Großmutters Dorf

Fast auf den Tag vor 116 Jahren beschrieb ein Journalist des Pester Lloyd, wie er im Sommer jährlich der großstädtischen Hitze entfloh und zu seiner Großmutter in eine der ehemaligen jüdischen Gemeinden des Burgenlandes (damals natürlich noch Westungarns) reiste, näherhin in ein “armseliges, weltvergessenes Dorf”, das einst “eine reiche, blühende Ortschaft, die reichste und angesehenste unter den sieben Gemeinden [war]”.

Bedauerlicherweise nennt der Autor keinen Namen der jüdischen Gemeinde und wir können nur raten, in welcher der weltberühmten Sieben-Gemeinden des heutigen Burgenlandes er seine Großmutter besuchte … und wir sind ziemlich sicher, dass es sich um Lackenbach handelt.

Der Text gibt einen bemerkenswerten Einblick in Glanz und Elend, in Alltag und Feiertag einer jüdischen Landgemeinde im ausgehenden 19. Jahrhundert.

Pester Lloyd

Samstag, 27. August 1898, Nr. 205

Alljährlich im Sommer, wenn die nervenzerstörende Städtegluth allzu schmerzlich auf mir zu lasten begann, fuhr ich in ein armseliges, weltvergessenes Dorf, um meine Großmutter, welche nicht mehr fern von ihrem hundertsten Lebensjahr stand, zu besuchen. Sie hatte eine so herzliche Freude, wenn ich kam, und nur einen Vorwurf hörte ich oft von der fast Hundertjährigen: daß ich alt werde, gar so alt.

Ja, wer so jung hätte bleiben können wie die Großmutter, die in lebhaften Farben den Herzog von Reichstadt schilderte, den sie bei ihrem letzten Aufenthalte in Wien gesehen, und die mir erzählte, was für schönes Taffetkleid sie von ihrem Vater erhalten, als sie mit ihm im Jahre 1814 in Wien gewesen. Und dann ging Großmutter an die Arbeit: räumte ihr Zimmer auf, welches sie seit fast achtzig Jahren bewohnte, fütterte die Hühner, reinigte das Gemüse, war bald in ihrer Stube, bald im Geflügelhofe, überwachte die Cousine, daß trotz meines Aufenthaltes nicht zu viel Eier verschwendet werden, nörgelte hier, verbesserte dort, machte auch gelegentlich einen ganz netten, kleinen Skandal, wenn die Magd nicht genau nach ihrer Weisung handelte, und Mittags erschien sie nett und adrett in ihrem einfachen Kleide, mit der blühend weißen Haube bei Tische; nirgends ein Fältchen, nirgends ein Stäubchen: ein gutes altes Großmütterchen aus der guten alten Zeit.

Jüdischer Friedhof Lackenbach, 2014

Großmutter hatte sich tapfer gehalten, allein ihr Heimathsdorf ist inzwischen alt geworden und verfallen. Manches der kleinen Häuschen gleicht nur mehr einer Ruine; ungehindert dringen Sonnenschein und Regen durch das Dach; manches ist von seinen Bewohnern gänzlich verlassen worden und steht nun verwaist mitten im Dorfe; die Fensterflügel hängen lose in ihren Rahmen, die Thüren sind herausgerissen, die Balken streben zur Erde, und Mörtel und Ziegelsteine liegen vor der Schwelle, welche in besseren Zeiten fröhliche Menschen betraten.

Einst, vor vielen Jahren, war Großmutters Heimathsdorf eine reiche, blühende Ortschaft, die reichste und angesehenste unter den sieben Gemeinden, welche in unduldsamen Zeiten auf den Gütern der Fürsten Esterházy gegründet wurden. Handel und Verkehr standen in hoher Blüthe, an den Feiertagen wimmelte die ‘Gasse’ von reich und festlich gekleideten Leuten; die Frauen, wenn sie Kopf an Kopf gereiht am Neujahrstage in der Synagoge saßen, glänzten von Gold und Seide, die Männer spendeten vor der Thora hohe Summen zu wohlthätigen Zwecken, und mancher angesehene Mann, so der Stammhalter der Barone Schey, nahm von hier seinen Ausgang, um dann in der Welt ob seines Ranges und seiner vielen Millionen beneidet zu werden.

