War Liszt Antisemit?

Unsere “two cents” zu Lisztomania 2011© III

Der Titel unseres Beitrags ist auch der Titel des 15. Kapitels in Serge Guts Biografie “Franz Liszt” und die Frage darf gleich vorweg beantwortet werden: Nein, Liszt war kein Antisemit!

Wir wollen in unserem Beitrag auch keineswegs die bereits Anfang der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts breit geführte Diskussion um Liszts (angeblichen) Antisemitismus (siehe z.B. Band 12 der Musikkonzepte) neu aufnehmen oder gar vertiefen, sondern uns hier im Wesentlichen auf Franz Liszts Dementi aus dem Jahr 1883 beschränken (Liszt war damals 72 Jahre alt):

Mit einem gewissen Gefühle des Bedauerns richte ich diese meine Zeilen an Sie. Da indessen in jüngster Zeit die Nachricht von meiner angeblichen Judenfeindlichkeit verbreitet worden ist, halte ich es für meine Pflicht, diese Nachricht, welche auf Irrthum beruht, zu rectificiren. Allgemein bekannt ist es, daß ich mich der Freundschaft mehrerer in der Musikwelt hervorragender Juden, so namentlich Meyerbeers erfreute, gleichwie in literarischen Kreisen Heinrich Heine und andere ähnliche Gefühle für mich hegten. Ich halte es für überflüssig, des Weiteren anzuführen, welches Maß eifriger Loyalität ich während meiner fünfzigjährigen Laufbahn talentvollen Juden gegenüber bethätigte; auch enthalte ich mich der Anführung dessen, wie vielfach ich in den verschiedensten Ländern zur Vermehrung der jüdischen Wohlthätigkeits-Anstalten beigetragen habe. Die Parole meines Schutzheiligen Franz de Paula heißt: “Charitas” und dem bleibe ich treu bis in den Tod. Es gibt Leute, die einen Satz aus meinem Werke “Bohemiens en Hongrie” aus dem Zusammenhange reißen und mich angreifen. Ich kann mit ruhigem Gewissen meine Angreifer versichern, daß ich mich nur insoweit schuldig fühle, als ich die Idee des “Königthums von Jerusalem” zart berührte, welche lange vor mir drei hervorragende Israeliten, Lord Beaconfield, Georges Elliot und Cremieux eingehend behandelten.

Empfangen Sie usw. Franz Liszt.

Israelit 14 (15.2.1883), Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen, Pesth: Abdruck eines Schreibens von Franz Liszt an den Redakteur der “Gazette de Hongrie”, S. 223

So klischeehaft dieses sein Dementi auch immer sein mag, dass es zu den Antisemitismusvorwürfen kam, liegt am Inhalt des oben als “Bohemiens en Hongrie” zitierten Buches Des Bohémiens et de leur musique en Hongrie“, 1859, für das Franz Liszt zwar als Autor zeichnet, das aber seine langjährige Lebensgefährtin und Vertraute Fürstin Carolyne zu Sayn-Wittgenstein, ausgesprochen stark vom katholischen Antijudaismus geprägt, redigierte. Das Buch erschien in einer gekürzten Fassung bereits 1861 auf Deutsch, 1881 als Neuausgabe und zwei Jahre später als “Die Zigeuner und ihre Musik in Ungarn von Franz Liszt. In das Deutsche übertragen von L. Ramann, Leipzig 1883”.

Während in der Erstfassung des Buches aus 1859 der Antisemitismus noch relativ zurückhaltend geäußert wurde, hielt sich die Fürstin in der Neuausgabe von 1881 nicht mehr zurück, das Kapitel über die Juden strotzt vor aggressivem Antisemitismus!
Obwohl Serge Gut (siehe oben) in seinem Kapitel “War Liszt Antisemit?” schreibt, dass die antisemitischen Passagen (korrekt: “das Kapitel über die Juden”) in der 1861 erschienenen gekürzten deutschen Ausgabe gestrichen wurden, finden sich auch darin durchaus noch antijüdische Passagen, die der Herausgeber Cornelius jedoch für so harmlos hielt, dass er sie nicht einmal strich…:

Nur in einigen, von Europa gewissermaßen getrennten Landstrichen bewahrt sie [die jüdische Nation, Anm. des Verf.] noch ihren Kaftan, ihre ausschließlichen Speisen, ihre Sitten, ihren aufrichtigen Glauben, ihre äußerliche Erniedrigung und die Poesie ihrer Verstocktheit, ihrer unversöhnlichen Feindseligkeit gegen die Anbeter des Gefkreuzigten. Dort sind die Juden fast noch, was sie im Mittelatler waren: heimliche, listige Feinde der Gesellschaft, deren Laster sie hätscheln, während sie ihre Schwäche verachten …

… scheint es uns, daß wenn eine unvorhergesehene Catastrophe sie zurückwerfen sollte in die alte Noth, sie genug hebräischen Blutes in sich fühlen würden, um noch einmal, wie bei jenem Auszug aus Egypten zu heiligem Feste versammelt sich am Blute der Erstgebornen ihrer Tyrannen zu weiden …

Die Zeigeuner und ihre Musik in Ungarn, von Franz Liszt. Deutsch bearbeitet von Peter Cornelius, Pesth, 1861, S. 22f

Auch Alan Walker geht in seiner monumentalen Biografie auf diese Antisemitismusvorwürfe ein und stellt fest, dass sich Liszt von diesen nie wirklich erholt hat:

But by allowing Carolyne to control matters, he guaranteed a public relations disaster from which he never entirely escaped.

Alan Walker, Franz Liszt: The final years, 1861-1886, 1997, S. 406f

Schon 1881, also offensichtlich unmittelbar nach der Neuauflage des obzitierten von Fürstin zu Sayn Wittgenstein redigierten Buches auf Französich, finden wir in einer Korrespondenz aus Pest einen Hinweis auf Liszts Antisemitismus und sozusagen als Entlastung folgende Begebenheit zitiert (womit sich auch der Kreis zu unserem ersten Artikel dieser kleinen Lisztserie schließt):

Der Vater des Franz Liszt wohnte in Lakenbach (Ödenburger Komitat). Der junge Franz zeigte schon in seiner frühesten Jugend große Neigung und Befähigung zur Musik. Allein der Vater war zu unbemittelt, um seinem Kinde die Mittel zur Übung seines Musiktalents zu bieten. Ein reicher Jude in Lakenbach war im Besitze eines trefflichen Klaviers. Als auch dieser das vorzügliche Musiktalent des jungen Franz bemerkte, schenkte er demselben das Klavier. Für diese Hochherzigkeit richtete der Vater des jugendlichen Franz an den “jüdischen Wohlthäter” ein sehr ergebenes Dankschreiben, da sein Kind auf diesem Klavier sein Musiktalent nach und nach zur Entfaltung bringen konnte. Dieses Dankschreiben existirt noch bei einem Enkel jenes edlen Juden, der gegenwärtig in Wien wohnt. [aus dem “Pester Journal”]

Berliner Jüdische Presse 50 (Dezember 1881), S. 546

Ganz herzlichen Dank an den Musikwissenschaftler und meinen Freund Dr. Gerhard Winkler für so viele wertvolle fachliche Ratschläge :)!


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