Familiantenstolz und ‚Brettel‘-Romantik

Der heutige Artikel führt uns in die vormärzliche mährische Judengasse. Es war dies eine Zeit, in der die Juden wahrlich nichts zu lachen hatten. Eine der schlimmsten Erscheinungen waren die Heiratsbeschränkungen.

Die Heiratsbeschränkungen waren ein Versuch der Regierung, die Zahl der Juden in Mähren nicht anwachsen zu lassen, nachdem sich die gewaltsame Vertreibung als undurchführbar erwiesen hatte.
Ein Hofreskript des Kaisers Karl VI. vom 31. Juli 1725 verbot bei Strafe von 1000 Dukaten die Aufnahme von Juden an Orten, wo sie bisher nicht ansässig waren, und bestimmte die Höchstzahl der „systemierten“ Familien mit 5106. Mittels des Patentes vom 17. November 1787 wurde die Anzahl der tolerierten jüdischen Familien auf 5400 erhöht, eine Anzahl, die bis zum Jahre 1848 unverändert blieb.

Die größte Anzahl der systemierten Judenfamilien besaßen die Städte Nikolsburg (620), Proßnitz (328), Boskowitz (326) und Holleschau (265), die kleinste Anzahl Teltsch (7) und Puklitz (5). Auch außerhalb der 52 Judengemeinden wohnten Juden zerstreut auf dem Lande. Diese Juden behielten ihre Zuständigkeit in ihrer Heimatgemeinde und wurden auch bei Besetzung der Familienstellen den dortselbst wohnhaften Juden zugezählt.

Mittels eines Hofdekretes vom 25. September 1726 wurde die Verehelichung von Juden nur in der Weise gestattet, dass nur der älteste Sohn nach dem Tode eines Familienvaters eine gültige Ehe eingehen durfte und auf diese Weise die durch den Tod des Vaters erledigte „Familienstelle“ erhielt. Als Familienväter wurden laut Gubernial-Patente vom 24. Oktober 1726 nur die am Kundmachungstage verheirateten und verwitweten Juden, die Kinder hatten, angesehen.

Wie glücklich war der Mann, der eine solche „Familiantenstelle“ bekam! Er gehörte damit automatisch der gesellschaftlichen Oberschicht der Gemeinde an. Ein solches Familienoberhaupt tat seinen Status auch durch seine Tracht kund. Von Max Hrdlitschka wird sie folgendermaßen beschrieben:

Was die Tracht anbelangt, trugen die Balebattim (Hausväter) ein hohes weißes Halstuch mit Jabot, einen langen, bis an die Knöchel reichenden Tuchrock,eine lange, mit silbernen Knöpfen versehene Bauchweste, kurze Kniehosen mit langen Strümpfen und silberbeschnallte Schuhe. Am Samstag legten sie die Schubeze (einen mit langen Ärmeln versehenen Überzieher) an. Mein seliger Urgroßvater trug als Kopfbedeckung ein schwarzes Samtkäppchen und setzte sich auf den Kopf einen runden, platten Filzdeckel, der mit einem Kopfloch versehen war und der über die Samtkappe gestülpt wurde, sonst aber unter dem Arm getragen werden konnte, ‚Häubenbrettel‘.

Das „Häubenbrettel“ oder kurz „Brettel“ ist also eine Art Barett. Diese Kopfbedeckung soll im 15. Jahrhundert entstanden sein und wurde mit dem mittellateinischen Wort „barretum“ benannt. Ursprünglich war das Barett ein Zeichen gebildeter Stände, und ein solches, also ein Statussymbol, war auch das jüdische „Brettel“: wer eines hatte, gehörte zur Oberschicht der Gemeinde, war ein angesehener Familienvater, ein Mann der das Recht hatte, offiziell eine Familie zu gründen – ein Recht, das zahlreichen anderen Juden versagt blieb.

