Bild und Kopf der Woche – Ausmal-Ben-Gurion

Wie man jüngeren (und jüngsten) Museumsbesucherinnen und -besuchern Historie schmackhaft machen kann, ist eine ebenso wichtige wie knifflige Frage. Klassisch-charmant ist die diesbezügliche Strategie des „Ben-Gurion-Hauses“ in Tel Aviv: Dort nämlich lädt man die jüngsten Gäste ein, sich via Mal-Vorlage (buchstäblich) ihr eigenes Bild vom „Vater der Nation“ zu machen – Museumspädagogik 1.0 gewissermaßen…

Schachspielender Ben-Gurion zum Ausmalen

Ein schachspielender Ben-Gurion zum Ausmalen – gesehen im „Ben-Gurion-Haus“, Tel Aviv

David Ben-Gurion (1886-1973), als David Grün im polnischen Płońsk geboren, emigrierte 1906 nach Palästina; er war der erste Premierminister des Staates Israel, von der Staatsgründung 1948 bis 1953, und nochmals von 1955 bis 1963.

Weit anschaulicher als diese nackten biographischen Fakten ist allerdings die wunderbar plastische (und obendrein um politische Korrektheit völlig unbekümmerte) Beschreibung, die Amos Oz in seiner „Geschichte von Liebe und Finsternis“ von Ben-Gurion gibt: Oz, damals gerade in seinen frühen 20ern, hatte sich 1961 auf eine publizistische Kontroverse mit dem Premierminister eingelassen – und wurde von Ben-Gurion prompt zum persönlichen Gespräch geladen…

Zwischen den Wänden dieses spartanischen Büros [gemeint ist das Büro Ben-Gurions in Tel Aviv; Anm.] ging mit schnellen kleinen Schritten, die Arme auf dem Rücken verschränkt, die Augen zu Boden gerichtet, den großen Kopf geneigt und energisch vorgeschoben, ein Mann auf und ab, der genau wie Ben Gurion aussah, aber auf keinen Fall Ben Gurion sein konnte: Jedes Kind im Land, schon im Kindergarten, wusste damals sogar im Schlaf, wie Ben Gurion aussah. Aber da es noch kein Fernsehen gab, meinte ich selbstverständlich, der Vater der Nation sei ein Riese, dessen Haupt in die Wolken rage. Und dieses Double nun war ein kleiner, untersetzter und rundlicher Mann, keine ein Meter sechzig groß (…), teils unbeugsamer Bergbauerngroßvater, teils uralter, energischer Zwerg (…). Er hatte eine silbrige Prophetenmähne, die wie ein Amphitheater seine Glatze umgab. Unterhalb der mächtigen Stirn ragten dicke, buschige weiße Brauen hervor, und darunter durchbohrten kleine blaugraue Augen mit messerscharfem Blick die Luft. Seine Nase war breit, dick und derb, eine vollkommen schamlose, geradezu pornographische Nase, wie die Nase der Juden auf antisemitischen Karikaturen. Dagegen waren die Lippen schmal wie eine Schnur (…). Die Gesichtshaut war rau und rot, als wäre da gar keine Haut mehr, sondern rohes Fleisch (…).
Die ersten Worte, die die Stille im Raum durchschnitten, erklangen in der durchdringenden blechernen Stimme, die wir damals alle fast täglich im Radio hörten. Sogar in unseren Träumen hörten wir sie. Der Allmächtige warf mir einen grimmigen Blick zu und sagte: ‚Nu! Warum setzen Sie sich nicht?! Setzen Sie sich doch!‘

Amos Oz: Eine Geschichte von Liebe und Finsternis. Frankfurt a.M. 2008. S. 686f.

Niemals, so schreibt Oz in der Rückschau auf jene Begegnung, habe ihn ein Mensch

so durch seine physische Präsenz und seine elektrisierende Willenskraft beeindruckt

wie damals Ben-Gurion (ebd. S. 692).

Ben-Gurions Haus in Tel Aviv („Beit Ben-Gurion“) ist heute der Öffentlichkeit zugänglich – und der Besuch schon aufgrund der erhaltenen Original-Ausstattung und Ben-Gurions beeindruckender Bibliothek (20.000 Bände!) in jedem Fall lohnenswert!

Wikipedia


David Ben-Gurions Geburtstag jährt sich am heutigen Sonntag, dem 16. Oktober, zum 125. Mal.

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