Purim 5775 / 2015

Morgen ist der 14. Adar, in wenigen Stunden beginnt das Purimfest.

Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern unserer Koscheren Melange ein fröhliches Purim!

חג פורים שמח לכולם!

So fröhlich das Fest auch gefeiert wird, die Geschichte rund um Ester und Mordechai, König Achaschwerosch/Artaxerxes und Haman, die wir im biblischen Buch Ester finden, hat einen ernsten Hintergrund. Insbesondere in den Machsorim (also den Gebetbüchern für die hohen Feiertage) finden wir seit dem 13. Jahrhundert oft prachtvolle Illustrationen, die sich vornehmlich mit der Verfolgung der Juden sowie ihrer Hoffnung, durch Glaubensstärke überleben zu können, auseinandersetzen.

Ein besonders nettes Detail findet sich im prächtigsten heute noch existierenden mittelalterlichen Machsor, das zu Beginn des 14. Jahrhunderts in Süddeutschland geschrieben und illustriert wurde, dem sogenannten Leipziger Machsor.

Selbstverständlich finden wir auch hier den (schon bekannten) Baum, an dem letztlich das Leben Hamans und seiner zehn Söhne endete. Das Anliegen, die ständig bedrohten Juden in ihrem Glauben zu stärken, ließ den Illustrator aber die Geschichte in Einzelbildern, so wie sie von der jüdischen Tradition verstanden wurde, darstellen. Eine Szene sei hier näher beschrieben, es handelt sich um die Illustration zu Ester 6,11.

Die Vorgeschichte: Der persische König erfuhr, dass Mordechai einen Anschlag auf ihn (den König) vereiteln konnte, und wollte ihn für diese große Loyalität auszeichnen. So rief er Haman, der eben dabei war, dem König mitzuteilen, dass man Mordechai an dem von ihm aufgestellten Galgen aufhängen solle.

Der König fragte ihn also:

Was soll mit einem Mann geschehen, den der König besonders ehren will? Haman dachte: Wen könnte der König wohl mehr ehren wollen als mich? Deshalb sagte Haman zum König: Wenn der König einen Mann besonders ehren will, lasse er ein königliches Gewand holen, das sonst der König selbst trägt, und ein Pferd, auf dem sonst der König reitet und dessen Kopf königlich geschmückt ist. Das Gewand und das Pferd soll man einem der vornehmsten Fürsten des Königs geben und der soll den Mann, den der König besonders ehren will, bekleiden, ihn auf dem Pferd über den Platz der Stadt führen und vor ihm ausrufen: So geht es einem Mann, den der König besonders ehren will.
Darauf sagte der König zu Haman: Hol in aller Eile das Gewand und das Pferd, und tu alles, was du gesagt hast, mit dem Juden Mordechai, der am Tor des Palastes sitzt.

Ester 6,6-10

Mordechai, so die jüdische Tradition, dachte nun, dass er sich vor der Ehrung noch baden und rasieren müsse, und Haman musste ihm sogar noch als Badediener und Barbier zu Diensten sein.

Haman nahm das Gewand und das Pferd, kleidete Mordechai ein, führte ihn auf dem Pferd über den Platz der Stadt und rief vor ihm aus: So geht es einem Mann, den der König besonders ehren will.

Ester 6,11

Die legendenhafte Erweiterung der biblischen Geschichte zeigt unsere kleine Illustration im Leipziger Machsor:

Detailscan Leipziger Machsor 51v

Leipziger Machsor 51v, Illustration zu Ester 6,11

Als nämlich der Festzug mit Mordechai am von Haman geführten Pferd am Haus des Haman vorbeikam, sah die Tochter Hamans vom Dachgeschoß aus zu und wollte den Mordechai noch mehr demütigen. Sie dachte selbstverständlich, dass Mordechai das Pferd führe und ihr Vater Haman der geehrte Reitende sei!
So schüttete sie den Inhalt ihres Nachttopfes dem Pferdeführer auf den Kopf. Erst als Haman sich umdrehte, erkannte sie, dass sie nicht Mordechai, sondern ihren Vater kompromittiert hatte, und stürzte sich aus dem Dachfenster hinunter zu Tode.

Das Bild oben zeigt also eigentlich nicht nur eine Szene, sondern zwei: (1) Die Tochter Hamans schüttet den Nachttopf über ihren Vater und (2) sie liegt – zu Tode gestürzt – am Boden.


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