Tipp der Woche – Fahrt ins Blaue

Richard Berczeller ist den treuen Blogleserinnen/-lesern kein Unbekannter mehr. Vor über einem Jahr portätierte ihn unser Gastautor Dr. Günter Unger in seinem Beitrag: Begnadeter Überlebenskünstler / Zaungast der Politik.

Nun sind erstmals 10 Geschichten Berczellers aus dem New Yorker ins Deutsche übersetzt in Buchform erschienen. Präsentiert wird das Buch „Fahrt ins Blaue“ am kommenden Freitag im Funksalon des ORF Funkhauses Eisenstadt (s.u. die Details).

In der ersten Geschichte des gleichnamigen Buches „Fahrt ins Blaue“ erzählt Berczeller vom letzten Schrei der 1930er-Jahre, als die so gut wie bankrotten österreichischen Bundesbahnen auf die Idee kamen, den Personenverkehr mit Sonntagsausflügen anzukurbeln. Der Start dieser Reisen war jeweils am Wiener Westbahnhof, das Ziel war unbekannt und eine Überraschung für die Reisenden. Das Interesse war groß, das Geschäft boomte, Fahrkarten war schwer zu bekommen.

Die beiden feschen Brüder aus dem jüdischen Viertel Eisenstadt, Otto und Bruno, hatten ein halbes Jahr für ihre Fahrt ins Blaue gespart. Endlich war es so weit, mit neuen schwarzen Anzügen und weißen Seidenhemden machten sie sich nach Wien auf, um die Reise ins Unbekannt anzutreten. Eineinhalb Stunden später hörten sie die Klänge einer Musikkapelle. Die Rollos wurden hochgezogen und sie blicken nach draußen. Sie waren in Eisenstadt!

Die beiden waren schwer blamiert, sie wurden zum Gespött der ganzen Stadt … Auf ihren Anspruch, die Rückreise nach Wien zu konsumieren, verzichteten sie selbstverständlich.

Am Schluss der Geschichte erzählt Berczeller, dass er ein Jahr nach dem Krieg in der Ambulanz des Beth Israel Hospitals in New York einen alten Mann traf, der ihn erkannte und mit dem er ins Gespräch kam. Unweigerlich kamen die beiden auf die feschen Brüder Bruno und Otto zu sprechen – wusste er etwas von ihnen?

Ja, das tat er. Er war mit ihnen in Montauban interniert gewesen und wusste auch, was aus ihnen geworden war. Eines Tages sah er, wie sie gemeinsam mit anderen in einen der Güterwaggone nach Auschwitz verfrachtet wurden. Als die SS-Truppen die Eisentüren zuschoben, um sie einzuschließen, hörte er Bruno zu Otto sagen: „Wieder so eine Fahrt ins Blaue.“

Richard Berczellers Geschichten sind stark anekdotenhaft und das sollte man immer im Hinterkopf haben beim Lesen. Sieht man in den Geschichten zeithistorische Dokumente, würde man unweigerlich Opfer eine Reihe von Fehlern, ungenauen Erinnerungen und manchmal schlicht falscher Tatsachen werden (selbstverständlich gab es zur Zeit von Bruno und Otto keine mittelalterliche Synagoge im jüdischen Viertel von Eisenstadt …). Was allerdings dann vielleicht nicht ganz unproblematisch sein kann, wenn der anekdotenhafte und atmosphärische Charakter der Geschichte (nahezu gänzlich) verloren geht: Beispiel Lackenbach, Seite 136f:

Ich wusste noch genau, wo der Friedhof lag – an einem schmalen Pfad, der hinter der Synagoge in der Judengasse den Hang hinaufstieg. Von dem Ort in meiner Erinnerung war aber nichts mehr übrig. Die jüdischen Namen über den Geschäften in der Judengasse waren verschwunden; die geduckte düstere Synagoge war dem Erdboden gleichgemacht; und der schmale Pfad dahinter war zu einer Straße ausgebaut worden. Vom Friedhof war nichts zu sehen. Meine Frau und ich liefen die Gasse auf und ab, ohne ihn ausfindig zu machen, bis ich mich schließlich an einen alten Mann wandte, der in der Sonne saß, und ihn nach dem „Judenfriedhof“ fragte. Er zeigte darauf. Auf dem kleinen Platz vor dem Friedhofseingang stand jetzt ein Haus, das ihn vollständig verdeckte. Der alte Mann führte uns durch einen Gemüsegarten und danach über einen Hof, in dem Hühner herumliefen und Maiskörner pickten. Endlich standen wir vor dem verrosteten Tor.

Über den Umgang Lackenbachs mit seiner jüdischen Vergangenheit könnte man viel Trauriges und Beschämendes sagen und schreiben. Der jüdische Friedhof von Lackenbach aber ist der größte jüdische Friedhof auf dem Gebiet des heutigen Burgenlandes, mit über 1.700 Grabsteinen. Fährt man die Straße hinter der Kirche, wo einst der schmale Weg führte, bergauf, kann der jüdische Friedhof nicht übersehen werden. Streng genommen hat er 2 Eingänge, die auch nicht zu übersehen sind. Das war auch die Situation im Sommer 1963, als Richard Berczeller den Ort besuchte.

Aber lassen wir Richard Berczellers Sohn, Peter Berczeller, zu Wort kommen, der die Literatur seines Vaters im Nachwort des Buches auf den Punkt bringt:

Richard Berczeller war vor allen Dingen ein Geschichten- und Anekdotenerzähler; einer, der in der Tradition der Männer und Frauen erzählte, die seit Menschengedenken auf den von Rauch durchzogenen Märkten auf ihr Publikum warteten und es für ein paar Groschen mit erfundenen Geschichten in ihren Bann zogen, denen sie manchmal auch ein paar Fakten beimischten …

In der Geschichte „Sodom und Gomorrha“ erzählt der Arzt Dr. Richard Berczeller von seiner anderen großen Leidenschaft, der Schauspielerei, mit der er schon versuchte, sein Studium zu finanzieren. Im April 1923 kam das Stummfilm-Epos „Sodom und Gomorrha“ in die Kinos in Wien. Berczeller als Lot in einer Hauptrolle ist heute noch auf YouTube zu bewundern:

Richard Berczeller Buchpräsentation
im Funksalon
Fahrt ins Blaue und andere Geschichten aus dem „New Yorker“
In Kooperation mit dem Literaturhaus Mattersburg

Am Freitag, 11. Mai 2012, 19.30 Uhr
Ort: ORF Funkhaus Eisenstadt, Buchgraben 51, 7000 Eisenstadt

Der Eintritt ist frei.

Im Funksalon erzählt Sohn Peter Berczeller von Fabulierlust und Sehnsucht. Zu Gast ist außer meiner Wenigkeit noch der Journalist Wolfgang Weisgram. Aus Richard Berczellers Texten liest Georg Kusztrich. Die Poesie der Geschichten ergründet Karin Schäfer mit ihrem Figurentheater.

Um Antwort (bei Zusage) wird gebeten:
Teleon 02682 700-27211
E-Mail: direktion.bgld@ORF.at

nach oben

Abgelegt in: Kunst und Kultur, Tipp der Woche

Schlagwörter: | Kommentare (2)
RSS 2.0 feed. | Kommentar schreiben | trackback

Einen Kommentar zu ›Tipp der Woche – Fahrt ins Blaue‹ schreiben

(required)

(erforderlich; wird nicht angezeigt)