Isak Hirsch Weiss – Meine Erinnerungen

Einer der größten jüdischen Wissenschaftler im Wien des 19. Jahrhunderts war Isak Hirsch Weiss. Einige Jahre verbrachte er auch in Eisenstadt, ein gutes Zeugnis stellt er der hiesigen Jeschiwa allerdings nicht aus …

Am 13. Februar 1815 in Groß-Meseritsch (an der böhmischen Grenze) in Mähren geboren, begann die Erziehung von Weiss wie üblich im Cheder, wo er die Bibel nach der Mendelssohn’schen Übersetzung sowie Mischna und später Talmud und Grammatik lernte. Zuhause brachte man ihm weltliches Wissen bei.

Im Jahr 1830, also mit 15 Jahren, übersiedelte Weiss nach Ungarn, genauer nach Eisenstadt, wo er die Jeschiwa besuchte. Sein Lehrer war ein Landsmann von ihm, Rabbi Isaak Mosche Perles, dessen Söhne Abraham und Zvi Hirsch am älteren jüdischen Friedhof von Eisenstadt begraben sind. (Zu Rabbiner Perles selbst siehe die Anmerkung bei seinem Sohn Zvi.)

Im Jahre 1830 kam ich, ein 15jähriger Knabe, nach Eisenstadt. Mein Lehrer nahm mich mit besonderer Freundlichkeit auf und behandelte mich auch fernerhin mit herzlichem Wohlwollen. Hierzu trug der Umstand wesentlich bei, dass er meinen Onkel sehr schätzte [Es handelt sich um Michl Weiss, bei dem der Neffe in Eisenstadt wohnte und dessen Grab wir im Zuge unseres großen Friedhofsprojekts finden konnten].

Wer einen Begriff von der Wesensart der damaligen ungarischen Jeschiwot hat, dem brauche ich nicht näher auseinanderzusetzen, dass sich mir in Eisenstadt ein ganz neuer Anblick darbot. Die Anzahl der Zöglinge war recht groß und die meisten stammten aus Ungarn. … Viele von den Bachurim waren gewandte Pilpulisten und bekundeten großen Scharfsinn in der halachischen Diskussion, aber nur wenige besaßen außerhalb des Bereichs der Gemara irgendwelche literarischen oder wissenschaftlichen Kenntnisse, und diese wenigen stammten aus Mähren oder Böhmen. Unter den ungarischen Bachurim fand ich hingegen keinen einzigen, der die ganze Bibel durchgenommen hatte, und der etwas von der hebräischen Grammatik verstand, geschweige denn, dass einer von ihnen profanes Wissen besessen oder auch nur Neigung gezeigt hätte, sich solches Wissen anzueignen. Über diesen Anblick war ich entsetzt. Schon zur Zeit meines Studiums in der Jeschiwa meines ersten Lehrers hatten die Studiengefährten mir Angst gemacht, ich würde mich aller außertalmudischen Studien enthalten müssen, falls ich eine ungarische Jeschiwa besuchen wollte. Sie erzählten mir, in Ungarn gelte die Beschäftigung mit weltlichen Studien als eine Sünde, und die dortigen Rabbiner hielten ihre Schüler von jeglicher Lektüre deutscher Bücher ab, ja selbst die hebräische Grammatik und das nichttalmudische hebräische Schrifttum seien dort als ‚profane Wissenschaft‘ streng verpönt.

Weiss schildert danach sehr anschaulich, wie solche Jeschiwazöglinge, die sich gegen jegliches weltliche Wissen wandten, Kollegen, die anders dachten, mit Lügen beim Lehrer anschwärzten. Immer wieder, so Weiss, wurden über ihn Geschichten erfunden, bis es ihm reichte und er schon nach zwei Jahren einfach kurzerhand die Jeschiwa verließ und nach Nikolsburg ging. Weiss lässt diesbezüglich kein gutes Haar an den ungarischen Jeschiwot:

Es gab um jene Zeit fast keine Jeschiwa, in der diese Seuche nicht verbreitet war; überall wucherte das Angebertum unter den Bachurim.

Auch in Nikolsburg blieb Weiss nur zwei Jahre, verbrachte die folgenden Jahre im Haus seiner Eltern, bis er 1858 nach Wien kam und da eine Stelle als Korrektor in der berühmten Druckerei von Samarski und Ditmarsch erlangte. Nach drei Jahren wurde er als Rabbiner und Lehrer ans Bet- ha-Midrasch, das von Dr. Adolf (Ahron) Jellinek gegründet worden war, berufen, wo er bis zu seinem Lebensende als Lektor wirkte.

Zwischen 1871 und 1891 erschien sein fünfbändiges Hauptwerk „Dor dor we-dorschaw (Die einzelnen Zeitalter und ihre Wortführer)“, das eine systematische Literaturgeschichte der Halacha oder des mündlich überlieferten Toragesetzes von der biblischen Zeit bis nach der Vertreibung der Juden aus Spanien darstellt.

5 Bände Dor dor we-dorschaw

Deutsch wird „Dor dor we-dorschaw“ meist zitiert als „Zur Geschichte der jüdischen Tradition“, im Englischen „The History of the Jewish Tradition“. Es handelt sich dabei hauptsächlich um ein erzählendes, deskriptives Werk, nicht primär um eine kritische Arbeit. Weiss hielt etwa fest an der mosaischen Urheberschaft des Pentateuchs und damit eben an Avot 1,1: מֹשֶה קִבֵל תוֹרָה מִסִינָי (Moses empfing die Tora vom Sinai). Genau dieser Punkt war auch der Hauptkritikpunkt für viele Gelehrte, wie etwa Abraham Geiger, der das Werk Weiss‘ als zu traditionell und unkritisch bezeichnet. Und das, obwohl sich Geiger, der 1874 starb, nicht einmal auf Dor dor we-dorschaw beziehen konnte. Von orthodoxen Gruppen wiederum wurden die Ansichten von Weiss als ketzerisch verdammt.

Weiss – und dies gilt für sein gesamtes Oeuvre – ist ein Meister der Detailmalerei. Mit unzähligen Details liefert er uns ein Bild der Begründer der Wissenschaft des Judentums, seien dies die Gelehrten des Ostens wie Salomo Juda Rapoport, der spätere Oberrabbiner von Prag, Nachman Krochmal oder Isak Bär Levinsohn. Genauso ausführlich detailliert widmet er sich den Gründern der Wissenschaft des Judentums im Westen wie Leopold Zunz, Samuel David Luzzatto, dem Dozenten an der ersten wissenschaftlichen Rabbinerlehranstalt, dem Collegio Rabbinico in Padua, das 1829 gegründet wurde, Isak Samuel Reggio, der die Gründung dieses Rabbinerseminars anregte, Heinrich Graetz, dessen elfbändige „Geschichte der Juden von den Anfängen bis auf die Gegenwart“ das erste moderne umfassende jüdische Geschichtswerk des späten 19. Jahrhunderts ist, und dem schon genannten Abraham Geiger.

Weiss starb am 30. Mai 1905 im 91. Lebensjahr in Wien.

Zitiert wurde oben aus „Zichronotai“ (Meine Erinnerungen), dem autobiografischen Werk von Weiss, das zu seinem 80. Geburtstag im Jahr 1895 in Warschau erschien und im vollen Titel „Meine Erinnerungen – von meiner Kindheit bis ich 80 wurde“ lautet.


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