Das Tragen des „Brettel“ bei verschiedenen gottesdienstlichen Verrichtungen wurde als so wichtig angesehen, dass es auch in die Takkanot (Verordnungen) der Gemeinden aufgenommen wurde. Auch in den Takkanot vom Jahre 1753 der jüdischen Gemeinde im ungarischen Bonyhad, wo zahlreiche Emigranten aus Mähren wohnten, kommt das schön zum Ausdruck. In Paragraph 3: Aufruf zur Tora, Punkt 6 heißt es:

Mit einer Mütze auf dem Haupt darf niemand zur Toralesung aufsteigen [sondern nur mit dem „Brettel“] und auch nicht als Nebenmann dort stehen.

Waren die auf die Erstgeborenen übertragenen Familiennummern besetzt, musste der Heiratswerber warten, bis der „Familiant“ starb. Die Folge davon war, dass die jüngeren Familienmitglieder auswanderten mussten, um im Auslande, namentlich in Ungarn (Slowakei), eine auch vom Staate anerkannte Ehe schließen zu können, da dort bezüglich der Eheschließungen der Juden keine rechtlichen Beschränkungen bestanden haben. Diese wurden im Jargon der mährischen Juden „Magranten“ bzw. „Emigranten“ genannt.
Wer keine „Familiantenstelle“ bekam und im Lande blieb, gehörte zur Unterschicht und konnte nur eine nach mosaischem Rechte gültige Ehe schließen. Im Gegensatz zu den Familanten-Hochzeiten waren die sogenannten „Winkel-Hochzeiten“ der „Emigranten“ (so wurden auch diejenigen genannt, die heimlich heirateten, und nicht nur jene, die tatsächlich emigrierten) sehr einfach und still. Sie fanden im verschlossenen Zimmer statt, damit die Behörde nur ja nichts von dem ungesetzlichen Vorgange erfahre. Der Staat, dem diese Vorgänge natürlich nicht entgangen waren – die zahlreichen Kinder von anscheinend unverheirateten Frauen konnten niemandem verborgen bleiben –, betrachtete eine derartige Verbindung als Konkubinat und die aus ihr hervorgegangenen Kinder als unehelich. Briess bemerkt hierzu:

Es war ein Glück, daß es zur damaligen Zeit noch keine offizielle Statistik gegeben hat, sonst wären die Juden hinsichtlich der Unmoralität wegen der zahlreichen, staatlich stigmatisierten unehelichen Kinder an erster Stelle gestanden.

In der von dem damaligen mährischen Oberlandesrabbiner Samson Raphael Hirsch (später Rabbiner der orthodoxen Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt a. M.) verfassten Denkschrift an den Reichstag in Kremsier (1849), der über die Judenemanzipation abstimmen sollte, werden die Heiratsbeschränkungen mit scharfen Worten angeprangert:

Streng genommen ist jede Geburt eines jüdischen Mährers ohne vorgängiges Absterben eines Andern, ein Staatsverbrechen. Denn mit pharaonischem Hohn spricht das Gesetz: die Juden sollen sich nicht vermehren. 5400 Familien dürfen sein, und zwar so und so viel in der und der Gemeinde, mehr nicht! Pharaonische Milde ersäufte aber die neugeborenen Juden. Österreich läßt sie heranwachsen, um sie in Druck und Jammer lebenslänglich das Verbrechen ihrer Geburt büßen zu lassen. […]

Mehr als Alles drückend und verwerflich sind aber die Beschränkungen der Verheirathung der Juden, die das Familienrecht überhaupt nur nach Absterben eines andern Familianten ertheilen, nur den Erstgeborenen zunächst berechtigen, aus einer Familie in der Regel nur zwei Brüder zur Verheirathung zulassen, alle ürigen aber zu einem unfreiwilligen Cölibat verdammen, somit die Sittlichkeit des Juden auf naturwidrige, harte Probe stellen, Zerwürfnisse, Haß und Streit in den Schooß der Gemeinden mit vollen Händen streuen, Gesetzumgehungen, Bestechungen, Concubinate und Skandale aller Art provociren, und dem Staate den letzten Schimmer einer auf Sittlichkeitsprincipien beruhenden Anstalt rauben.

