Der Mattersdorfer Matriken-Krimi

Vor einigen Monaten mussten wir unser Projekt zum jüdischen Friedhof Mattersburg stoppen (wir berichteten). Kurzfristig ist nun leider eine weitere Möglichkeit zur Finanzierung des Projekts, sprich ein neuerliches Ansuchen, geplatzt. Da wir uns aber sowohl der Sache als auch unserer überaus engagierten und netten Community hier im Blog verpflichtet fühlen, werden wir ab heute das Projekt fortsetzen, wenn auch – wie angekündigt – deutlich langsamer und unregelmäßiger als geplant. Für mehr fehlen uns die Ressourcen.

Jedenfalls passend zum Neustart ein launiger Artikel unserer Korrespondentin aus Bnei-Brak, Claudia Chaya-Bathya Markovits Krempke, über so manche – vielleicht unerwartete – Gefahren, die bei der Matrikenarbeit lauern ;)

Alles begann mit dem Scheitern einer Ehe

Der in Szill-Sárkány im Komitat Ödenburg (Sopron, Ungarn) lebende Kreisarzt Dr. Wilhelm Szauer hatte als Mediziner in Wien am 20. Februar 1876 in Wien-Ottakring mit einer gewissen Helene Goldmann eine Ehe geschlossen, die er im Jahre 1883 lösen wollte. Er wandte sich deshalb sowohl an das Wiener Landesgericht als auch an das Ödenburger Vizegespansamt wegen Ungültigkeitserklärung seiner Ehe. Dieses sein Ansuchen sollte ungeahnte Verwicklungen herbeiführen.

Am 30. August 1883 wies das Ödenburger Vizegespansamt sein Ansuchen mit der Begründung ab, die Eintragung der Hochzeit in die Matriken scheine regelwidrig. Anstatt in die Matriken des Hochzeitsortes war die Eheschließung nämlich in einen besonderen Anhang der Mattersdorfer Israelitische Trauungsmatriken eingetragen worden. Trotzdem hielt sich das Vizegespansamt weder zur Vernichtung des fraglichen Matriken-“Anhanges” noch zur Ungültigkeitserklärung dieses Auszugs für berechtigt.
Der so quasi mit seiner ungeliebten Frau “steckengebliebene” Szauer richtete daraufhin einen Rekurs an den ungarischen Kultusminister Treford. In dem daraufhin von dem letzteren verfassten Erlass heißt es u. a.:

… stehen wir einem Vorgange gegenüber, der – selbst bei den erfahrenen zahlreichen traurigen Wahrnehmungen hinsichtlich der ungeordneten israelitischen Glaubensverhältnisse – die kühnste Phantasie überragt. Ein Rabbinats-Assessor, namens Jakob Hirsch, der am 7. April 1861 Mattersdorf verließ und nach Wien übersiedelte, hat angeblich mit dem Mattersdorfer israelitischen Matrikelführer David Kohn ein Übereinkommen getroffen, laut welchem die von Hirsch in Wien vollzogenen Trauungen durch Kohn in die Mattersdorfer Matrikel eingetragen werden.

Israelit 31 (1885), S. 504

Hier sieht man, mit welchen Schwierigkeiten sich Historiker und Genealogen bei ihrer Arbeit herumschlagen müssen!

Wer sind die hier genannten Personen?

R. David Kohn (gest. 1888) war Vorsitzender des Rabbinatsgerichts von Mattersdorf und als Nachfolger von R. Ahron Singer von 1868 bis 1878 Rabbinatsverweser. In dieser Eigenschaft war er für die Führung der Geburts-, Sterbe- und Trauungsmatriken der dortigen Juden zuständig.

