Purim seinerzeit

Wenn ich beim König Wohlwollen gefunden habe und wenn es ihm gefällt, dann möge mir und meinem Volk das Leben geschenkt werden. Das ist meine Bitte und mein Wunsch,

so spricht Königin Ester in der biblischen Erzählung zu König Artaxerxes (Ester 7,3), damit er das Unheil abwende, das den Juden seines Reiches droht. Ausgerechnet der besondere Favorit des Königs nämlich, Haman mit Namen, hatte einen mörderischen Plan gefasst: Haman „wollte … alle Juden im Reich des Artaxerxes vernichten“ (3,6). Doch glücklicherweise findet Esters Bitte Gehör: Der König höchstselbst schreitet ein – er lässt den „verbrecherische[n] Haman“ hängen (7,6.9f.), seine finsteren Pläne werden vereitelt. Den bedrohten Juden wird so in der Tat „das Leben geschenkt“ – und genau diese Errettung ist Anlass und Hintergrund des Purimfestes, das am kommenden Wochenende gefeiert wird.

Purim hat in der Vergangenheit wie in der Gegenwart zahllose folkloristische Ausschmückungen erfahren. Ein besonders hübsches historisches Beispiel für diese Purim-Folklore zeigen diese Filmaufnahmen von Purim-Festivitäten im Israel (damals noch Mandatsgebiet) der 20er- bzw. 30er-Jahre …

Die hier zu sehenden Purim-Feiern in Tel Aviv – hebräisch „Adloyada“, auf Deutsch wörtlich in etwa: „bis man nicht mehr weiß“, in Anspielung auf ein Talmud-Wort, das dazu auffordert, an Purim reichlich dem Alkohol zuzusprechen – reichen bis in die Frühzeit der jungen Stadt zurück (vgl. die ausführliche Darstellung in der englischen Wikipedia: Adloyada) und gelten als die größte Massen-Veranstaltung der jüdischen Bevölkerung in der Mandatszeit – traut man den Zeitungsberichten, so zogen die Tel Aviver Purim-Feierlichkeiten zu ihrer Hoch-Zeit, Mitte der 30er-Jahre, bis zu 250 000 Besucher an, das ist mehr als das Doppelte der damaligen Einwohnerzahl (vgl. Hizky Shoham: „A huge national assemblage“: Tel Aviv as a pilgrimage site in Purim celebrations (1920-1935), in: Journal of Israeli History, Vol. 28, No. 1, March 2009, 1-20, hier 1 und 4f.).

Unschwer lassen sich in den obigen Aufnahmen Entsprechungen zu typischen Faschings- bzw. Karnevals-Bräuchen entdecken: die aufwendig drapierten Wagen etwa oder die Wahl einer Königin Ester (im Video ab 1:25). Die Filmaufnahmen haben aber auch eine interessante zeitgeschichtliche Pointe, nämlich in der Bezugnahme der Purim-Feiern auf den Nationalsozialismus: So etwa greift die Purim-Parade nationalsozialistische Symbole, namentlich das Hakenkreuz, auf und baut sie persiflierend in die Purim-Folklore ein (im Video ab 3:50, kurz auch schon bei 2:29)!

Ein ähnlich gelagertes Motiv war hier im Blog übrigens schon einmal Thema, nämlich die Assoziation von Haman und Hitler – siehe das bemerkenswerte Purim-Foto des „Haman Hitler“ aus Landsberg 1946 im Beitrag „Hamanpuppe„.

Der Ruhm des Purim-Spektakels in Tel Aviv jedenfalls verbreitete sich auch in der deutschsprachigen Diaspora – die in Berlin erscheinende „Jüdische Rundschau“ widmet beispielsweise den Purim-Feiern 1935 u.a. eine ganzseitige Reportage:

Drei Tage pulsierenden Lebens, farbigster Bewegtheit krönten Vorbereitungen von Wochen und Monaten. … Tel-Awiw dürfte noch niemals eine so große Zahl von Gästen beherbergt haben. Man schätzt die Besucherziffer auf 250 000. … Bezeichnend für den ungeheuren Zustrom ist die Tatsache, dass die Autobusgesellschaft ‚Egged‘ von Jerusalem nach Tel-Awiw einen Drei-Minuten-Verkehr eingerichtet hatte und sämtliche Wagen bis auf den letzten Platz gefüllt waren. … Die Zentren der Stadt waren festlich illuminiert, die Schaufenster standen im Zeichen des Purim … Das Straßenbild war belebt von buntesten Kostümen. … Auf den Hauptplätzen tanzten Gruppen junger Menschen die Horra bis zur Ekstase.

Jüdische Rundschau, 2. April 1935, S. 3, online auf compactmemory.de

Mit dieser kleinen Rückblende wünschen wir allen Leserinnen und Lesern unserer Koscheren Melange ein fröhliches Purim!

חג פורים שמח לכולם!

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