Archiv für 2010
Bild der Woche – Aufräumen bei Gott
Vor 6.5 Stunden erst ging die “Lange Nacht der Museen” auch bei uns zu Ende und wir dürfen – noch etwas übernächtig – schon jetzt kundtun, dass es für unser Museum eine ganz großartige Nacht war.
Wir haben über unsere Veranstaltungen und Ereignisse nächtens schon ein wenig via Twitter live berichtet (z.B. Tweet 1, Tweet 2 oder Tweet 3).
Unser Programmhighlight war “Aufräumen bei Gott! Verrückte Geschichten über Gott und die Welt” – mit Märchenerzähler Helmut Wittmann, Aron Saltiel und David Raphael Katz.
Es darf und muss wiederholt werden: Es war wirklich ganz großes Kino und selbstverständlich haben wir fotografiert und gefilmt – in wenigen Tagen Stunden dann mehr … :)
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Schlagwörter: schalom-salam-grüß-gott | Kommentare (0)
Der ‘Ritualmordprozess von Tisza Eszlar’ und der ‘Kaufmann von Venedig’
Unsere ständige Gastautorin und Korrespondentin aus Bnei Brak, Israel, Claudia/Chaya-Bathya, gibt uns die Möglichkeit zu einem kleinen Update, und zwar sowohl zu unserem letzten Blogbeitrag über die “Judensau” als auch zu Shakespears “Kaufmann von Venedig”, der vor 2 Tagen nachts vom ORF gesendet und von meinem Kollegen Christopher in einem Tweet kommentiert wurde.
Der Ritualmordprozess von Tisza Eszlar (1882/83) gilt als klassisches Beispiel für den religiös motivierten Antisemitismus der neueren Zeit. Der Freispruch der jüdischen Angeklagten führte zu massiven antijüdischen Agitationen und begründete den modernen politischen Antisemitismus in Ungarn. Auslöser war das spurlose Verschwinden des vierzehnjährigen christlichen Bauernmädchens Eszter Solymosi am 01. April 1882.
Die folgende Predigt (wir bringen einen Ausschnitt) wurde von Rabbiner Emanuel (Menachem) Grünwald, Ödenburg [Sopron], zum Schabbat Hagadol 1883 gehalten. Der Schabbat Hagadol (“großer Schabbat”) ist der Schabbat vor dem Pesachfest und fiel im Jahr 1883 auf den 14. Nisan, der auch gleichzeitig Erev Pesach war (21. April). Die Predigt ist in Deutsch mit hebräischen Buchstaben geschrieben, die untenstehende Fassung von Claudia gibt den Ausschnitt wortgetreu wieder.
Die Predigt (Ausschnitt)

Bild: Eszter Solymosi
Quelle: yivoencyclopedia.
Erlebnisse haben wir in unserer kultivierten Zeit erlebt [gemeint ist die Blutbeschuldigung von Tisza Eszlar 1882], von denen wir zwar keine Ahnung mehr hatten, denn selbst in unserer Zeit wird uns zum Vorwurfe gemacht, von den Judenfeinden, dass wir Blut zu unseren Zeremonien brauchen. Uns, denen selbst das Blut des Tieres verboten ist, werden solche lügenhaften Erdichtungen zum Vorwurfe gemacht! Dies erinnert mich an einen berühmten, hochberühmten Dichter [Shakespeare], der vor mehreren Jahrhunderten gelebt [hat]. Unter dessen Dichtungen findet sich auch eine [Kaufmann von Venedig], deren Held ein Jude ist:
Ein jüdischer Kaufmann, der seinem Schuldner für ein Pfund Gold, das er ihm geborgt, und das dieser aber später nicht zurückzahlen kann, ein Pfund Blut abzapfen will. Ein Pfund Blut für ein Pfund Gold!
Und diese Dichtung ward nicht geschrieben, etwa bloß für den gelehrten Leser in seiner einsamen Stube. Nein, sie ward geschrieben fürs Volk, für die große Menge. Ein Jude fordert von seinem Schuldner ein Pfund Fleisch aus dessen Herzen für ein Pfund Gold! Wie? Ein Jude, dem selbst das Blut des Tieres heilig ist, verlangt für sein Gold Menschenblut? Wie gehörte nicht eine hirnverbrannte Phantasie dazu, um solch eine Dichtung zu schaffen?! Doch nein, es war eben keine Dichtung, sondern Wahrheit, geschichtliche Tatsache, die ganz in der Wirklichkeit vor Jahrhunderten in einer Stadt sich zugetragen hat. Nur mit dem kleinen Unterschied, dass im wirklichen Vorgange der Jude nicht der Gläubiger, sondern der Schuldner [war]. Der Jude war es, der in seiner tiefen Not und Bedrängnis einem harten, bösen Mann für ein Pfund Gold ein Pfund seines Herzblutes verschreiben musste. Derartige Lügen werden erdichtet, um Zwiespalt und Zwietracht zwischen der einen und anderen Konfession [zu säen].
