Superstars unter sich: Franz Liszt und Moritz Friedmann

Unsere “two cents” zu Lisztomania 2011© II

Nachdem Franz Liszt 1865 von Papst Pius IX. persönlich die niederen Weihen empfangen hatte und sich ab nun “Abbé” nennen ließ, verbrachte er die nächsten Monate abwechselnd in Rom und Budapest.

Anlässlich seines Aufenthalts in Budapest traf Franz Liszt auf den Oberkantor der nach Plänen von Ludwig Förster zwischen 1854 und 1859 erbauten großen Synagoge in Budapest, Moritz Friedmann.

Bildquelle: Günther Grünsteudel, Musik für die Synagoge, Universitätsbibliothek Augsburg

Korrespondenz, Pest, im September: Franz Liszt besuchte vor seiner Abreise nicht nur alle Institute, welche in irgend einer Beziehung zu der Kunst stehen, sondern auch alle irgendwie hervorragenden Sehenswürdigkeiten, so unter anderen, wie bereits gemeldet, auch den isr. Tempel, wo er über die Vorzüglichkeit der Orgel sich sehr lobend aussprach. Zu diesem Tempelbesuche Liszt’s haben wir noch Folgendes hinzuzufügen: Der Herr Oberkantor Friedmann zeigte ihm bei dieser Gelegenheit mehrere Kompositionen mit ungarischen und hebräischen Texten. Liszt äußerte den Wunsch, diese Gesänge zu hören, in Folge dessen Herr Friedmann später im Privatzirkel dem Herrn Abbé einigen Piecen in begeisternder Weise vortrug. Tief bewegt wendete sich Liszt an Herrn Friedmann mit den Worten: “Haben Sie besten Dank und empfangen Sie meine Versicherung, daß ich dies nicht nur als schönen Gesang, sondern noch als etwas Höheres anhörte.” Außerdem erhielt Herr Friedmann noch eine äußerst schmeichelhafte schriftliche Anerkennung von Liszt …

Ben Chananja 37 (13.9.1865), Sp. 645-646

Moritz Friedmann

Moritz Friedmann (geb. 7. März 1827 in Hraböcz/Hrabovec, Slowakei, gest. 29 August 1891 in Budapest) gestaltete schon als Kind den Synagogengottesdienst mit. Nach einigen Jahren wurde er als Hilfskantor nach Ödenburg (Sopron) berufen und schließlich 1857 als Oberkantor nach Budapest. Für seine Dienste wurde im der Professorentitel verliehen.

Für uns besonders interessant in seiner Biografie sind die Burgenland- und Wienbezüge. Denn Moritz Friedmann wirkte nicht nur einige Jahre in Deutschkreutz, sondern heiratete später auch die Tochter des Komponisten Carl Goldmark, Johanna:

… Nach langen Wanderungen in allen Gegenden Ungarns fand er endlich im Jahre 1844 bei dem Cantor zu Deutsch-Kreuz, Rubin Goldmark, dem Vater des aus dem 1848er Jahre bekannten Dr. Goldmark und des berühmten Componisten Karl Goldmark eine dauernde Anstellung. Er blieb daselbst durch 4 Jahre als Synagogensänger, zweiter Cantor und Lehrer. 1848 erhielt er in Oedenburg die Stelle des Cantors und Religionslehrers. Er behielt diese Aemter nicht lange, denn er schloß sich den Honved an und machte den Landsturm gegen Jelacic mit. Hierauf gieng er nach Wien, wo er 11/2 Jahre an der Seite Professor Sulzer’s als Tempelsänger fungirte. 1850 ward er Cantor, Lehrer und Secretär in Fünfhaus bei Wien. In diesem Jahre heirathete er Fräulein Johanna Goldmark, die Tochter des früher erwähnten Cantor Goldmark in Deutsch-Kreuz, die sich ihm bis an sein Lebensende als treue, aufopferungsvolle Gattin bewährte. Von den Kindern, die dieser Ehe entsprangen, leben noch eine Tochter und drei Söhne.

Im Jahre 1857 wurde Friedmann als Cantor für den neuen Tempel in der Leopoldstadt in Wien acceptirt, er trat dieses Amt jedoch nicht an, weil ihn die Pester isr. Religionsgemeinde am 23. Juni 1857 zum Obercantor ihres großen Tempels in der Tabakgasse ernannte und er dieser Ernennung den Vorzug gab.

Österreichislch-ungarische Cantoren-Zeitung (11.9.1891), S. 1 (Quelle: compactmemory.de)

Das Begräbnis von Moritz Friedmann löste eine wahre Massenhysterie aus, nicht unähnlich der Beerdigung eines Popstars in neueren Zeiten ;) – aber lesen Sie selbst:

… Das Leichenbegräbnis Friedmanns hat in einer den reichen Verdiensten des Verstorbenen angemessenen und würdigen Weise Montag den 31. August stattgefunden. Eine ungeheure Menge von Trauergästen und Zuschauern zeugte von der Popularität und Beliebtheit des Verstorbenen. Der isr. Cultustempel hatte Trauerschmuck angelegt, die Gascandelaber waren mit Flor verhüllt, die Thüren des Gotteshauses waren mit schwarzem Tuch drapirt und die Gitterthüren waren entfernt und durch schwarze Draperien ersetzt worden. Nach Hunderten und Hunderten zählte die Menge, welche schon um 8 Uhr Morgens die Tabakgasse occupirt hielt, Fenster und Gewölbethüren waren dicht besetzt und der Andrang war ein so vehementer, dass trotz versuchter Abwehr die Draperien förmlich in Stücke gerissen wurden. Die Polizei stellt, den Anordnungen des herbeigeeilten Stadthauptmannes und Polizeirathes … gehorchen, die Ordnung schließlich her und die Trauerceremonie konnte nun ihren Anfang nehmen …

Österreichislch-ungarische Cantoren-Zeitung (11.9.1891), S. 2 (Quelle: compactmemory.de)


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