Ester Deutsch, 22. Tammus 5672 (Sonntag, 07. Juli 1912)

  • Foto: Grabstein von Ester Deutsch, 22. Tammus 5672
  • Datenblatt Isidor Öhler: Ester Deutsch, 22. Tammus 5672
  • Datenblatt Isidor Öhler, Rückseite: Ester Deutsch, 22. Tammus 5672


Anmerkungen und biografische Notizen

Laut Zeile 4 war sie die Tochter von Bila/Beila/Bela בת בילה.

In Zeile 5 der hebräischen Inschrift werden der Ehemann und dessen Herkunftsort genannt: „Ehefrau des geehrten MORENU Abele Deutsch aus Baden, s(ein Licht) l(euchte)“ אשת הנכבד מוה אבלא דייטש מבאדען ני.
Der Ehemann lebt also noch bei ihrem Ableben. Baden liegt ca. 25km südlich von Wien im heutigen Niederösterreich.

MORENU bedeutet wörtlich „u(nser) L(ehrer), H(err)“. Den MORENU-Titel erhielten nur besonders gelehrte Männer, Bernhard Wachstein bezeichnet ihn als „synagogaler Doktortitel“ (siehe Bernhard Wachstein, Die Inschriften des Alten Judenfriedhofes in Wien, 1. Teil 1540 (?)-1670, 2. Teil 1696-1783, Wien 1912, 2. Teil, S. 15).

MORENU bedeutet wörtlich „u(nser) L(ehrer), H(err)“. Den MORENU-Titel erhielten nur besonders gelehrte Männer, Bernhard Wachstein bezeichnet ihn als „synagogaler Doktortitel“ (siehe Bernhard Wachstein, Die Inschriften des Alten Judenfriedhofes in Wien, 1. Teil 1540 (?)-1670, 2. Teil 1696-1783, Wien 1912, 2. Teil, S. 15).

Als Akrostychon findet sich von Zeile 7 – 10 ihr Vorname „Ester“ אסתר.

Update 19.30h, vielen herzlichen Dank an Frau Traude Triebel für den wertvollen Hinweis!:
Die Angaben der hebräischen Inschrift finden wir mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bestätigt:
Es dürfte sich um Emma Deutsch, geborene Schlesinger, handeln, die Ehegattin von Albert (1840 – 1922) Deutsch war. Albert Deutsch war Lederhändler, gehörte 1871 zu den Mitbegründern des Kultusvereines in Baden und hatte bereits 1897 in seinem Haus in der Wassergasse 14 eine kleine rituelle Pension betrieben. In diesem Haus befand sich auch die Privatsynagoge der Familie.

Dr. Samuel Deutsch, um 1938

Ein Sohn des Mattersburger Ehepaares, der Arzt Dr. Samuel Deutsch (1884 – 1940), war Sieger der Kultuswahlen 1934 und somit der erste bereits in Baden geborene Präsident der jüdischen Gemeinde. 1912 wurde er in Baden Kurarzt, schloss sich früh der zionistischen Bewegung an und heiratete 1917 seine Nichte, die Tochter seiner ältesten Schwester Betti, Rosa Schön (1898 – 1925) aus Ungarisch Brod. Innerhalb der jüdischen Gemeinde fungierte er als Mohel (Beschneider). Er vergrößerte die Pension seines Vaters auf zwölf Zimmer und führte die Pension mit seiner Frau bis zum Einmarsch der Nationalsozialisten. Er war der letzte jüdische Arzt, der in Baden – allerdings nur für Juden – praktizieren durfte. 1938 konnte er nach Palästina flüchten.

Ein Bruder von Samuel (und weiterer Sohn von Emma und Albert) war der Lederhändler Max (Meir) Deutsch (1885 – 1958), der 1885 in Baden geboren wurde. Er hatte das Geschäft seines Vaters Albert in der Wassergasse 14 übernommen. Max Deutsch gehörte dem erweiterten Kultusausschuss an. Er zählte, stark verbunden mit der Gruppe burgenländischer Juden, zum Schluss zu den erklärten Gegenern Oberrabbiner Carlebachs, dessen Entlassung in seine Amtszeit fiel. Max Deutsch flüchtete nach Palästina.

Bild-Copyright und zitiert aus: Thomas Schärf, Jüdisches Leben in Baden, von den Anfängen bis zur Gegenwart, 1. Auflage, Wien 2005, 81, 112, 115, 172


Archiv jüdischer Friedhof Mattersburg