Kopf der Woche – Erich Fried

Mit einer handfesten (wiewohl entzückenden) Tautologie hat Erich Fried sich seinen Platz im deutschen Lyrik-Pantheon erobert – „Es ist was es ist…

Der Autor liest „Es is was es ist …“

Vertrackter ist da schon das Selbstverständnis des Dichters: ein Jude, aber kein religiöser; ein Österreicher, auch noch nach Jahrzehnten des Exils, aber ein „deutscher Schriftsteller“ –

Ich habe immer nur deutsch geschrieben. Deutsch, nicht österreichisch. Ich glaube nicht, dass es eine wesentlich österreichische Literatur im Gegensatz zur deutschen Literatur geben kann …

Ein Versuch, Farbe zu bekennen. In: E. Fried: Anfragen und Nachreden. Politische Texte. Hg. v. V. Kaukoreit. Berlin 1994. S. 25.

Erich Fried (aus: 'Altes Land, neues Land ... Texte zum Erich Fried Symposium 1999, Wien 1999)

Geboren 1921 in Wien begann Frieds literarische Karriere im englischen Exil (ein erster Lyrik-Band erschien 1944); an deren Ende (mit dem Tod des Dichters 1988) steht Fried der Büchnerpreisträger, Ehrendoktor und vielzitierte Klassiker moderner Liebeslyrik.

Abseits derselben zeigen Gedichte und Prosatexte Fried freilich auch als politischen Intellektuellen, der kontroversielle Gegenwartskritik nicht scheute: an der alten Heimat Österreich –

Welcher österreichische Schriftsteller hat schon in Österreich so viel Einfluss wie in Deutschland etwa Heinrich Böll oder Günter Grass oder sogar ich? Das ist doch bedenklich.

Die Freiheit, zu sehen, wo man bleibt. In: Fried 1994. S. 198 -,

an einem „chauvinistischen“ Zionismus und politischer Unkultur verschiedenster Couleur …

IN DER HAUPTSTADT

‚Wer herrscht hier?‘
fragte ich
Sie sagten:
‚Das Volk natürlich‘

Ich sagte:
‚Natürlich das Volk
aber wer
herrscht wirklich?‘

100 Gedichte ohne Vaterland. Berlin 1978. S. 44

Erich Frieds Geburtstag jährt sich am kommenden Freitag zum 90. Mal.

Und weil’s dann doch (im besten Sinne) unvermeidlich ist – ein Fried’sches Liebesgedicht mit Herzstich-Garantie zum Schluss …

Das Leben
wäre
vielleicht einfacher
wenn ich dich
gar nicht getroffen hätte

Weniger Trauer
jedes Mal
wenn wir uns trennen müssen
weniger Angst
vor der nächsten
und übernächsten Trennung

Und auch nicht soviel
von dieser machtlosen Sehnsucht
wenn du nicht da bist
die nur das Unmögliche will
und das sofort
im nächsten Augenblick
und die dann
weil es nicht sein kann
betroffen ist
und schwer atmet

Das Leben
wäre vielleicht
einfacher
wenn ich dich
nicht getroffen hätte
Es wäre nur nicht
mein Leben

Nur nicht. In: E. Fried: Es ist was es ist. Liebesgedichte, Angstgedichte, Zorngedichte. Berlin 1996. S. 24

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