R. Jakob Hirsch (geb. 1815; gest. zwischen 1903 und 1906) stammte ebenfalls aus Mattersdorf und hatte dort vor seiner Übersiedlung als Rabbinats-Assessor, also Dajjan, fungiert. Er war ein Schwiegersohn des R. Gabriel Trebitsch. Seine Torastudien hatte er bei dem Mattersdorfer Dajjan R. Elieser Lipschitz und dann beim Chatam Sofer absolviert. Aus persönlichen Gründen – er fühlte sich in Mattersdorf von einem Teil der dortigen Juden verfolgt – verließ er die Gemeinde und ging nach Wien, oder genauer gesagt: nach Sechshaus (erst 1892 in Wien eingemeindet; damals Teil des 14. Bezirks, heute des 15.). Hier wurde er Rabbiner der orthodoxen Gemeinde “Emunas Awes” (אמונת אבות, d. h. Glaube der Väter), die in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts einen eigenen Betraum unterhielt. Um 1873 erwarb diese Vereinigung in der Storchengasse 21 ein zweistöckiges Wohnhaus, in dem eine Knabenlehranstalt, eine Talmud-Tora-Schule sowie ein Jugend-, Frauen- und Unterstützungsverein untergebracht wurden. Die Gemeinde, die 1890 aufgrund des Israelitengesetzes der Israelitischen Kultusgemeinde Wien angeschlossen wurde, errichtete dort später eine Synagoge, die sogenannte “Storchenschul” [1]..

Vorwürfe, Ermittlungen und Anschuldigungen

Es stellte sich heraus, dass Hirsch in den Jahren 1862 – 1878 in Wien insgesamt 143 Trauungsakte vollzogen hat, welche samt und sonders in den erwähnten “Anhang” eingetragen worden waren. Die Ehe von Dr. Wilhelm Szauer und Helene Goldmann war übrigens Nr. 139.

Trefords Erlass fährt fort:

Inwiefern Jakob Hirsch und David Kohn mala fide vorgingen oder nicht und inwiefern bei den in diesen ‘Anhang’ eingetragenen Ehen die sonst erforderlichen gesetzlichen Formen eingehalten wurden, weiß ich nicht. Thatsache jedoch ist, daß jede israelitische Gemeinde nur jene Fälle in ihre eigenen Matrikel einzutragen berechtigt ist, welche auf ihrem eigenen Territorium sich zutragen.

Ibid.

Der Minister kommt schließlich zur Schlussfolgerung, dass nicht in Mattersdorf geschlossene, aber dennoch in der dortigen Matrik eingetragenen Ehen als “nicht existirend, beziehungsweise cassirt zu betrachten” sind. Die involvierten Personen könnten nicht zur Verantwortung gezogen werden, da Rabbinatsverweser David Kohn bereits verstorben sei, und R. Jakob Hirsch in Wien, also außerhalb Ungarns, wohne. Seit Kohns Tod habe, nach Jakob Hirschs Aussage vor dem Mattersdorfer Stuhlrichter am 21. September 1883, der Mattersdorfer Rabbiner Samuel Ehrenfeld (Rabbiner 1878–1883) alle Trauungen selbst durchgeführt. Der argwöhnisch gewordene Minister Trefort ordnete daraufhin eine Untersuchung an, mit der der Mattersdorfer Stuhlrichter Molnar betraut wurde.

Aus der Autobiographie R. Jakob Hirschs in seinem Werk “Mor Dror” (1. Teil, S. 20) erfahren wir, dass auch die österreichischen Behörden in der Angelegenheit ermittelten. Hirsch wurde von der Polizei zu einem Verhör vorgeladen und nach eigener Aussage dort sehr höflich und zuvorkommend behandelt. Trotzdem wurde es dem Rabbiner mulmig zumute. Man legte ihm einen Brief der Wiener Kultusgemeinde vor, in dem ihm die unbefugte Vornahme von Trauungen vorgeworfen wird. Hirsch wies die Anschuldigung entschieden zurück und erklärte, als Mattersdorfer Dajjan sei er zu solchen Handlungen sehr wohl autorisiert; außerdem habe er alles fein säuberlich in die Mattersdorfer Matriken eintragen lassen. Die Behörden akzeptierten seinen Standpunkt und ließen ihn unbehelligt ziehen. In seinen Aufzeichnungen bezichtigt Hirsch die Wiener Kultusgemeinde, ihn verfolgt zu haben, weil er sie wegen ritueller Neuerungen bekämpfte.

