Koschere Kur – judenfreie Kur

Wenn es darum geht, politisch-gesellschaftliche Entwicklungen zu fassen zu bekommen, lohnt es bisweilen, neben den nackten Daten und Fakten, auch Beispiele aus der Alltagskultur, etwa: aus der Werbung, beizuziehen – wie das folgende, aus den 1930er Jahren:

Der burgenländische Kurort Bad Tatzmannsdorf, (bis) heute bekannt für Thermalwasser, Heilmoor etc., machte schon in den 30ern per Print-Inserat auf seine Vorzüge aufmerksam. Explizit umworben wurde dabei auch die (observante) jüdische Klientel, wie diese Anzeige in der „Jüdischen Wochenschrift Die Wahrheit“ aus 1935 belegt:

Werbeeinschaltung in 'Die Wahrheit' 1935

Aus: Jüdische Wochenschrift Die Wahrheit, Jg. 51, Nr. 26, 28.6.1935 (u.a.), S. 3 (im Volltext online auf bzw. entnommen aus compactmemory.de)

Potentiellen jüdischen Gästen werden dabei nicht nur diverse Bade-Freuden in Aussicht gestellt – auch für das religiöse Wohl scheint hinreichend gesorgt, immerhin hat das „Herz- und Frauenheilbad Tatzmannsdorf“, wie im Inserat eigens erwähnt, auch „zwei rituelle [sprich: koschere] Restaurants“ zu bieten.

Ähnliche Werbeeinschaltungen finden sich in der „Wahrheit“ noch im Sommer 1937.

12 Monate später, im Sommer 1938, hatte sich die Werbelinie merklich gewandelt – das folgende Tatzmannsdorf-Inserat stammt aus der Wochenzeitung „Grenzmark Burgenland“, herausgegeben von Burgenlands Nazi-Landeshauptmann Tobias Portschy.

Antijüdische Werbeeinschaltung 1938

„Juden werden nicht aufgenommen“ – aus: Grenzmark Burgenland, F. 23, 7.8.1938 (u.a.), S. 11

Entdeckt bzw. erstmals zusammengestellt wurden die beiden Anzeigen von Sabine Lichtenberger, in der Arbeit: „Es war meine Heimat, das Burgenland“. Geschichte und Kultur des burgenländischen Judentums mit besonderer Berücksichtigung der Jahre 1921-1938. Dipl. Wien 1996. S. 179-182.

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