Verzettelt in Jerusalem

Es ist ein Ritual, an dem sich Israel-Reisende verschiedenster Couleur (Prominenz, von Barack Obama bis Benedikt XVI., inklusive) erfreuen: das Schreiben von Gebets-Notizen (jidd. Kwittel), die anschließend in den Ritzen der Jerusalemer Westmauer (hebr. HaKotel HaMa’arawi; eher problematisch ist das deutsche „Klagemauer“) deponiert werden.

Wer möchte, kann selber ein „Kvittelchen“ in die Ritzen der Klagemauer stecken,

schlägt etwa der Israel-Baedeker Jerusalem-Besuchern vor (dagegen – das ist wohl warnend an die Adresse christlicher PilgerInnen gesagt – sei etwa das „Anzünden von Kerzen eher unpassend“ …;)).
Im Hintergrund steht dabei, grob gesprochen, die (in der jüdischen Traditionsliteratur gut belegte) Idee der vorzüglichen Heiligkeit des Ortes, von dem die Gegenwart Gottes auch nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels nicht gewichen sei.

(Zur Heiligkeit und den Ritualen rund um die Westmauer vgl. ausführlich R. Mordechai Ha’cohen: Sanctity, Law and Customs. In: Meir Ben-Dov u.a.: The Western Wall (HaKotel). Jerusalem 1987. S. 79-97; außerdem Max Küchler: Jerusalem. Ein Handbuch und Studienreiseführer zur Heiligen Stadt. Göttingen 2007. bes. S. 154ff., 168ff.)

  • Die Jerusalemer Westmauer ...
    Die Jerusalemer Westmauer ..
  • ...samt Kwittelach
    …samt Kwittelach


Das Kwittel-Ritual scheint nun so reizvoll zu sein, dass auch christliche PilgerInnen es für sich bzw. ihre heiligen Stätten adaptiert haben. Geschätzte 500 Meter Luftlinie von der Westmauer entfernt nämlich, in der Grabeskirche, werden ebenfalls eifrig Zettel beschrieben, gefaltet und in Ritzen gesteckt – analoge Frömmigkeitspraxis, andere Religion.
Hier, wo Christinnen und Christen Hinrichtungsstätte und Grab des Jesus von Nazareth verehren, haben also ebenfalls die Gebetszettelchen Einzug gehalten – und werden in die Ritzen der Grabkapelle geschoben; deren Altersschwäche bzw. die entsprechenden baulichen Auflösungserscheinungen machen’s möglich…

  • Die Grabkapelle im Inneren der Grabeskirche ...
    Die Grabkapelle im Inneren der Grabeskirche …
    Wikipedia
  • ...mit den einschlägigen Zettelchen
    …mit den einschlägigen Zettelchen


Ob hier nun tatsächlich eine Art interreligiöser Ritual-Import vorliegt (oder eher eine althergebrachte Analogie in der religiösen Praxis)? Man weiß es nicht. Freund Baedeker jedenfalls kennt/empfiehlt ein derartiges Ritual (noch?) nicht… ;)

Was wir aber jedenfalls wissen: Wer jetzt Lust bekommen hat, selbst eine Nachricht an der Westmauer zu hinterlassen, muss nicht auf den nächsten Israel-Besuch warten – Twitter sei Dank lassen sich Gebete auch online an die Westmauer adressieren, die dann in ausgedruckter Form ebendort deponiert werden; mehr Infos bei „Tweet your prayers„.

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