Exkurs

Tatsächlich waren die Spannungen innerhalb der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde nicht mehr zu übersehen. Seit der Freizügigkeit 1848 waren Scharen von Juden aus Osteuropa nach Wien gekommen, vor allem aus Ungarn und der heutigen Slowakei. Diese Neueinwanderer waren zumeist streng orthodox, und zwar nach dem Preßburger Muster. Tatsächlich stammten zahlreiche Ankömmlinge aus dieser Stadt. In Wien fanden sie Glaubensbrüder von liberalerer Gesinnung vor, die bereits im Begriff waren, sich an die nichtjüdische Umwelt zu akkulturieren. Anfang der 1860er Jahre wurden diese Spannungen so stark, dass auch die berühmte Wiener Gemütlichkeit und die vorbildliche und harmonische Zusammenarbeit zwischen dem orthodoxen Rabbiner Lazar Horwitz und Prediger Isak Noah Mannheimer sie nicht mehr zu übertünchen vermochten. Schon im Jahre 1861 forderten die Wiener Orthodoxen Autonomie, drangen aber mit ihren Forderungen nicht durch.

Von da an begann sich die Orthodoxie abzusondern. Obwohl der Führer der sogenannten “Preßburger”, Rabbiner Salomon Spitzer (בנימין שלמה זלמן שפיצר), damals noch selbst dem Wiener Bet-Din (Rabbinatsgericht) angehörte – dessen Integrität also auch in den Augen der Allerfrömmsten garantiert war – vermied es die Trennungsorthodoxie nun nach Möglichkeit, die genannte Institution in Anspruch zu nehmen. Ihre Mitglieder heirateten daher außerhalb der damaligen Grenzen Wiens, z. B. in Sechshaus, dessen jüdische Gemeinde, wie wir bereits gesehen haben, damals noch nicht zur Wiener Kultusgemeinde gehörte.

Einen Höhepunkt erreichten die Zwistigkeiten mit dem Amtsantritt des liberal gesinnten Präsidenten der Wiener Kultusgemeinde, Ignaz Kuranda. Im Jahre 1872 wollte der Vorstand der IKG in den beiden großen Tempeln gewisse Gebete abschaffen. Die Orthodoxen stiegen natürlich sofort auf die Barrikaden. In bester Wiener Manier einigten sich die Rabbiner und der Vorstand schließlich auf einen Kompromiss (diese Gebete sollten leise rezitiert werden), doch Rabbi Spitzer machte da nicht mit und trat aus dem Wiener Bet-Din (Rabbinatsgericht) aus. Er versuchte für seine Gesinnungsgenossen von den Behörden die Anerkennung als eigene Gemeinde zu erreichen. Trotz starkem Druck, einer Medienkampagne und der Unterstützung von zahlreichen ausländischen orthodoxen Rabbinern wurde diesem Ansuchen jedoch nicht stattgegeben. Vermutlich haben die Vorgänge in Ungarn um die Trennung der Gemeinden die Behörden abgeschreckt.

Jetzt, da die Wiener Orthodoxen das Beth Din der Kultusgemeinde nach dem Ausscheiden Spitzers einerseits nicht mehr anerkannten, anderseits aber rechtlich nicht befugt waren, selbst ein solches zu bilden, waren sie gänzlich auf andere, ihrer Meinung nach religiös zuverlässige Gemeinden angewiesen. In einer Zeitungsmeldung aus dem “Israelit” 4 (1873), S. 56 ist z. B. die Rede von einem Vater, der sich mit der Bitte um einen Get (Scheidungsbrief) für seine Tochter an Rabbiner Spitzer gewandt hatte. Dieser verwies den Mann daraufhin an das Mattersdorfer Beth Din.

Wieder Mattersdorf!

Conclusio

Die eingangs erwähnten Eintragungen der von R. Jakob Hirsch durchgeführten Trauungen in die Mattersdorfer Matriken beweist, dass nicht nur in Ungarn, sondern auch in Österreich die religiösen Angelegenheiten der Juden nicht geregelt waren. Erst das sogenannte “Israelitengesetz” aus dem Jahre 1890 stellte das Verhältnis der verschiedenen Kultusgemeinden zum Staat auf eine einheitliche Rechtsgrundlage. Und in Ungarn wurde 1885 eine Reform des jüdischen Matrikenwesens unternommen. Es hat den Anschein, dass die Gemeinde Mattersdorf einen nicht unbedeutenden Anteil daran hat.

Quellen

Der spezielle Fall:

  • Israelit 31 (1885), S. 503-505; 33 (1885), S. 547
  • Jakob Hirsch, “Mor Dror”, 1. Teil, S. 20
  • R. Jakob Hirsch: Kinstlicher, Der Chatam Sofer und seine Schüler (heb.), S. 218-222

[1] Tempelverein Storchengasse [Zurück zum Text (1)].:


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