Unbekannte ‚Ikone‘

Eine Notiz zu Lea Goldberg

Frage:
Was ist das sicherste Zeichen dafür, dass ein Schriftsteller es (posthum) zu Ruhm und Ehre gebracht hat?

Antwort:
Sein/Ihr Porträt ziert a.) Briefmarken und/oder b.) Geldscheine

Für die israelische Schriftstellerin Lea Goldberg (1911-1970), die im Mai ihren 100. Geburtstag gefeiert hätte, gilt genau dies. Nicht nur findet sich ihr Porträt auf einer israelischen Briefmarke …

Briefmarke Lea Goldberg

Quelle

… – Goldberg soll ebenso auf dem neuen 100-Schekel-Schein verewigt werden (dabei rangiert sie wert-mäßig übrigens zwischen Nathan Alterman, der für den 200-Schekel-Schein vorgesehen ist, und Tchernichovsky auf dem neuen 50er …;) ).

Und tatsächlich: Goldberg, geboren in Königsberg und 1935 (nach ihrem Studium u.a. in Berlin und Bonn) nach Palästina/Israel emigriert,

ist eine neuhebräische Ikone…In Zeiten der Entwicklung und Verbreitung des Iwrit als Sprache der alltäglichen Kommunikation im vorstaatlichen Jischuw wie auch in den ersten Jahrzehnten des Staates Israel hatte Lea Goldberg mit ihrem Werk großen Anteil an der Erneuerung des Hebräischen als Sprache der Literatur. Dies macht sie zu einer Literatin des Übergangs und des Übertritts – von Europa und seinen Zungen weg nach Palästina bzw. Israel hinein.

Dan Diner, im Vorwort zu: Yfaat Weiss: Lea Goldberg. Lehrjahre in Deutschland 1930-1933. [toldot. Bd. 9.] Göttingen 2010. S. 7.

Umso erstaunlicher, dass Lea Goldberg dem deutschsprachigen Publikum bis heute beinahe unbekannt ist (vgl. hierzu auch Weiss a.a.O. S. 9ff.); in deutscher Sprache sind (unseres Wissens) einzig Goldbergs „Briefe von einer imaginären Reise“ (Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag. Frankfurt a.M. 2003) greifbar – ein Briefroman, im Original 1936/37 (in hebräischer Sprache) veröffentlicht, in dem Goldbergs Protagonistin Ruth sich auf eine fiktive Europa-Reise macht und in (eben: „imaginierten“) Briefen an ihren Geliebten Immanuel melancholische Selbst-, Reise- und Städtebilder zeichnet:

Im Nebenabteil saßen drei Männer. Ich trat hinaus in den Gang. Sie sprachen über Frauen –
… Es ist eigenartig, ich habe es einige Male bemerkt – Ihr, die Männer, wenn Ihr unter Euch seid, könnt dieses seltsame Bedürfnis nicht bezwingen, über Frauen zu sprechen – wie Antisemiten über Juden.
Doch das nur nebenbei. Viel wichtiger waren diese Schienen unter mir, die ich in der Nacht nicht sehen konnte. Es war nur merkwürdig klar: Wenn man das Herz eines Menschen aus seiner Brust schneidet, es an der Lokomotive festbindet und über die Schienen davonführt, wird dieses Herz, das inniglich an sein „Dort“ gebunden ist, sich doch überhaupt nicht von der Stelle bewegen. Wenn dem so ist, weshalb fährt dann der „ganze Mensch“, aus Fleisch und Blut, mit seinem törichten, ironischen Verstand und seinem schweren Herzen, das an das „Dort“ gebunden ist, an dem Du bist, überhaupt fort?

Lea Goldberg: Briefe von einer imaginären Reise. Aus dem Hebr. von L. Böhmer. Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag. Frankfurt a.M. 2003. S. 38.

Doch war Goldberg auch Lyrikerin, Übersetzerin – und: Verfasserin von zahlreichen klassischen israelischen Kinderbüchern.
Wer letztere für sich entdecken möchte, hat ab Herbst endlich die Gelegenheit: Lea Goldbergs Kinderbuch „Zimmer frei im Haus der Tiere“ erscheint im Oktober 2011 in einer illustrierten deutschen Fassung (in der Übersetzung von Mirjam Pressler).

Wir danken Stamm-Leser und -Kommentator Meir Deutsch herzlich für den Hinweis auf Lea Goldbergs 100. Geburtstag!

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