Die Denkschrift ist abgedruckt in: Jeschurun (S. R. Hirsch) 11 (1859), S. 606-622)

Ignaz Briess, geboren in Prerau im Jahre 1833 und Verfasser eines Buches über das Leben in einer kleinen mährischen Judengemeinde (s. u.) konnte von diesen Vorgängen ein Lied singen – er kannte die damit verbundenen Bemühungen, Intrigen, Bestechungen etc. aus seiner eigenen Familie:

Die Erlangung einer solchen Familiantenstelle – diese war die Vorbedingung zum Heiratskonsens – war oft erst nach jahrelangen Bewerbungen möglich. […] Es ist mir erinnerlich, daß der Heiratskandidat Wolf Briess in Prerau … sich sechs bis acht Jahre um die Familantenstelle bewarb. Er setzte dabei fast sein ganzes Vermögen zu und als er endlich gegen Ende des Jahres 1848 obsiegte, erschien am 4. März 1849 das Patent, durch welches sämtlichen großjährigen ledigen Juden das Heiraten gestattet wurde.

Briess, s. u. Quellen

Die revolutionären demokratischen Bestrebungen des Jahres 1848 rüttelten auch an der überkommenen Gesellschaftsordnung in den mährischen Judengemeinden. Vor diesem Hintergrund schrieb ein anonymer Korrespondent in der deutsch-jüdischen Zeitschrift „Der Orient“ 6 (1849), S. 31-32 den folgenden satirischen Artikel.

„Das ‚Bretel‘. Ein mährisches Genrebild

„Bretel“, kennst Du dies Wort, lieber Leser? Schlage Adelung und Heinsius nach; vergebens. Du wirst es nicht finden. Nur ich kann Dir aus Autopsie eine Erklärung liefern. „Bretel“, oder als Kompositum „Häubel-Bretel“ist eine runde, platte Kopfbedeckung, die aus zwei großen Hemisphären: aus einem Planiglobus und einem Käppchen besteht. Es ist kein Alltagsmöbel, sondern wird blos aufgesetzt, wenn der Jude in die Synagoge geht. Hier soll er weder in der demokratisch-profanen Mütze, noch in dem französisch-republikanischen Hut, sondern in dem alten, ehrwürdigen Bretel erscheinen. Der flache Kreis und der hohle Halbkreis sind ein Symbol des „flachen und hohlen“ Kopfes. Sein Alter ist historisch, man behauptet sogar, es sei vom Glorienschein des Mittelalters umgeben.

Das Bretel spielt in der Familienchronik eine wichtige Rolle. Dem Junggesellen, dem den heiligen Hallen der Ehe fernstehenden ist der Gebrauch des „Bretel“ verboten; erst wenn der Rabbiner die aramäische Ketuba [Heiratsvertrag] unter dem Baldachin in althebräischer Romantik vorgelesen, darf er sein Haupt mit dieser Synagogenkrone schmücken.
Die Leser können leicht denken, daß das „Bretel“ als ein theures Familienereigniß begrüßt wird. Wenn der junge Ehemann zum ersten Male mit den Insignien der Ehe in der Synagoge erscheint, wie pocht da das Herz des „Mechutan“ [Brautvater], wie freut sich da die „Mechutenet“ [Brautmutter]. Was dem König die Krone, dem Feldherrn die Uniform – ist dem jungen „Balbos“ [Hausherr, Familienvater] das Bretel.

Seit zwei Jahrzehenden aber ist ein Streit im Lager der Bretel-Romantik ausgebrochen: es haben sich Guelfen und Ghibellinen gebildet. Voll Muth, Entschlossenheit und Hingebung an Frankreichs Modegöttin hatten es anfangs nur Einige gewagt, das „Bretel“ mit dem Hute zu vertauschen.

Die mährischen Gemeinden, in ihrem Sinne für das Altromantische, murrten über diesen Frevel an der geheiligten Kleiderordnung, man stutzte über die Kühnheit der Neumodischen – allein das Beispiel ward gegeben und fand rasch Nachahmung. Die Partei der Hüte wurde zur Majorität und gelangte zur Herrschaft in der Synagoge. Viele wollten nicht zurückbleiben, und weinend nahmen sie Abschied von dem geheiligten Bretel, preßten es an ihr Herz, und setzten den Hut auf.