Hat sich aber unser Zeitalter gebessert seitdem? Unsere Zeit hat gezeigt, dass der alte eingefleischte Judenhass noch immer nicht aufgehört hat, um Verdächtigungen, böse Anklage zu erheben.
Zum Verfasser der Predigt
Rabbiner Emanuel (Menachem b. Pinchas) Grünwald wurde ca. 1844 in Cece (Ungarn) geboren. Unter seinen Lehrern finden sich die Rabbiner Arje Lichter (Cece), Abraham Karpeles (Görböpincehely), Joel Ungar und Elieser Sussmann Sofer (Paks) sowie Samuel Wolf Schreiber (Abraham Benjamin Schmuel Sofer) in Preßburg, der Sohn und Nachfolger des Chatam Sofer. R. Menachem war der Schwiegersohn des Dajjan R. David Neumann in Preßburg. Nach seiner Hochzeit wohnte er bei seinem Schwiegervater, wurde dort selbst Dajjan und schließlich Rabbiner in Ödenburg (Sopron). In zweiter Ehe war er mit einer Tochter von R. Jizchak Kramer, Rabbiner in Neuhäusel (Nove Zamky, Slovakei) und Wien, verheiratet. Seine drei Söhne (Jehuda, Schmuel und Jehoschua) waren ebenfalls Rabbiner, desgleichen sein Schwiegersohn R. Katriel Blum aus Nagykaroly (Carei Mare, Rumänien). R. Menachem starb am 25. Tischri 5690 (September/Oktober 1929).
Kinstlicher, משה אלכסנדר זושא קינסטליכר, ה’חתם סופר’ ותלמידיו, בני-ברק: מכון ‘זכרון’, תשס”ה, S. 516.
Ein weiterer Sohn von R. Menachem Gruenwald war übrigens Malkiel Gruenwald (1882-1968), der zur Zeit der Affäre von Tisza Eszlar geboren wurde und später gegen Kastner gekämpft hat.
Ein paar Monate nach der erwähnten Predigt berichtet die “Jüdische Presse (Berlin)” 5 (1884), S. 46 in einer Korrespondenz vom 25. Jänner über antisemitische Vorfälle in Ödenburg. Unter anderem wurden die Fenster des Rabbiners und jene der beiden Synagogen zertrümmert.
Schlagwörter: jüdisch-christlich, literatur, ungarn | Kommentare (2)
Bild der Woche – ‘Judensau’
Am Dienstag wurde im Stadtmuseum in Wiener Neustadt die Ausstellung “Schicksalswege. Die jüdische Gemeinde in Wiener Neustadt” eröffnet.
Zu den wertvollsten und zweifellos beachtenswertesten Objekten der Ausstellung gehört das Kalksandsteinrelief der sogenannten Judensau aus dem 15. Jahrhundert (?), das sich auf dem Haus Hauptplatz 16 befand.
An den Zitzen einer großen Sau saugen vier Juden, ein fünfter befindet sich am Boden und ein sechster klammert sich an den Schwanz.
Im Mittelalter galt die Sau als Symbol für Ausschweifung und Schlemmerei, sie repräsentierte also Sünder, die in jeder Hinsicht ausschweifend lebten. Bereits der Fuldaer Abt und Mainzer Erzbischof Rabanus Maurus (780 – 856) stellt die Verbindung zwischen der Sau und den Juden her. Dadurch sollten die Juden als unrein und als Sünder abqualifiziert werden.
Die ältesten Belege von “Judensau”-Darstellungen in Deutschland stammen aus dem Beginn des 13. Jahrhunderts. Das Thema “Judensau” wurde auch mit dem Thema “Ecclesia und Synagoga” (“Kirche und Synagoge” – das Motiv entsteht im 9. Jahrhundert) verbunden. So reitet auf dem Chorgestühl des Erfurter Doms die Synagoge, dargestellt durch einen Mann mit Judenhut, auf einer Sau in das Turnier gegen die auf einem edlen Pferd reitende Kirche.
Die Sau spielte auch bei der Prozedur des Judeneides eine große Rolle. Nach dem Schwabenspiegel (13. Jahrhundert) musste der schwörende Jude barfuß auf einer blutigen Schweinshaut stehen. Diese Haut musste von einer Sau stammen, die in den vergangenen 14 Tagen Junge gehabt hatte, und sie musste entlang des Rückens aufgeschnitten sein. Die Zitzen, auf denen der Jude zu stehen hatte, mussten sichtbar sein.
