Sukkot 5772

Heute Abend beginnt das Laubhüttenfest (Sukkot). Wir wünschen allen schöne Feiertage! – Happy Sukkot!

חג שמח ומועדים לשמחה

Ein Blick zurück in die Eisenstädter Judengasse am Beginn des 20. Jahrhunderts:

Noch am selben Abend [Ausgang des Jom Kippur] wird zum Aufbau der Laubhütten geschritten, welche Arbeit hier freilich den Namen „Abbau“ verdienen würde. In vielen Häusern befinden sich nämlich noch „gebaute Szukko’s“, d.h. Wohngeschoße, deren Dach aufhebbar ist und die, nachdem ihre Decke mit Tannenreisig belegt worden, sieben Tage hindurch als Laubhütten dienen. Fast von jedem Hausboden sah man früher diese Dachflügel, wie zwei Riesenschwingen in die Höhe ragen, um sich vor jedem Regen, wie auf Kommando schließen. Unten aber regen sich hundert tätige Hände, die die Dekorationen der Festeshütten fertig stellen wollen. Nach buntem Papier, nach Gold- und Silberflitter, nach Nüssen, Kastanien, Blumen und leeren Kürbissen ist große Nachfrage: die Kinder sind die kleinen Künstler des Tages, die weitgewanderten Talmudjünger aber meist ihre Lehrmeister. – Das Szukkothfest [Laubhüttenfest] tritt ein: schöne Tage für die sorglose Jugend. Es ist die Zeit der Nüssespiele. In allen Ecken und Hofwinkeln siehst du Gruppen von Kindern, die sich mit „Droges“ vergnügen, – ein Spiel, bei dem mit einer Nuss auf eine Nusspyramide von vier Nüssen geworfen wird, – oder es wird „Bechoreles“ gespielt, wobei auf den am Anfang einer liegenden Nussreihe aufrechtstehenden „Bechor“ (wörtlich „Erstgeborener“) geschoben wird. […]

Hoschanna-rabbo (heuer am 19. Oktober) entbehrt hier fast ganz jenes sagenreichen, gespensterhaften Charakters, den dieser Tag im Osten besitzt: der Eisenstädter ist im allgemeinen für die Mystik nicht zugänglich. Man wacht zwar bis Mitternacht, aber kein Mensch denkt daran, aus dem Mondesschatten seine Zukunft zu lesen; abends werden die „Schaines“ (Hoschano’s) [Sträußchen aus fünf Weidenzweigen] in der Szukko sorgsam direkt beim Lichte der Jomkippurkerze gebunden, – die alten Lulowblätter [Palmzweige] zum Binden werden im Tempel gratis verteilt, – aber wer gedenkt des schönen, alten Nationalfestes der „Wasserschöpfe“, dem die Wasserweide ihre Bedeutung verdankt? Man weiß soviel, dass dieser 10. Tag nach Jomkippur als allerletzter Sühntag in der Reihe der „furchtbaren Tage“ gilt und dies gibt dem Gottesdienste einen feierlichen Anstrich: der Vorbeter betet im Kittel [Totenhemd] und man klopft nicht, sondern ruft „in Schul“ – darin besteht sein ganzer Vorzug.

Schlussfeiertage

Obstauswerfen zu Simchat Tora, Eisenstadt 1934

Obstauswerfen zu Simchat Tora, Eisenstadt 1934
Bild-©: Burgenländisches Landesmuseum

Der Vormittag des Sch’mini Azereth [der erste Schlussfeiertag des Laubhüttenfestes, heuer der 20. Oktober] ist noch weniger fröhlicher Natur: Die Totenerinnerung, das „Maskir Neschomes“ [Seelengedächtnis] und das mit den Allüren der hohen Feiertage belegte „Geschembenschen“ (Gebet um Regen) stimmen ernst.[…]

Heute erweisen die Jünglinge selbst der Tora ihren Tribut, indem sie ebenso wie die Kinder mit ihren Papierfahnen, an den „Hakofoth“ [Rundgängen mit den Torarollen in der Synagoge] unter fliegendem Banner, teilnehmen.
Und doch hat die Jugend keine Tugend. Kaum ist es Nacht geworden, so wird der getreue Eckart, der Nachtwächter, unter irgendeinem Vorwande aus der Gasse entführt oder berauscht. Die geschlossenen Haustore öffnen sich, Kisten, Leitern, Bänke werden sichtbar, bald erheben sich mitten in der Gasse Barrikadenwälle, auf denen herabgeholte Firmentafeln, Auslagenschilder, Plakate prangen. Auch sonst spukt es in den Häusern: manch schöne Gänsebrust, Obst oder Gebäck hat sich anderen Tages an fremden Orten aufgefunden; an den Gassenfronten der Häuser aber erscheinen morgens geheimnisvolle Inschriften, zu deren Deutung es jedoch selten eines Daniels bedarf.

Tortenabholen in Eisenstadt 1934

Tortenabholen in Eisenstadt 1934
Bild-©: Burgenländisches Landesmuseum

Die größere Jugend hat inzwischen ihrer Pflicht, vor der Tora zu erscheinen, Genüge geleistet und versammelt sich nun in der Gasse. Die schon vorgestern gedungene Musikkapelle zieht an, der Rabbiner, als „Bräutigam der Tora“ (so wird derjenige Honoratior benannt, mit dem das Verlesen der Bibel beendet wird) wird mit klingendem Spiel aus dem Tempel abgeholt und unter dem Trauhimmel nach Hause begleitet. Dann folgt die Kontribution. Alte Eisenstädter Sitte erheischt es, dass jede Familie, in der sich ein Bräutigam oder Braut, resp. ein dieses Jahr neuvermähltes Ehepaar befindet, den jungen Leuten am Szimchath-Thora („Freudenfest der Tora“, heuer der 21. Oktober) eine Torte überreichte, – wohl als Lösegeld dafür, dass sie dem ledigen Stande Ade gesagt. Die Torten werden deputativ von jedem einzelnen abgeholt und mit Musiktusch begrüßt. Interessant aber ist es zu sehen, wie die ärmsten Klassen mit den reichsten wetteifern, je Geschmackvolleres, Besseres zu liefern. Die schönste Torte wird dem Rabbiner übermittelt, zu den übrigen versammelt sich nachmittags die Jugend in einem Saale.

Fürst A., Sitten und Gebräuche einer Judengasse, Székesfehérvar 1908

Sukkot: Back to Basics

Zum Brauch mit den Nüssen usw. lesen Sie bitte unseren Beitrag über das „Versöhnungsstangerl“ und insbesondere auch den 2. Kommentar unseres Gastautors Yoav Sapir!

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