Das ist längst vorbei, längst! Die Eisenbahnen haben den Verkehr abgelenkt; die einiges Vermögen zusammenraffen konnten, sind fortgezogen in große Städte, und blos die armen Teufel, welche der Hunger bannt, sind an der heimathlichen Scholle haften geblieben. Die kostbaren Plätze in der Synagoge, wo sich einst die reichen Handelsherren breit machten, sind werthlos geworden und werden von armen Dorfgehern benützt, und die ‘Gasse’, wo einst fröhliches Leben geherrscht, weist nun auch an Feiertagen nur mehr wenige Leute auf; Alles ist anders geworden, als es einstens war; nichts erinnert mehr an Glanz und Reichthum, und nur in dem großen Friedhof am stillen Anger draußen herrscht ein beredtes Schweigen von einstiger Größe, von einstigem Ansehen.

Verkümmert und verfallen wie das Dorf, sind auch seine Bewohner. Mit schweren Packen beladen ziehen die Männer an Wochentagen in die umliegenden Dörfer hinaus, um für die Ihrigen Brod zu suchen; keuchend wandern sie durch Wald und Thal, arme verspottete Juden, während ihre Frauen daheim die Wirthschaft besorgen, eine arme, armselige Wirthschaft, in welcher es zumeist am Nothwendigsten gebricht, wo die zahlreichen Kinder nicht selten hungernd zu Bette gehen.

Die Armuth der Bewohner liegt auf dem Dorfe, liegt als Wiederschein in der Luft. Alte, uralte Erinnerungen aus dem düstern Mittelalter beschleichen bei diesem Anblick das menschliche Herz; alle Erinnerungen an Menschenhaß und Racenhaß, an kummervolle, angsterfüllte Gesichter, an flüchtende, gehetzte, verspottete Kinder Israels.

‘Aber jeden Freitag Abend,
In der Dämm’rungsstunde, plötzlich
Weicht der Zauber und der Hund
Wird auf’s Neu‘ ein menschlich Wesen.’

In der Lackenbacher Judengasse, um 1920

Ja, wenn der Sabbath herantritt, dann verwandelt sich der arme, in Lumpen gehüllte Dorfgeher in ein menschlich Wesen, in einen glänzenden zauberhaften Prinzen. Sabbath ist es, der Tag des Herrn, und selbst die düstere Schwere, welche in der Luft lag, ist verflüchtigt. Heiterer, milder, feiertägiger Sonnenschein lächelt auf das Dorf hernieder, beleuchtet mit hellem Lichte die verfallenen Häuser, blickt hinein in die armen verkümmerten Herzen. Sorgen und Mühen, Hohn und Spott der Woche sind vergessen und durch die Gasse schreiten die Männer in ihren guten Gewändern, begrüßen einander in herablassender Weise, halten Cercle vor der Synagoge, debattiren über den Rabbi, und wie der Chason so unverträglicher Natur und mit dem Vorbeter ewig im Hader liegt; erzählen von dem schönen Karpfen, welcher gestern bei dem Vorsteher der Gemeinde gekocht wurde, und treten dann in die Synagoge, um die erbauliche Predigt anzuhören. Und wenn der Vorbeter geendet, eilen sie zum Ausgange und erwarten ihre Frauen, die mit ihren besten Kleidern angethan, bewegt von ihrem innigen Verkehr mit Gott und von allerlei interessantem Klatsch, mit niedergeschlagenen Augen die alte Treppe herunterkommen, das Gebetbuch und das weiße Schnupftuch in den Händen. Und sie erzählen sich auf dem Heimwege, was der Rabbi für ein goldener Mensch sei und wie jedes Wort seiner heutigen Predigt eine Perle, ein Diamant gewesen. Und dann wird das Mittagessen aufgetragen, duftend, daß der Hausherr wonneselig mit der Nase schnuppert und mit einem Schwur bekräftigen würde, was Heine gesungen:

‘Scholet ist die Himmelsspeise,
Die der liebe Herrgott selber
Einst den Moses kochen lehrte
Auf dem Berge Sinai.’

