligt.
Kramer schrieb von seinem 14. Lebensjahr an Gedichte. Tag für Tag. Mit 30 war er bereits eine kleine Berühmtheit. In seinen oft volksliedhaften Gedichten setzt er sich nicht nur mit der elenden sozialen Situation der Zwischenkriegszeit auseinander, sondern sucht zum Ausgleich auch immer die Natur. Gedichte auf Weinland und Stromland, Steinbruch und Schottergrube, Kräuter und Gras kamen dabei zustande. In der Zwischenkriegszeit erwandert sich Kramer vor allem die Gegenden des östlichen Niederösterreichs und des nördlichen Burgenlands und versucht, der einfachen und oft auch bitterarmen Landbevölkerung ein literarisches Denkmal zu setzen. Die Widmung seines gesamtes Werkes lautete: “Für die, die ohne Stimme sind”.
Weinlese
Kommt, geschnitten ist der Wein,
und es schäumt die Kelter;
lasst uns heute lustig sein,
morgen sind wir älter.
In der Kapsel surrt der Mohn,
aus den Malvenbroten
rinnt’s; beim kleinsten Hauch und Ton
klaffen leer die Schoten.
Spielt die Ziehharmonika
drum und singt nur lauter;
heute sind wir alle da,
waren nie vertrauter.
Schön am Saum der Herbststrauch steht,
Reif deckt früh den Anger;
die heut in die Stauden geht,
ist im Frühjahr schwanger.
Seine Eltern waren Juden, und so war auch er Jude, weithin sichtbar, von großer Statur und schweren Gliedern. Sein Gesicht war breit, die Nase kurz und eingesattelt, die Lippen wulstig. Sein runder schwarzer Kopf war hutbedeckt. Er hatte Augen wie Vogelkirschen, die im Schatten der breiten Krempe glitzerten. So sah er aus wie Moses Vogelhut, und jeder sah ihn, wenn er, mit scheuen Gebärden, auf schweren, schwankenden Sohlen dahinging.
Der ebenfalls schon verstorbene Lyriker Michael Guttenbrunner, dem ein großes Verdienst an der Wiederentdeckung Kramers nach dessen Rückkehr nach Österreich zukommt, hat ihn einmal “mit den Zeichen seiner Herkunft versehen” so plastisch beschrieben. In einem Essay, den ich als Herausgeber der in Eisenstadt erschienenen Literaturzeitschrift “wortmühle” 1979 zum ersten Mal veröffentlicht habe. “Kramers von Anfang an quälende Selbstschau”, führte Guttenbrunner in diesem Essay weiter aus, “ist mit einem naiven utopischen Weltblick gepaart, der an der Stelle des Olymps, der Altäre und Throne, die grüne burgenländische Wiese sieht, auf der die Gänsen weiden und ein freies Volk um den Maibaum tanzt”. Dazu passend ein bisher noch unveröffentliches Gedicht Theodor Kramers mit dem Titel
Mostnacht in Eisenstadt
Vom Herbstwind bin ich aufgewacht,
durchs Fenster schwebt ein Maulbeerblatt;
mit seinem Ruch erfüllt die Nacht
der schwere Most von Eisenstadt.
Die Rieden liegen tot, vom Tag
ist kaum zu sehn ein fahler Saum;
wo magst du sein, mit der ich lag
vor einem Jahr in diesem Raum.
Wo liegst du jetzt um diese Stund,
vor herbem Schimmel halt und heiß,
wer küsst jetzt deinen breiten Mund
und wohnt in deinem scharfen Schweiß ?
Wie sah die Nacht doch damals aus
noch immer so und anders nie;
schwarz drüben glomm das kleine Haus
wie heut und bebten mir die Knie’.
Die Magd schob einen Krug mit Most
mir gestern abends noch herein;
mit dem komm ich zur Walnusskost
aus bis zum ersten Morgenschein.
Große Dichtung über kleine Leute, “auf einer Orgel aus Staub mit schweren, fleischigen Händen gespielt” (Guttenbrunner). Gesammelte Gedichte Kramers unter dem Titel “Orgel aus Staub” sind 1983 im Carl Hanser Verlag erschienen. 2005 kam dann im Zsolnay- Verlag eine dreibändige Gedichtsammlung heraus, die Erwin Chvojka ediert hat.
Schlagwörter: literatur | Kommentare (2)
Bild der Woche – Direktorinnen-/Direktorentreffen
Am vergangen Dienstag, dem 12. Oktober, fand im Palais Epstein im Rahmen der “Epstein-Vorlesungen” eine Podiumsdiskussion über die Rolle jüdischer Museen mit dem Thema “Jüdische Museen als lebendige Denkmäler der Geschichte” statt. Geladen waren die Direktorin/Direktoren der drei jüdischen Museen in Österreich sowie die Direktorin des jüdischen Museums Franken.
