Mit Joseph Roth ins jüdische Burgenland

Vorbemerkung

Im August 1919 erschien in der Wiener Tageszeitung „Der Neue Tag“ eine Reihe von Reise-Reportagen – Titel: „Reise durchs Heanzenland„, verfasst von „unserem nach Westungarn entsandten Sonderberichterstatter„, Joseph Roth.

Der damals noch am Beginn seiner publizistischen Laufbahn stehende Roth (geboren 1894 im heute ukrainischen Brody) hatte im Frühjahr 1919 beim eben erst gegründeten (und im April 1920 auch schon wieder eingestellten) „Neuen Tag“ angeheuert (vgl. W. von Sternburg: Joseph Roth. Eine Biographie. Köln 2009. S. 194-207).

Seine Reise durch (Deutsch-)Westungarn (eben das „Heanzenland„) bzw. das heutige burgenländisch-ungarische Grenzland, die er zu pointierten (und, wie von Sternburg richtig anmerkt: nicht vorurteilsfreien) Texten verarbeitet, führt Roth durch einen politisch gebeutelten Landstrich (dessen Status sich letztlich erst 1921, mit der Entstehung des Burgenlands, klären wird): nach Neudörfl und (Bad) Sauerbrunn, Nagycenk/Zinkendorf und Sopron/Ödenburg

(Roth:

Ich würde ein großes Tor errichten als Eingangspforte und mit riesigen, weithin sichtbaren Lettern darüber schreiben: Nomen est omen! Denn nie sah ich eine Stadt, zu der der Name besser passte…) –

und schließlich nach Deutschkreutz, wo der Autor es zunächst mit einer Kostprobe burgenländischer Volkskultur zu tun bekommt, um am Ende in einer „Filiale der Leopoldstadt“, der Deutschkreutzer jüdischen Gemeinde, zu landen…

Im Folgenden Roths Beschreibung dieser letzten Station seiner „Reise durchs Heanzenland“ und der Geschichte der westungarisch-/burgenländisch-jüdischen „Siebengemeinden„. Die Textfassung folgt (mit minimalen Anpassungen) der Veröffentlichung im „Neuen Tag“.

Wir wünschen viel Lese-Vergnügen!

Zeitungsausschnitt 'Reise durchs Heanzenland' - aus: 'Neuer Tag'

Reise durchs Heanzenland.
Von unserem nach Westungarn entsandten Sonderberichterstatter.

(…)

Deutsch-Kreuz.

In Deutsch-Kreuz war Tanz- und Polterabend.
Die weiten Gehöfte leer und nur die Alten waren zu Hause geblieben. Von Zeit zu Zeit kamen ein Kind oder ein Großvater des Weges daher und erzählten, dass „Marie-Tre’s“ ein Sacktuch wünsche.
In Deutsch-Kreuz ist die Institution der Parkettböden nicht bekannt.
Man tanzt vielmehr im Hofe und eine Ziehharmonika liefert die nötige greuliche Musik.
Die Mädchen, alle weiß gekleidet und mit schwarzen Kopftüchern, stehen in dichten drei Reihen hinter einander im Hofe, die Burschen stehen auf der anderen Seite, aber eher in Gruppen, viel zwangloser und freier. Manche sitzen drin in der Schenke und tun einen anständigen Zug. Auf einmal geht der Spektakel los:
Aus der missgestimmten Ziehharmonika flattert ein tiefer Ton auf, wie ein schwerer, plumper Vogel versucht er, eine Weile in der Luft zu bleiben und fällt dann schwer und plumpsend zu Boden.

Diesem Ton folgt ein heller, junger, es klingt wie ein Hahnenschrei und auf dieses Zeichen stürzen die Burschen ohne Hüte und in Hemdärmeln aus der Schenke. Im Nu sind die Weiber vergriffen. Der Bursche hält das Mädchen nicht etwa an sich gepresst, sondern hat beide Arme um ihre Hüfte geschwungen. Der Oberarm bleibt hölzern, steif und fest, so dass das Mädchen in einem Abstand von etwa zehn Zentimetern von seinem Körper entfernt bleibt.
Der Tanz ist vollkommen kunstlos und besteht aus monotonen Drehbewegungen. Man dreht sich so lange, als der Ziehharmonikamensch will, denn es gilt als Schimpf, früher aufhören zu müssen. Man dreht sich in dem engen Hofe, in dem es zum Ersticken heiß ist, bis man im eigenen Schweiße ertrinkt. Der Boden ist nass wie nach einem Platzregen.

