Archiv jüngerer jüdischer Friedhof Eisenstadt

Elisabeth (Libele) Wil(l)heim, 01. Ijjar 661 (= Schabbat, 20. April 1901)

Standortnummer: 624

  • Grabstein Wil(l)heim Elisabeth - 20. April 1901

    Foto 1993

  • Grabstein Wil(l)heim Elisabeth - 20. April 1901

    Foto 2016


Die Grabinschrift

Inschrift Elisabeth Wil(l)heim: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] H(ier liegt) b(egraben) פנ
[2] die edle, g(ottes)fürchtige Frau, sie möge gepriesen werden. Die Einflussreiche, האשה היקרה יראת ה היא תתהלל, הקצינה
[3] Frau Libele, מרת ליבלא
[4] Witwe des prachtvollen und verehrten, אלמנת המפואר והנכבד
[5] e(hrenhafen) H(errn) Mose Wilheim, s(ein Andenken) m(öge bewahrt werden). כ“ה משה ווילהיים ז“ל
[6] Sie starb am h(eiligen) Sch(abbat), dem 2. N(eu)m(ond)t(ag) Ijjar, מתה ביום ש“ק ב’ דר“ח אייר
[7] und wurde begraben am Montag, im Jahr 661 n(ach der) k(leinen) Z(eitrechnung). ונקברה ביום ב שנת תרסא לפ“ק
[8] Zur Höhe bist du aufgestiegen, du, Edelste unter den Frauen! למרום עלית את יקרה בנשים!
[9] Du wusstest deinen Weg zu gehen auf dem Erdkreis, Gespriesene unter den Frauen! ידעת לכתך בתבל תבורך מנשים,
[10] Im Haus und außerhalb des Hauses warst du g(ottes)fürchtig in deinen Handlungen. בבית ובחוץ יראת ה בפעולתך,
[11] Nach deinem Mann hattest du Verlangen, du hast ihn mit deiner Hilfe unterstützt. לאישך תשוקתך חזקתיו בעזרתך,
[12] Liebe und Ehre, Bescheidenheit und Verbundenheit gehörten zu deinen Eigenschaften. אהבה וכבוד ענוה וחסד מנת מדתך,
[13] Du hast dich um ihn mit Herz und starker Seele gekümmert. ותהי לו סוכנת בלב ונפש קשורה,
[14] Deine Hand griff nach dem Spinnrocken, und in jeder Handlung lag die Fähigkeit, ידיך שלחת בכישור ובכל מפעל כושר
[15] gleichzeitig Wohltätigkeit und Liebesdienste zu üben, Gutes und Glück zu bringen. לעשות יחד צדקה וחסד טוב ואושר.
[16] Seht, ihr hattet eine gute Rebe; eine reine Opfergabe הא לכם זרע אמת מנחה טהורה
[17] wurde Gott, dem Furchtgebietenden, gebracht. Die Mühe eurer Hände ויובל שי למורא יגיעת כפיכם
[18] waren das Beste vom Himmel, von oben. Gepriesen möget ihr beide sein. ממגד שמים ממעל תבורכו גם שניכם
[19] I(hre) S(eele) m(öge eingebunden sein) i(m Bund) d(es Lebens). תנצבה

Sockel

Inschrift Elisabeth Wil(l)heim Sockel: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] Friedländer & Deutsch Wien



Anmerkungen

Zeile 2: Vgl. Richter 5,24 „…gepriesen (sei Jael) unter den Frauen im Zelt…“ תברך מנשים יעל…. Im Targum zur Stelle wird die Frau als eine interpretiert, die im Bet ha-Midrasch (im Lehrhaus) dient; im Kommentar des Raschi zur Stelle wird die Frau mit den Frauen der Patriarchen, Sara, Rebekka und Lea, gleichgesetzt. Wohl auch als Anspielung auf das „Zelt der Tora“ (vgl. Genesis 25,27) zu verstehen; s. auch Babylonischer Talmud, Traktat Nasir 23b.

Zeile 10: Wörtl: „in deiner Handlung“

Zeile 11: Vgl. Genesis 3,16 „…du hast Verlangen nach deinem Mann…“ …ואל אישך תשוקתך….

Zeile 12: Vgl. Sprüche 15,33; 18,12 „…und Demut geht der Ehre voran“ …ולפני כבוד ענוה.

Zeile 13: 1 Könige 1,2 ותהי לו סכנת; s. auch 1 Könige 1,4.

Zeile 14: Sprüche 31,19 ידיה שלחה בכישור.

Zeile 16: Jeremia 2,21 זרע אמת.

Maleachi 1,11 ומנחה טהורה.

Zeile 17: Vgl. Psalm 76,12 „…bringt Gaben ihm, den ihr fürchtet“ …יובילו שי למורא.

Vgl. bes. Psalm 128,2 „Was deine Hände erwarben, kannst du genießen (wörtl.: ‚essen‘); Heil dir, es wird dir gut gehen“ יגיע כפיך כי תאכל אשריך וטוב לך. Babylonischer Talmud, Traktat Berachot 8a „Größer ist wer von seiner Arbeit genießt, als der Gottesfürchtige…Heil dir in dieser Welt und wohl dir in der zukünftigen…“ …גדול הנהנה מיגיעו יותר מירא שמים…אשריך בבעולם הזה וטוב לך לעולם הבא…. S. auch Chullin 44b. Mit „ihr beide“ in der Übersetzung könnten u. U. auch die Verstorbene und ihr ebenfalls verstorbener Ehemann gemeint sein.

Zeile 18: Deuteronomium 33,13 ממגד שמים. Da in diesem Vers von Naturgütern die Rede ist und wörtlich auch vom Tau gesprochen wird, könnte das Zitat an die rabbinische Traiditon, dass „das Bewusstsein vom Zusammenhang des Lebens der Natur (Regen) mit dem menschlichen Leben (…) und von daher auch mit der Auferstehungslehre der Toten zusammenhängt, anknüpfen. Vgl. dazu u.a. Tanchuma Buber Toldot 19 „Der Tau ist ein Zeichen für die Auferweckung der Toten…“ (s. Stemberger G., Zur Auferstehungslehre in der rabbinischen Literatur, in: Studium zum rabbinischen Judentum, Stuttgart 1990, 47-88 [= Kairos 15 (1973), 238-266], Seite 54-58.).

Zeile 8-18: Akrostychon: Die Anfgangsbuchstaben ergeben den hebräischen Vornamen und den Nachnamen der Verstorbenen (Libele Wilheim).


Biografische Notizen

Elisabeth (Libele) Wil(l)heim, Private, gest. mit 81 Jahren an Entkräftung. „Wil(l)heim“ ist am Grabstein von Moritz Willheim hebräisch mit Doppel-„l“, auf dem von Elisabeth nur mit einem „l“ geschrieben; wh: Unterberg Eisenstadt 1.


Vater: Jakob Pollak
Mutter: in den Sterbematriken nicht genannt


Ehemann: Moritz (Mose) Willheim, gest. 29. September 1893


Material und Maße des Grabsteins

Diorit, 195/78/40

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