Bild-Copyright: Parlament der Republik Österreich;
von links: meinereiner (Eisenstadt, eh klar ;) ), Dr. Hanno Loewy – Direktor des Jüdischen Museums Hohenems, Dr.in Danielle Spera – Direktorin des Jüdischen Museums Wien, Mag.a Daniela F. Eisenstein – Direktorin des Jüdischen Museums Franken, Vorstandsmitglied Association of European Jewish Museums, Mag.a Barbara Prammer – Präsidentin des Nationalrates und Dr. Günther Schefbeck – Parlamentsdirektion
Mehr Fotos auf der Website des Parlaments.
Zur Parlamentskorrespondenz 764 vom 12. Oktober 2010.
Schicken Sie uns Ihr Bild der Woche …
Schlagwörter: wien | Kommentare (9)
Bild der Woche – Hoher Besuch
Anlässlich eines Besuchs beim Landeshauptmann des Burgenlandes besuchte gestern der Botschafter des Staates Israels in Wien, Aviv Shir-On, unser Museum. Es war dies auch sein erster offizieller Besuch des Burgenlandes.
Aviv Shir-On, seit 1978 im diplomatischen Dienst Israels, ist seit 2009 als Botschafter für Österreich (und Slowenien) akkreditiert.

Besonders gefreut haben wir uns über sein großes Interesse an unserem Haus, seinen so freundlichen (und langen) Gästebucheintrag und dass er sogar – außer Protokoll und per pedes (!) – den älteren jüdischen Friedhof von Eisenstadt besuchte.
Schicken Sie uns Ihr Bild der Woche …
Schlagwörter: israel | Kommentare (0)
Lange Nacht der Museen 2010 – Nachlese
Nachdem unser Museum vergangenes Jahr in der Langen Nacht der Museen pausierte, ließen wir uns heuer etwas ganz Besonderes einfallen. Die “Lange Nacht” stand in unserem Museum selbstverständlich auch unter dem Jahresmotto und im Zeichen unserer Veranstaltungsreihe “Schalom – Salam – Grüß Gott“.
Für die Kinder begann die lange Nacht naturgemäß sehr früh. Ein Spiel führte die Kleinen durch die 3 monotheistischen Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam und unsere Mitarbeiterinnen Kati und Anja freuten sich nicht nur über das Engagement der Kinder beim Spiel, sondern waren auch erstaunt über das teils große Wissen der Kinder über die Verschiedenheiten und Gemeinsamkeiten der drei Religionen.
Selbstverständlich gewannen alle Kinder auch Preise und wir werden das von uns eigens für die “Lange Nacht der Museen” kreierte Spiel sicher hinkünftig gelegentlich bei Schulklassen verwenden.
Während die ersten beiden Stunden der “Langen Nacht” bei uns eher gemächlich begannen, herrschte kurz vor 20 Uhr ein regelrechter BesucherInnen-Ansturm auf unser Museum und binnen weniger Minuten war das Auditorium zum Bersten gefüllt. Unser Programmhighlight “Aufräumen bei Gott! Verrückte Geschichten über Gott und die Welt” sollte gleich beginnen. Helmut Wittmann, Aron Saltiel und David Raphael Katz boten dann 2 Stunden lang ein wirklich sensationelles Programm:
Tatsächlich, schon die erste Geschichte war wirklich total verrückt! Wir erfuhren nämlich, wie Jesus und Petrus durchs Mühlviertel marschierten, Hunger bekamen und bei einer Bäuerin 3 (!) Krapfen erhielten. Petrus wollte daraufhin den Herrn Jesus reinlegen, was ihm freilich nicht gelang …
Jedenfalls, nur so viel sei hier verraten, wissen wir jetzt, dass und wie Jesus die Eierschwammerl erschaffen hat ;).
Und die BesucherInnen bekamen sogar, passend zur Geschichte, ein Stück warmen Krapfen!
Warum das Programm übrigens “Aufräumen bei Gott!” hieß, erfuhren wir dann ganz am Schluss (der 2. Teil, nach einer kurzen Pause, endete um 22 Uhr) und möchten Ihnen die sehr eindrucks- und humorvolle Erklärung nicht vorenthalten:
Um 22.30h führte Kollege Christopher noch durch die Synagoge und durfte mehr als 30 begeisterte (!) Interessierte (und das bei einer Schwerpunktführung, die sich mit dem für eine “Lange Nacht der Museen” vielleicht etwas schwierigen Thema der Heiligkeit von Synagoge, Kirche und Moschee auseinandersetzte!) begrüßen :).
Für unser Museum ging um 01h nachts eine großartige “Lange Nacht der Museen 2010″ zu Ende. Knapp 600 BesucherInnen, viele neue Gesichter, aber auch viele unserer “StammbesucherInnen”, nahmen unsere Angebote wahr.
Nach der “Langen Nacht der Museen” ist vor der “Langen Nacht der Museen” – die Überlegungen beginnen schon jetzt und wir versprechen, auch 2011 wieder weniger neuen Besucherrekorden nachzujagen, sondern uns wirklich zu bemühen, auch nächstes Jahr ein attraktives und zu unserem Haus passendes Programm zu bieten …