Und am Nachmittag, wenn die Sonne gegen Westen sinkt, da kommen die Mädchen aus den verfallenen Häusern und promeniren stolz am Ufer des Baches entlang; schöne, schlanke Mädchen in Kleidern aus unmodernen Stoffen, die Schleppe zierlich in der Linken tragend, Hüte mit Federn und Blumen auf den Köpfen und zierliche Schleier vor den erröthenden Gesichtern. Armuth und Elend, welche sie die Woche über in den finsteren, niederen Stuben festgehalten, sind abgeschüttelt, majestätisch wandeln sie einher, wie die Edelfräulein im Gefolge der Prinzessin Sabbath. Sie kichern und wispern, lächeln und kokettiren, sie sprechen von Heine und von der Liebe, von Schiller’s Glocke und von Kotzebue’s herrlichen Theaterstücken. Sie haben die Armuth und die Sorgen in den dumpfen Stuben gelassen, und mit dem schönen Kleide haben sie auch die Bildung aus dem Kasten genommen. Sie sprechen fein und zierlich und gewählt, der schauerliche Wochentagsjargon ist verpönt; Blümchen heißt heute Bertha und Vögele Fanchette, und sie fragen sich nicht wie an den armseligen Werkeltagen: ‘Zu was lauft uns der dumme Hirschl alleweil nach?’ sondern sie fragen in regelrechtem Deutsch: ‘Weshalb folgt uns denn dieser einfältige Heinrich fortwährend?’

Und tiefer sinkt die Sonne, tiefer und tiefer. Die armen Mädchen kehren in die kleinen Häuser zurück, still ist die Promenade, still wird die Gasse. Die schwere Luft der Armuth und des Elends legt sich wieder breit und finster auf das Dorf. Die Prinzessin Sabbath ist verschwunden, der schöne Hut, der feine Schleier und die feine Bildung wandern in den Kasten zurück und der arme Jude, der heute in der Synagoge gestanden und stolz durch die Gasse gewandert ist, nun hängen seine Augen trüb an den schweren Packen, mit welchen er in aller Frühe ächzend und keuchend aus seinem Dorf hinauswandern muß und er seufzt und seufzt …

‘Ist ihm doch, als griffen eiskalt
Hexenfinger in sein Herze,
schon durchrieseln ihn die Schauer
Hündischer Metamorphose.’

Max Viola

Zum Autor:
Max Viola (ursprünglich Max Veigelstock), geboren am 29. August 1856 in Szombathely/Ungarn, gestorben am 4. April 1923 in Budapest/Ungarn. War zunächst in der Landwirtschaft tätig, Mitarbeiter mehrerer Zeitungen, ab 1885 bei der Wiener Allgemeinen Zeitung; wurde als politischer Korrespondent nach Budapest geschickt; war Eigentümer des „Budapester Montagsblattes“; Mitarbeiter des “Pester Lloyd”; war nebenbei literarisch tätig und verfasste zahlreiche Novellen, Romane und Gedichte; veröffentlichte u.a. die Verserzählung “D. Birkenheimer” (1898), die Romane “Zweierlei Liebe” (1893), “Die Brüder” (1902) und “Salomon Tulpenthal” (1903) und mehrere Skizzen und Parodien auf Gedichte von Wedekind, Bierbaum und Hofmannsthal.

Aus: Handbuch österreichischer Autorinnen und Autoren jüdischer Herkunft, 18. – 20. Jahrhundert, hrsg. von der Österreichischen Nationalbibliothek, München 2002.

Danke an unsere ehemalige Kollegin Almut L., Israel, für das schöne Fundstück!


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