Resl Theben (Nassau) / Resl bat Wolf Brilin, 10. Ijjar 5515 (Montag, 21. April 1755)

Foto I. Öhler: Resl Theben / Resl bat Wolf Brilin, 10. Ijjar 5515


Keine Abschrift von Isidor Öhler vorhanden.


Anmerkungen

Der zweitälteste (siehe den ältesten aus 1728), aber wohl – was Länge, Form und besonders Inhalt der Grabinschrift betrifft – bemerkenswerteste Grabstein in Mattersdorf/-burg (zumindest was die Sammlung Öhler betrifft).

Mit diesem besonderen Grabstein beschließen wir auch unser Ende April 2010 begonnenes Projekt „Die verschollenen Grabsteine (Friedhof Mattersburg)“. Alle 229 in der Sammlung Öhler vorhandenen Fotos und Abschriften, immerhin die einzigen Zeugen des großen jüdischen Friedhofes der weltberühmten jüdischen Gemeinde, sind online.
Besonderer Dank gilt allen Kommentatorinnen/Kommentatoren für die wertvolle Unterstützung!

Max Grunwald führt den Grabstein in seiner Arbeit „Mattersdorf“ (Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde 1924-1925, S. 495) an (siehe dazu auch Kommentar von Chaya-Bathya Markovits). Die Abschrift Grunwalds soll hier zur Gänze buchstaben-, form- und zeilengerecht wiedergegeben werden (nur auf die Zitatform wird aus Gründen der Übersichtlichkeit verzichtet):

Rabbinerin Resel b. Wolf Brilin aus Nassau 1755

פה טמונה הרבנית ההגונה
אשה חכמת לב בחכמה ובתבונה עשתה רצון קונה צדקתה בחוץ תרונה
היתה כשושנה מרת ריזל בת הרר וואלף ברילן מנס בעשור
לחודש זיו הודה פנה ביום שלא נאמר כי טוב
נפטרת ונקברת בשם טוב יום ב“
יוד אייר תו קוף טית ויו
לפ“ק

בשובה אל מחצבה וגוה לארץ הושפלה
תפארת אשה שבת בית איך נפלה
היא היתה אם כל חי ברב חמלה וחנינה
ראתה ערום וכסתיהו כסות ושמלה
רחמה את לט רוחמה ורב חסד גמלה
ותתן תרף ומזור וחתול ללא חותלה
וי אבדה נפש יקרה צנועה ומהוללה
אחריה ישאגו כולם בקול המולה
לב מתנה אבד מתוך הקהלה
פרוח תפרח ותגיל אף רענן וגילה
זיו השכינה תשביע בסתר כנפיו סלה
לדשן עצמותיה ולא תעזב נפשה לשאולה
נס כי ינשא לקבץ נדחי עם סגולה

הידד על ציון קבר אשה גדולה
רבת אנחות שברון מתנים וחלחלה
בכו לאובדים מנורת זהב טהור כולה
נעים היו מעשיה כקטורת בלולה
ידיה שלחה לאביון ואל דל השכילה
תלמיה רותה נחת גדודי ביתה ואהלה
מקיר אבן תזעק הגה והי ויללה
רש ועשיר נפגשו ספדו על כל אלה
תהלתה ושבחה ברחובות נתן קולה
רכה וענוגה אל עפר נתן חילה
יהלך לפניה צדקתיה ותשכון ברום מעלה
זכיותיה וצדקותיה צדק יקראו לרגלה
לבטח תנוח ולקץ הימין תעמוד לגורלה


ת נ צ ב ה

Anmerkung von Max Grunwald am Ende der Abschrift: „Beachtenswert ist das Hervortreten sabbatianischer Stimmungen aus einer Reihe von Inschriften aus dieser Zeit.“

In der Einleitung (oben zentriert) wird sowohl der „prominente“ Vater genannt als auch zweimal das Sterbedatum, beide Male auf etwas ungewöhnliche Art und Weise:

Zeile 1 – 7:
(1) „Hier liegt/ist geborgen die Rabbinersgattin, die Würdige,
(2) ‚eine herzensweise Frau‘ (Exodus 35,25), mit Weisheit und Klugheit erfüllte sie den Willen ihres Schöpfers, ihre Woltätigkeit wurde ‚öffentlich mit Freude verkündet‘ (Sprüche 1,20, die Übersetzung lehnt sich an Mendelssohn an).
(3) Wie eine Lilie war sie, Frau Resl, Tochter des H(errn) u(nd) M(eisters) Wolf Brilin aus Nass(au). Am 10.
(4) des Monats Siw (= Monat Ijjar, s. 1 Könige 1) verging ihr Glanz, am Tag, an dem nicht gesagt wird „es ist gut“.
(5) Sie verstarb und wurde begraben mit gutem Namen (= in gutem Ruf) am Tag 2 (= Montag),
(6) Jod (= Zahlenwert 10) Ijjar, Taw (= Zahlenwert 400) Qof (= Zahlenwert 100) Tet (= Zahlenwert 9) Waw (Zahlenwert 6) (= 515)
(7) n(ach der) k(leinen) Z(eitrechnung)“

