Franz Liszt und sein jüdischer Entdecker

Unsere „two cents“ zu Lisztomania 2011© I

In wenigen Tagen, am 27. Jänner 2011, findet der feierliche Auftakt zu Lisztomania 2011© statt, das Burgenland feiert 2011 „’seinen Superstar‘, das Wunderkind, den Klaviervirtuosen, den Frauenschwarm, den Freigeist und Hexenmeister der Konzertsäle Europas“: Franz Liszt.

Zitiert aus dem Text der Einladung

Was uns 2009, im Haydn-Jahr, nicht vergönnt war (weil es einfach keine Anknüpfungspunkte gab), dürfen wir jetzt nachholen und sozusagen auch von „jüdischer Seite“ aus einen kleinen Beitrag zu „Lisztomania 2011©“ leisten.

Geplant sind vorerst 3 kurze Blogbeiträge, die sich mit Franz Liszt aus der Sicht jüdischer Quellen beschäftigen und wir beginnen heute – immerhin (!) – mit der Entdeckung des Wunderkindes:

Auf seiner Reise durch die Sieben-Gemeinden, die sieben heiligen jüdischen Gemeinden des heutigen Burgenlandes, folgte für den Journalisten, Schriftsteller und Zionisten Otto Abeles

nach den Stunden in der atembeklemmenden dumpfen Enge von Deutschkreutz (Zelem) […] ein heller Tag im freundlichen Lackenbach.

(Anmerkung: Lackenbach liegt knappe 6km neben Raiding, wo Franz Liszt am 22. Oktober 1811 geboren wurde).

Draußen, am guten Ort, der neben den uralten kleinen Steinen auch schon Nobelgerüste à la Döblinger Friedhof, aufweist, liegt der Sohn des Maharam Asch Eisenstadt, Rabbi Benjamin Asch, der das Rabbinat von Lakenbach und Kobersdorf innehatte und hier geliebt, geehrt war, wie sein größerer Eisenstädter Vater. Ihm folgte durch drei Rabbinergenerationen die Ullmannsche Dynastie. Den hundertsten Todestag des Stammvaters, der den Beinamen Charew (der Scharfsinnige) führte, und eine Leuchte in Israel war, hat man zu Lakenbach im Vorjahre gefeiert. Reb Scholem Charew soll auch körperlich ein Riese gewesen sein und einst einen Bären erwürgt haben. Sein Urenkel erzählt mir von seinen berühmten Ahnen, während er im Gewölbe die Kundschaft bedient.

Ein interessantes Ledergeschäft! Oberhalb der Warenstapel laufen Bücherbretter rings um die Wand. Es sind keine Geschäftsbücher, sondern ererbte Bibliotheksbestände. Das Gespräch mit dem Träger eines berühmten Namens erweist, dass nicht viele jüdische Kaufleute der Großstadt über so viel Bildung, Kultur und geistiges Interesse verfügen, wie dieser Lakenbacher, der jetzt für 20 Groschen Holznägel zuwiegt und sie in die selbstgedrehte Tüte schüttet.

„Hier oben“, erzählt er während des Tütendrehens und weist auf das Stockwerk über seinem Gewölbe, „hier in diesem Hause wohnte Ruben Hirschler, der im Leben Franz Liszts eine bedeutsame Rolle spielte. Der alte Hirschler, ein wohlhabender und kunstliebender Mann, ließ – damals bei Juden eine Ungeheuerlichkeit – seine Töchter bereits das Klavierspielen erlernen. Mit Liszts Vater, welcher Verwaltungsbeamter Esterhazys auf dem Nachbargute Raiding war, stand er in Geschäftsverbindung. Als Vater Liszt mit dem kleinen Franz einst hier zu Besuch weilte, erkannte der alte Hirschler die Begabung des Knaben, schenkte ihm das Klavier und kümmerte sich um seine Ausbildung.“

So hat ein Lakenbacher Jude dem großen Franz Liszt die Laufbahn des weltberühmten Pianisten und Tondichters eröffnet.

Abeles O., Das freundliche Lakenbach, in: Wiener Morgenzeitung vom 16. Februar 1927, S. 4.

Den fast identischen Bericht von Otto Abeles über Lackenbach finden wir auch in „Die neue Welt, Nr. 45, S. 7, Jg. 2/1928“. Beide Berichte online einzusehen in compactmemory.de.

Interessant ist auch, dass Ruben Hirschlers Neffe Josef Hirschler (Sohn von Rubens Bruder Aaron) in Eisenstadt einige Jahre vorher, 1813, höchst unangenehm aufgefallen ist, als er nämlich als Besitzer des Wertheimerhauses versuchte, sämtlichen Parteien zu kündigen und das Bethaus auflassen wollte! Auch Josef Hirschler begegnen wir später als führende Persönlichkeit der jüdischen Gemeinde Lackenbach.
Bernhard Wachstein, Urkunden und Akten zur Geschichte der Juden in Eisenstadt und den Siebengemeinden, Wien 1926, S. 302

Die „Entdeckung“ Liszts durch den jüdischen Kaufmann Ruben Hirschler beschreibt auch der britisch-kanadische Musikwissenschaftler Alan Walker auf fast rührige Weise.
Franz Liszt besuchte am Tag seines 7. Geburtstags mit seinem Vater den jüdischen Kaufmann Ruben Hirschler in Lackenbach, wo er zu Tränen gerührt war, als er Fanni, die Tochter Hirschlers, am Klavier spielen hörte. Hirschler schenkte dem Knaben daraufhin das Klavier und die beiden Familien verband eine lange Freundschaft … aber lesen Sie selbst die Stelle im Original:

As a special treat for his seventh birthday, On October 22, 1818, the small boy was allowed to travel with his father to Lackenbach, where Adam had some business with a wealthy merchant called Ruben Hirschler. The daughter of this merchant, Fanni, had just been given a piano, recently arrived from Vienna. Adam requested the girl to play something for his young son, who, he explained, also loved music. When the lad heard the playing he could say nothing, his eyes filled with tears, and he threw himself weeping into the arms of his father. This scene so moved the elderly merchant that he gave the piano to the boy. It was a wonderful birthday gift. Hirschler’s gesture created a warm friendship between the two families. The Liszts often used to drive over from Raiding to Lackenbach (about half an hour’s journey) and spend their Sunday afternoons in the Hirschler household. [Budapesti Bazar, Pesti Hölgy-Divatlap, no. 22, Nov. 15, 1873. Koch (KLV, p. 18), who also reports this anecdote, wrongly calls the Hirschler family „Rehmann“/ The Hirschlers, in fact, were rich Jews who later fell upon hard times. By 1865 they had been reduced to selling shoes from an old stall in the Vienna market. Fanni herself married into poverty, but she followed Liszt’s subsequent career with interest.

Alan Walker, Franz Liszt: The virtuoso years, 1811-1847, 1983, S. 60

Vielen Dank für den Hinweis auf Walker an unsere Gastautorin Claudia Chaya-Bathya Markovits-Krempke, der Autorin unserer nächsten beiden Lisztbeiträge!

Bleibt schlussendlich noch anzumerken, dass wir in unserem dritten Beitrag über Franz Liszt noch einmal auf diese Entdeckungsgeschichte zurückkommen werden, wenn Franz Liszt sich nämlich in späteren Jahren gegen die Vorwürfe antisemisch zu sein zu Wehr setzen wird …

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