Da ich ins Wirtshaus trete, singen die Leute grade ein heanzerisches französisches G’stanzel:

Von da Nah und von da Fean
Lod’ ma olli ein, an jedn gseg ma gean.
Ochzig Hella is Eintrittsgöld
Des wegn is a nit g’fölt.
Denn wou spült d’Neuhausa Musi
Dou is a Hetz, a G’schpusi.

Man entdeckt an mir Kragen und Krawatte, hält mich für einen kommunistischen Agitator und feindselige Stille tritt plötzlich ein. Der Wirt poltert los: I kenn‘ Ihna gar nicht!

„Das macht nichts! Sie sollen mich kennen lernen!“
„Was wollen’s denn?“
„Was zu essen und einen Wein! Und schlafen möcht ich hier!“
„Z‘ essen hob i selber nix und schlof’n könnens net. An Wein könnens hab’n, wenn Sö Blaugeld han.“
Ich han Blaugeld und trinke einen Wein. Weil ich mit einer Hundertkronennote zahle, kommt ein Rotgardist plötzlich auf mich zu und nimmt mir dreihundert Kronen ab, worauf ich mich schleunigst aus dem Staube mache.
Hundertkronennoten darf nämlich niemand besitzen, es sei denn ein Rotgardist.
Nun aber kannst du in Deutsch-Kreuz drei Stunden lang herumwandern und findest kein Quartier und kein Brot. Du bist ein Fremder und wirst verachtet. Kragen, Krawatte und Hochdeutsch verraten dich. Entweder bist du ein Spion der Szegediner, so hat man Angst. Oder du bist ein Agitator Kuns, so hasst man dich. Du kannst verhungern. Zumal, da sowohl der Herr Pfarrer als auch der Herr Notär irgendwo beim Tarock sitzen.

Plötzlich sehe ich die Große Mohrengasse auftauchen.

Hausierergesichter, typische Leopoldstadt. Eine Judengruppe. Sie reden hochdeutsch mit den Händen. Ihre Bewegungen halten die Mitte zwischen Bedächtigkeit und Leidenschaft. Sie reden Leitartikel über Bela Kun. Bleiche Pogromangst spukt um sie herum.

In Deutsch-Kreuz sind sie zu Hause. Da ich einen um Quartier bitte, lässt er mich durch einen rothaarigen, sommersprossigen Judenjungen nach dem Hause eines Glaubensgenossen führen. Ich bekomme Brot und Eier und ein Bett. Ich teile das Zimmer mit einer gelähmten Großmutter, dem Ehepaar und zwei hübschen, schwarzäugigen Töchtern.
Am Morgen erlege ich nicht weniger als fünfzig Kronen in Blaugeld und wandere weiter.
Aber über die Juden in Deutsch-Kreuz muss ich noch erzählen.

Die Juden von Deutsch-Kreuz und die Schweh-Khilles.

Mitten in Deutsch-Kreuz eine Filiale der Leopoldstadt.
Siebzig jüdische Familien wohnen seit tausend Jahren im Deutsch-Kreuzer Ghetto. Denn sie wohnen alle zusammen, in einer großen Häusergruppe hinter den weiten Gehöften der reichen Bauern und führen ein eigenes Leben.
In der Mitte steht der Tempel, mindestens ein paar Jahrhunderte alt. Links vom Tempel wohnt der Rabbiner, ein Mann in mittleren Jahren mit blondem Bart und einem schwarzen Samtkäppchen auf dem Haupte. Er sitzt an einem langen Tisch und um ihn herum seine Jünger. Judenburschen im Alter von sechzehn bis zwanzig. Sie lernen Talmud, alle durcheinander, in ihren monotonen Sing-Sang klingt nur von Zeit zu Zeit der grelle Schrei der Ziehharmonika vom Wirte drüben.