Der Vater, Wolf ben Löb Nassau-Brilin, starb am Freitag, 9. Nisan 513 (= 13. April 1753), also fast auf den Tag genau, 2 Jahre vor seiner Tochter, in Wien. Wir finden die Grabinschrift des Vaters als Nr. 907 in „Bernhard Wachstein, Die Inschriften des alten Judenfriedhofes in Wien, 2. Teil (1696 – 1783), Wien 1917“. Wachstein merkt übrigens an, dass sich „zwischen der Überschrift und dem Texte der Inschrift eine Brille (graviert)“ befindet.
Auf Seite 371 schreibt er weiter zum Namen „Brilin“: „‚Löw Nassau‘ wird unser Benjamin Wolf b. Löb Nassau auch im Verlassenschaftsakt seines Schwiegervaters Asriel Brilin, gestorben 1744, genannt. Wolf Nassau wohnte, wie sein Schwiegervater, unter dem Schutze des Wolf Wertheimerschen Privilegiums … Die Beziehungen zum Hause Wertheimer sind vor allem verwandtschaftlicher Natur. Asriel Brilin … war der Bruder der Mutter von Wolf Wertheimer und Löw Wertheimer … Ob unser Wolf, der ebenfalls den Namen Brilin führt … dieser Familie blutsverwandt ist oder ihr nur durch seine Frau Chana angehört, muss dahingestellt bleiben“. (Nur am Rande: Einer der Söhne des Asriel Brilin, Isak, lebte in Eisenstadt, war Anfang des 18. Jahrhunderts im Vorstand der Gemeinde und trotzdem wurde seinem Sohn Manes wegen übler Nachrede von der Gemeinde die Stättigkeit aberkannt).
Danach nennt Wachstein auch Kinder von Wolf Nassau, berichtet über Sara und sehr ausführlich über Sohn Isak Nassau. Eine „Rösel“, die unsere „Resl“ sein müsste, wird leider nur kurz und nur namentlich erwähnt.

Der Grabstein der Mutter von Resl (und Ehefrau des Wolf Brilin) aus Nassau, Chana Anna Nassau (Brilin) ist laut Wachstein, Nr. 987, nicht mehr vorhanden. Sie verstarb am 25. Schvat 529, also am 02. Februar 1769, ebenfalls in Wien.

Die Grabinschrift von Resl gleicht der ihres Vaters auffällig, einzelne Passagen sind sogar wörtlich übernommen, etwa linke Spalte letzte Zeile der Eulogie: נס כי ינשא לקבץ „Ein Zeichen wird er aufstellen (Jesaja 11,12) um einzusammeln…“. In obiger Inschrift heißt es weiter: נדחי עם סגולה „die Vertriebenen Israels, wörtlich: ‚des Gott eigenen Volkes'“, in der Inschrift ihrese Vaters: בני ישרון „wörtlich: ‚die Söhne Jeschuruns'“.
נס „Zeichen/Wunder“ ist natürlich ein Wortspiel mit dem Herkunftsort des Vaters „Nass(au)“.

Falls die (bei Grunwald!) in der Einleitung groß geschriebenen und mit superlinearen Punkten versehenen Wörter Zahlenwerte beinhalten, die eine kontextbezogene Bedeutung haben, kann ich sie leider nicht nachvollziehen. Genau genommen fehlt nämlich bei der ersten Angabe des Sterbedatums das Sterbejahr… Allerdings kann ich in der Grabinschrift selbst die bei Grunwald großgeschriebenen und mit Punkten versehenen Buchstaben auch nicht erkennen. Mit einer Ausnahme:
Der Zahlenwert „23“ des Wortes für den Sterbemonat זיו könnte das Sterbealter von Resl sein, vorausgesetzt sie ist 1732 geboren (ihre Mutter Chana/Anna wäre da etwa 23 Jahre alte gewesen).

Als Akrostycha finden sich in der Eulogie in beiden Spalten ihr Vorname sowie Titel und Vorname des Vaters und Segenwünsche:

rechte Spalte:
(8) bis (20): „Die Rabbinersgattin, Frau Resl, i(hr Andenken) m(öge bewahrt werden)“
הרבנית מרת ריזל זל

linke Spalte:
(8) bis (19): „Tochter des H(errn) u(nd) M(eisters) Wolf, s(ein Andenken) m(öge bewahrt werden)“
בת הרר וואלף זל

Auch in der linken Spalte finden sich über dem Wort זיו Punkte, zum Zahlenwert „23“ siehe oben.

Den Punkt über dem נ bzw. die Punkte über נס in Zeile 20 kann ich nicht erklären.

In der rechten Spalte in Zeile 20 befinden sich Punkte über den groß geschriebenen Wörtern/Buchstaben הימין ת. Der summierte Zahlenwert ergibt 515, also das Sterbejahr von Resl.
Der Text der Zeile ist angelehnt an Daniel 12,13: „In Sicherheit wird sie ruhen und am Ende der Tage auferstehen, um ihr Erbteil zu empfangen“.

Beachtenswert in der Eulogie ist noch, dass ausnahmslos alle Verse auf לה „la“ enden.

Im genealogischen Portal geni.com finden wir bei Resel Theben kein Sterbedatum!

Dort wird auch angeführt, dass Resl die Ehefrau von Koppel Theben war. Es müsste sich dabei um den Pressburger Stadlan Koppel Theben handeln (Josua Lewinsohn, יעקב קאפל טהעבן, Verlag Tuschia, Warschau 1899). Wachstein (s.o.) jedenfalls berichtet über einen Asriel, Sohn des Samuel (Sanwel) und Enkel des o.g. Asriel Brilin, der nicht nur ein „großes rabbinisches Wissen hatte, das wir durch zwei Generationen in diesem Zweige der Familie nicht mehr vertreten gesehen haben … Sein großer Besitz mag ihm voseiten seiner Frau Traula zugefallen sein, die eine Tochter des über die Gemeinde Pressburg weitbekannten Stadlans Koppel Theben [Ergänzung: und seiner Frau Resl] war“ (S. 288).


Archiv jüdischer Friedhof Mattersburg