Archiv jüngerer jüdischer Friedhof Eisenstadt

Moritz (Mose) Willheim, 19. Tischre 654 (= Freitag, 29. September 1893)

Standortnummer: 207

  • Grabstein Willheim Moritz - 29. September 1893

    Foto 1993

  • Grabstein Willheim Moritz - 29. September 1893

    Foto 2016


Die Grabinschrift

Inschrift Moritz Willheim: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] ein edler Mann, der untadelig lebte und Gerechtigkeit übte. Er war g(ottes)fürchtig und verehrte über alles איש יקר הולך תמים ופועל צדק וירא ה’ מרבים מוקיר
[2] unsere Lehrer. D(er) e(hrenhafte) H(err) R(eb) Mose Willheim, s(eine Ruhe) m(öge im Garten Eden sein). Er verstarb רבנן, כ“ה“ר ר’ משה וויללהיים נ“ע נפטר
[3] am 3. Z(wi)s(chen)f(ei)e(r)t(ag) von Sukkot 654 n(ach der) k(leinen) Z(eitrechnung). ביום ג’ דח“וה“מ סוכות ת“רנ“ד לפ“ק.
[4] H(ier liegt) b(egraben). פנ
[5] Von deiner Stätte, an der du weiltest, bist du in den Himmel gerufen worden und hinaufgegangen. ממכון שבתך השמימה קראוך ועלית,
[6] Einen guten Namen unter den Söhnen und Töchtern in deiner Gemeinde hast du dir erworben. שם טוב מבנים ובנות בעדתך קנית,
[7] Wahrlich, auf dem Weg der Glaubenden und Untadeligen bist du geschritten, הן בדרך אמונים ותמימים אשרת,
[8] du hast die Tora mehr als Gold und alle Gebote mehr als Perlen hochgehalten. ותורה מפז ומצוה מפנינים הוקרת:
[9] Gottesfürchtig warst du von deiner Jugend an, und so wie deine Tage in der Jugend gut waren, so waren sie es auch im Alter. ירא אלהים מנעוריך וכימיך דבאיך,
[10] Das Studium der Tora hast du gefördert und mit deiner Rechten Hilfe geleistet. למוד התורה החזקת והושעת בימינך:
[11] Du hast immer wieder den Waisen geholfen und hast an den Aufrichtigen recht gehandelt. היית עוזר ליתום ומתמם עם תמימים,
[12] Deine Ruhe sei beschützt in Gottes Garten Eden. מנוחתך תהי נכונה בעדן גן אלהים:
[13] S(eine) S(eele) m(öge eingebunden sein) i(m Bund) d(es Lebens). תנצבה

Sockel

Inschrift Moritz Willheim Sockel: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] Sommer & Weniger Wien



Anmerkungen

Zeile 1-4: Die ersten drei Zeilen sind in der Grabinschrift im Rundbogen geschrieben, die Einleitungsformel „Hier liegt begraben“ steht – aus dem Kontext genommen und nur der Form geschuldet – in Zeile 4.

Zeile 1: Psalm 15,2 הולך תמים ופעל צדק; vgl. auch Sprüche 28,18 הולך תמים; Babylonischer Talmud, Traktat Makkot 24a setzt den makellos Wandelnden mit Abraham gleich …הולך תמים זה אברהם… mit Verweis auf Genesis 17,1 „…er (der Herr) sprach zu (Abraham):…sei rechtschaffen“ …ויאמר אליו…והיה תמים.

Zeile 2: Die abbrevierte Euphemie nach dem Namen wurde aufgelöst in נוחו עדן, wörtl.: „sein Ruhen ist Eden“. Möglich wäre auch נשמתו עדן o.ä. „Seine Seele ist Eden“. „Eden“ wird als Aufenthaltsort der verschiedenen Seele verstanden, später als Wohnort der Seligen, aber auch als vollkommenster Ausdruck der Belohnung (s. Zunz L., Zur Geschichte und Literatur, Berlin 1845, 341ff).

Zeile 3: Der 3. Zwischenfeiertag von Sukkot ist der 19. Tischre, das ist im Jahr 654/1893 der 29. September.

Zeile 5: Exodus 15,17; 1 Könige 8,13 מכון לשבתך; vgl. auch Pirqe Avot VI,10 u.a. Der Satz ist gewöhnlich nicht wörtlich zu nehmen, „Ort, wo Gott wohnt“ ist im übertragenen, geistigen Sinn zu verstehen.

Zeile 6: קנה שם טוב. Der gute Name kommt im Gegensatz zu allen anderen geistigen und sittlichen Gütern fast ausschließlich dem Besitzer zugute und bleibt auch nach dem Tod sein eigen (Hirsch Samson Raphael, Siddur. Israels Gebete, Zürich-Basel 1992, 443); s. auch Avot IV, 7 „… Drei Kronen gibt es: die Krone der Tora, die Krone des Priestertums und die Krone des Königtums; die Krone des guten Namens aber erhebt sich über sie“ ‎‏‏ … שלשה כתרים הן: כתר תורה וכתר כהונה וכתר מלכות: וכתר שם טוב עולה על גביהן.

Zeile 7: Vgl. Psalm 119,30 „Den Weg des Glaubens habe ich gewählt“ דרך אמונה בחרתי….

Zeile 8: Vgl. u.a. Psalm 119,127 „Deine Gebote liebte ich mehr als Gold“ על כן אהבתי מצותיך מזהב ומפז und Ijob 28,18 „…weilt über Perlen geht der Weisheit Besitz“ …ומשך חכמה מפנינים.

Zeile 9: Deuteronomium 33,25 וכימיך דבאך. Diese schwer zu übersetzenden Worte (etwa Buber-Rosenzweig: „und gleich deinen Tagen sei dein Behagen“) werden durch die Interpretation des Raschi verständlich: „…und so wie die Tage, die dir lieb waren, d.h. die Tage deines Anbeginns deiner Jugend, so werden auch die Tage deines Alters sein, die hinwegfliehen, zerfließen und sich neigen…“.

Zeile 11: Psalm 10,14 יתום אתה היית עוזר.

Psalm 18,26 עם…תמים תתמם.

Zeile 12: „Beschützte (oder „verdiente“) Ruhe“ מנוחה נכונה aus dem Gebet „El Male Rachamim…“ אל מלא רחמים…, das am Friedhof gebetet wird. Die Worte finden sich auch in anderen Friedhofsgebeten wie im „Herr, barmherziger Vater…“ אנא אב הרחמים….

„Eden“ vgl. oben Anm. zu Zeile 2.

Zeile 5-12: Akrostychon: Die Anfangsbuchstaben zuzüglich des zweiten und dritten Buchstabens des ersten Wortes in Zeile 11 ergeben den hebräischen Vornamen und den Nachnamen des Verstorbenen (Mose Wil(l)heim).


Biografische Notizen

Moritz (Mose, Matriken ung.: „Mor“) Willheim, Privatmann, geb. in Groß Meseritsch (Mähren), gest. mit 74 Jahren an einem Herzfehler in Unterberg-Eisenstadt 1.


Ehefrau: Elisabeth (Libele) Wilheim (Willheim), gest. 20. April 1901

Matriken Moritz Willheim

Matriken Tod Moritz Willheim


Material und Maße des Grabsteins

Syenit, 191/80/40

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