Die Fanatiker aber, denen der Staub, wenn er nur alt, sehr alt, heilig ist, ließen sich nicht zurückschrecken, und betrachteten sich als Märtyrer des „Bretelthums“. Heute noch erscheinen diese Helden im „Bretel“, mit dem Bewußtsein, das Judenthum von den verderblichen Neuerungen gerettet zu haben. Wie Archimedes den hereinstürzenden Soldaten gegenüber nur an seinen Kreis dachte, so ist der Fanatiker mit seinem Bretel-Kreis innigst verbunden. Die Bretel-Träger sind die Orthodoxen von echtem Schrot und Korn, und die in der süßen Hoffnung leben, einst in Jerusalem, ein Opfer vor sich hertreibend, mit ihrem Bretel zu wandeln. Leider hat die Alles zerstörende Reform auch in Mähren manches Kind der Romantik getödtet, und darum sind es nur wenig Auserkorene, die den „Muth einer Meinung“ haben – wie Humboldt – und ein Bretel tragen!

Rührend ist auch folgendes Gespräch zwischen Vater und Sohn einer Bretel-Familie:

Sohn:

Will sich’s „Bretel“ ewig von mir wenden,
Wo Reform mit den Schekozim-Händen
Den Reschoim [Frevlern] schrecklich Opfer bringt?
Wer wird künftig deinen Kleinen lehren,
Lulab [Palmzweig] schütteln und den Rebbe ehren,
Wenn der Lamdan [Toragelehrte] Jajin-Nesech [Wein von Nichtjuden] trinkt?

Vater:

Theurer Sohn, gebiete Deinen Thränen!
Nach Minhagim [rituellen Bräuchen] ist mein feurig Sehnen,
Diese Arme schützen’s Alterthum.
Kämpfend für den heil’gen Herd der Götter
Fall‘ ich, und des Judenthumes Retter
Geh‘ ich nach dem Tod im Bret’l herum.

Sohn:

Nimmer lausch‘ ich der Gemore [Talmud] Schalle,
Müßig liegt der Medresch [Midrasch] in der Halle,
Gedoilim’s [der großen Rabbiner] großer Lamdanstamm verdirbt.
Du wirst hingehn und kein Bretel scheinet,
Und das Judenthum in Asche weinet,
’s letzte Bretel in dem [Garten] Eden stirbt.

Vater:

All mein Sehnen will ich, all mein Denken,
In des Eden stillen Garten senken,
Aber doch mein Bretel nicht.
Horch! der Hammer klopft schon an den Mauern,
Gieb mich doch das Bretel, laß das Trauern!
Vaters Bretel stirbt im Eden nicht.

Nach Aufhebung der Heiratsbeschränkungen im Jahre 1849 holten zahlreiche „Emigranten“ das Verlorene nach und feierten offiziell ihre Hochzeit:

Nach der im Jahre 1849 erfolgten Aufhebung des der Menschlichkeit und der Natur hohnsprechenden numerus clausus … ließen sich die meisten Emigranten-Ehepaare in legaler Form trauen, damit sie ihren Kindern dadurch die Rechte ehelicher Deszendenten verschafften; es mutete sonderbar an, wenn mitunter erwachsene Söhne und Töchter bei der Hochzeitstafel ihrer Eltern anwesend waren und bei der nachher stattfindenden Tanzunterhaltung der vielleicht schon großjährige Sohn mit der Mutter und die erwachsene Tochter mit dem Vater den Ehrenreigen eröffnete.

Briess, s. u. Quellen

Und so gehörte zusammen mit dem „Familiantentum“ fortan auch das „Brettel“ der Vergangenheit an.

Quellen:

  • Ignaz Briess, Schilderungen aus dem ehemaligen Ghettoleben, Brünn 1922.
  • Max Grünfeld, „Äußerer Verlauf der Geschichte der Juden in Mähren bis 1890“, in: Gold (Hg.), Die Juden und Judengemeinden Mährens in Vergangenheit und Gegenwart, Brünn 1929, S. 14-16.
  • Theodor Haas, „Statistische Betrachtungen über die jüdische Bevölkerung Mährens in Vergangenheit und Gegenwart“, in: Gold, a.a.o., S. 591 ff.
  • Max Hrdlitschka, „Die mährische Judengasse in der vormärzlichen Zeit“, in: Gold, a.a.O. S. 53ff.

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