Synagoge Deutschkreutz, um 1920

Synagoge in Deutschkreutz, um 1920

Ich will mit dem Rabbi über die Gemeinde sprechen. Er drückt mir die Hand und bittet mich um Verzeihung: er habe leider keine Zeit. Ich möchte zum Kultusvorsteher, Herrn Lipschütz, gehen.
Herr Lipschütz ist ein Mann um die Fünfziger. Ist auch schon in Budapest und, als er noch jung war, sogar in Wien gewesen und hat Manieren.
Er bittet mich in den „Salon“. Ein dunkelrot gehaltenes Zimmer, lauter Plüsch und Samt und verstaubte Nippessachen, Tintenfässer, Vögel, Hunde aus Bronze auf der Konsole. Der Stuhl, den er mir anbietet, ist leider durchgedrückt und ich rutsche in eine Versenkung, aus der ich mich mit vieler Mühe wieder hinausrette, um fortab am Stuhlrand sitzen zu bleiben.

Herr Lipschütz erzählt mir:
Vor vielen Jahren seien die Juden aus Oesterreich vertrieben worden und wären zum Fürsten Esterhazy gekommen. Dieser habe ihnen sieben Gemeinden, die sogenannten „Schweh-Khilles“, angewiesen. Es sind lauter deutsche Gemeinden. In einigen haben die Juden volle Autonomie und sogar eigene Bürgermeister. Die Juden sprechen ein reines, fehlerloses, etwas hartes Deutsch und vertragen sich ausgezeichnet mit der Bevölkerung. Die deutschen Bauern machen einen strengen Unterschied zwischen „Budapester“ und „unseren“ Juden.

Das Haus des Herrn Lipschütz ist einstöckig, mit einem großen Hof. Er ist der reichste Jude in der Gemeinde und sein Name ist weit und breit bekannt.
Der Kantor, der vor ungefähr 50 Jahren noch im Deutsch-Kreuzer Judentempel die Gebete sang, hieß Goldmark. Sein Sohn war der berühmte Komponist Goldmark, der aus einem Deutsch-Kreuzer Judenjungen ein Mann von Weltruf ward.

Die Gemeinde zählt auch den ungarischen Romanschriftsteller und späteren Sektionschef Alexander Doczi rekte Dux mit Stolz zu ihren Söhnen.
Die Juden von Deutsch-Kreuz und den Schweh-Khilles beschäftigen sich nur mit ehrlichem Handel und werden von der christlichen Bevölkerung sehr geschätzt. Sie haben sich rein und unvermischt erhalten und aus ihren Gesichtern klagte das Jahrtausende alte Leid Ahasvers.
Sie kennen keinen Tanz, kein Fest und kein Spiel. Nur Beten und Weinen und Fasten. Die Deutsch-Kreuzer Juden fasten zweimal in der Woche und beten den halben Tag lang.
Der Tempeldiener kommt morgens und abends an jede Tür, klopft mit einem Hammer und ruft die Juden zum Gebet.
Ich besah mir den Hammer: er ist schon ganz klein, schwarz, fettig und „abgeklopft“. Er mag so alt sein, wie die Gemeinde.
Manchmal wächst ein Judenjunge heran, hat Begabung und Glück und wird ein Goldmark oder Doczi. Aber nur manchmal.
Die meisten leben und sterben, wo sie geboren sind.
Das ist die Geschichte der Juden von Deutsch-Kreuz und der „Schweh-Khilles“.

Joseph Roth.
In: Der Neue Tag, 9. August 1919, S. 4f.

Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir unsere Publikation „Aus den Sieben-Gemeinden. Ein Lesbuch über Juden im Burgenland„, in der Sie diese und andere Anekdoten, Erzählungen, Reiseberichte usw. aus den Sieben-Gemeinden finden.

nach oben

Abgelegt in: Burgenland

Schlagwörter: | Kommentare (1)
RSS 2.0 feed. | Kommentar schreiben | trackback

Einen Kommentar zu ›Mit Joseph Roth ins jüdische Burgenland‹ schreiben

(required)

(erforderlich; wird nicht angezeigt)