Mehr Informationen zum Motiv der “Judensau” und Literatur: de.wikipedia.org/wiki/Judensau.
Tipp: Die Ausstellung im Stadtmuseum Wiener Neustadt können Sie bis 29. Mai 2011 besichtigen!
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Schlagwörter: bildende kunst, jüdisch-christlich, wiener neustadt | Kommentare (5)
Lange Nacht der Museen 2010
Schalom – Salam – Grüß Gott … in der “Langen Nacht der Museen 2010″
Das Österreichische Jüdische Museum lädt herzlich ein zu einer verspielten, märchenhaften & musikalischen “Langen Nacht der Museen 2010″ – ganz im Zeichen unseres Jahresschwerpunkts “Schalom – Salam – Grüß Gott”: mit interreligiösem Erzähl- und Musikabend, gestaltet von Märchenerzähler Helmut Wittmann & Freunden, Kinderprogramm und Spezialführung durch die Wertheimer-Synagoge.
Wann: Samstag, 2. Oktober 2010, 18.00 bis 01.00 Uhr
Wo: Österreichisches Jüdisches Museum
Unser Programm im Detail
18.00 Uhr: “Schalom – Salam – Grüß Gott” für unsere jungen BesucherInnen – ein spielerisches Kennenlernen von Judentum, Christentum und Islam
20.00 Uhr: Aufräumen bei Gott! Verrückte Geschichten über Gott und die Welt – mit Märchenerzähler Helmut Wittmann und chassidischen Liedern von Aron Saltiel und David Raphael Katz (Klarinette, Gitarre, Hang).
Alpenländische Zaubermärchen, orientalische Schelmengeschichten und pfiffige Überlieferungen aus der jüdischen Tradition, mitreißend erzählt von Helmut Wittmann & Aron Saltiel wechseln mit chassidischen Liedern. Dazwischen improvisiert David Raphael Katz meisterhaft auf der Klarinette, der Gitarre und dem Hang.

Aron Saltiel (links) und Helmut Wittmann
22.30 Uhr: Synagoge – ein heiliger Ort? Oder: Über Eigenheiten und Gemeinsamkeiten von Synagoge, Kirche und Moschee. Schwerpunktführung in der ehemaligen Privatsynagoge Samson Wertheimers
Eintritt mit dem “Lange Nacht”-Ticket:
- regulär EUR 13
- ermäßigt EUR 11
- frei für Kinder bis 12 Jahre
Das Ticket berechtigt zum Besuch aller an der “Langen Nacht” teilnehmenden Museen.
Tickets erhalten Sie
- im Österreichischen Jüdischen Museum (Vorverkauf & Abendkasse)
- in allen weiteren teilnehmenden Museen
- online
Weitere Informationen zur “Langen Nacht” erhalten Sie auf langenacht.orf.at.

Das Programm der Veranstaltungsreihe “Schalom – Salam – Grüß Gott” finden Sie in unserem Übersichtsartikel.
Schlagwörter: eisenstadt, schalom-salam-grüß-gott | Kommentare (1)
Bilder der Woche – Ausspannen am Yarkon
Sommeredition
“Bild der Woche” went on holiday – und begab sich in den vergangenen Wochen auf eine sommerliche Bilder-Reise zu jüdischen Museen, Synagogen und Schauplätzen jüdischen Lebens in aller Welt!
Hier nun die letzte Ausgabe dieser unserer Bild-der-Woche-Sommeredition. Allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern an unserem Gewinnspiel nochmals ganz herzlichen Dank für ihre Einsendungen; die GewinnerInnen werden in Kürze an dieser Stelle bekanntgegeben…
Auch der schönste Urlaub geht einmal zu Ende – und ebenso unsere Bild-der-Woche-Sommerreise, deren letzte Etappe uns nochmals nach Israel führt.
Völlig zu Recht hat unser geschätzter Blogger-Kollege und Stammkommentator Yoav Sapir unlängst zu unserer Sommerreise angemerkt, zu den besuchenswerten “Schauplätzen jüdischen Lebens” zählten nicht nur Synagogen und Mahnmale, sondern “auch ganz normale Orte jüdischer Öffentlichkeit” – und hat entsprechend mehr “beruhigende Banalität des Alltags” angemahnt.
Wir kommen dieser Anregung hiermit nach und erholen uns von den Strapazen unserer Sommerreise in einer der hübschesten Parkanlagen Tel Avivs, an den Ufern des Yarkons…





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Schlagwörter: israel, tel aviv | Kommentare (5)





