Das Testament einer bedeutenden Frau

Frumet “Babe” Wolf

Die bedeutendste und prominenteste Familie des jüdischen Viertels von Eisenstadt in jüngerer Zeit – die “burgenländischen Rothschilds”, wie sie der Mattersburger Arzt und Schriftsteller Richard Berczeller einmal nannte – war zweifellos die reiche Weinhändlerfamilie Wolf. Die jüdische Gemeinde hatte ihr u.a. eine Reihe von Wohltätigkeitsstiftungen und Institutionen – wie etwa einen Montessori-Kindergarten (außerhalb des jüdischen Viertels) – zu verdanken. Erwähnt muss vor allem Alexander (Sándor) Wolf werden, Weinhändler und mit seiner beachtlichen Sammlung Mitbegründer des heutigen Landesmuseums. Sándor Wolf war übrigens der Sohn von Ignaz Wolf, dem jüngsten Sohn von Leopold Wolf. Franziska (Frumet) “Babe” Wolf ist daher die Urgroßmutter von Sándor Wolf.

Die Wurzeln der Familie reichen bis in die Wiener jüdische Gemeinde zurück. In Eisenstadt ist erst der ca. 1718 verstorbene Benjamin Wolf Austerlitz greifbar, der höchstwahrscheinlich als Wiener Exulant vor 1690 über Nikolsburg hierhergekommen war und somit zu den Gründervätern der wiederrichteten Gemeinde zählte. Sein Sohn, Salman ben Wolf Jeiteles ha-Levi Austerlitz, starb 1725 in Eisenstadt. Dessen Enkel, Chajjim Wolf ha-Levi Kittsee, verdankte den Beinamen “Kittsee” seinem Vater Meir Kittsee, der offenbar eine Zeitlang in der jüdischen Gemeinde Kittsee wohnhaft war. Er nannte sich mit bürgerlichem Namen Joachim und übernahm den (ursprünglichen) Vornamen Wolf in seinen Namen, sodass er als Stammvater im engeren Sinn der Familie Wolf bezeichnet werden darf.
Joachim Wolf war bemüht, sich weltliche Bildung anzueignen, und nützte die Zeit der josephinischen Toleranz, um als Kaufmann weite Reisen zu unternehmen. 1790 schließlich gründete er in Eisenstadt eine Weinhandlung.

Besonders seine zweite Frau, Frumet Brilin, mit bürgerlichem Namen Franziska (Fanni), geboren ca. 1770 und in der Gemeinde schlicht “Babe Frumet” genannt, war wohl eine der faszinierendsten Frauen in der Geschichte der jüdischen Gemeinde Eisenstadt.
Endlich konnten wir im Zuge unseres großangelegten Friedhofsprojekts den Grabstein von Frumet Wolf und jene von zwei ihrer Söhne, Leopold und Asriel (Israel), finden.

Wachstein schreibt über sie:

“Es war wirklich eine außergewöhnliche Frau, diese Frumet oder Franziska Wolf, … außergewöhnlich durch die Herzensgüte … sowie durch die Tatkraft und den scharfen Verstand, die sie in hervorragendem Maße auszeichneten. Güte, Verstand und Energie vereinigen sich selten in einem und demselben Menschen, zumal bei einer Frau (sic!)….
Die Frau stand mitten im Erwerbsleben wie der Mann, ja oft noch mehr als der Mann, der zuweilen gelehrten oder jenseitigen Dingen nachhing …

Die Heirat mit Chajjim Wolf, dessen zweite Frau sie war, geschah im Jahre 1786. Die Ehepakten sind vom Donnerstag, 2. Adar II 546 = 2. März 1786 datiert.”

Als Joachim Wolf, nach 37-jähriger Ehe, seinen Tod nahen fühlte, übergab er sein ganzes Vermögen seiner Frau. Diese überlebte ihren Mann um 26 Jahre und blieb nun Zeit ihres Lebens anerkanntes Familienoberhaupt. 19 Jahre vor ihrem Tod, im Jahr 1830, verfasste sie ihr viele Seiten umfassendes Testament, das hier in zwei kurzen Auszügen wiedergegeben werden darf:

Scan Faksimile Testament Franziska Wolf

Scan Faksimile Testament der Franziska (Frumet) Wolf, 1830.


Hier, meine lieben Kinder! habe ich meinen letzten Willen kundgegeben. Wenn nun manche von euch besser bedacht zu werden geglaubt, und manche wieder lieber gewünscht, dass ich gar kein Testament gemacht hätte; so finde ich dieses zwar sehr natürlich, allein, glaubet mir, so schwer, ja, so unmöglich es beinahe ist, in einem Testamente den Wünschen allen dabey Betheiligten ganz zu entsprechen, eben so ungerecht und unvernünftig ist es, da, wo Missverhältnisse obwalten, ohne Testament die seinigen zu verlassen, und solcher gestalt die Vertheilung seiner Verlassenschaft den bestehenden Gebräuchen oder Gesetzen zu überlassen, die doch keinen Unterschied machen, noch machen können.

Das Testament regelt dann in einzelnen Punkten alle finanziellen Angelegenheiten rund um Barvermögen, Haus und Besitz, die Synagogensitze, ihre Kleinodien, Wäsche und Kleidungsstücke, alle von ihren Töchtern oder Schwiegersöhnen ausgestellten Wechsel oder Obligationen und formuliert die Pflichten der Söhne wie, etwa dass diese “am Sterbetage ihres seligen Vaters 10 F., schreibe zehn Gulden in Silberzwanziger, zu gleichen Theilen … an den jedesmahligen Orts-Rabiner und an Arme und Nothleidende zu verteilen haben” …

Das Testament schließt mit ausgesprochen schönen mahnenden Worten:

Zum Abschiede sollt ich euch, meine lieben Kinder, Lehren und Lebensregeln hinterlassen, da Ihr aber alle erwachsen seyd, so kann ich euch keine solchen geben, wie man sie unmündigen Kindern zu geben pflegt, ich werde mich daher auf einige zwar allgemeine, aber wichtige Lehren beschränken:
Vornehmlich vermahne ich euch zur Tugend und Gottesfurcht, ohne welche Ihr weder ganz glücklich auf Erden, noch jenseits Ruhe und Belohnung finden werdet. Seyd mit eurem Geschick, und mit dem, was Ihr habt, zufrieden und richtet Eure Bedürfnisse nach eurem Einkommen ein, seyd friedfertig gegen Jedermann und unter Euch selbst. Lasset ja verderblichen Familien-Zwist keinen Zugang zu euch finden. Seyd vielmehr einig und unterstützt euch gegenseitig mit Rath und That. Ihr müsst Euch näher und fester einander anschliessen. Ihr habt es nöthig und werdet es mehr als jemahls nöthig haben, wenn der für euch mehr als für mich, traurige Fall eintritt, dass eure Mutter aus eurer Mitte euch entrissen wird, und so – gleichsam der Mittelpunkt seinem Kreise entschwindet. – Lebet wohl und empfanget hiermit den Segen.

Eurer bis in den Todt treuen Mutter
S. S. Fani Wolff.
Eisenstadt, am 8-ten September 830.

Scan Faksimile Testament Franziska Wolf

Scan Faksimile Testament der Franziska (Frumet) Wolf, 1830.

Alle Zitate: Wachstein B., Die Grabinschriften …, a.a.O., 252ff


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