Archiv jüngerer jüdischer Friedhof Eisenstadt

Moritz (Mose) Kretsch, 18. Tevet 688 (= Mittwoch, 11. Jänner 1928)

Standortnummer: 221

  • Grabstein Kretsch Moritz - 11. Jänner 1928

    Foto 1993

  • Grabstein Kretsch Moritz - 11. Jänner 1928

    Foto 2016


Die Grabinschrift

Inschrift Moritz Kretsch: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] H(ier liegt) b(egraben) פנ
[2] der in der Halacha und Haggada ausgezeichnete Rabbiner und Richter. הרב הדיין המצויין בהלכה ואגדה
[3] Ein Großer war er in Lehre und G(ottes)-furcht, und Bescheidenheit gehörte dazu. גדול בתורה ביראת ה’ וענוה נצמדה
[4] Er war ein großer und edler Gelehrter der Schrift und bewandert in ihrer Lehre. ספרא רבא ויקרא ובקי בתלמודה
[5] Gleichermaßen ein Meister der logischen talmudischen Diskussion und in der Schrift Bewanderter. בעל פלפול וסברא בליבונא וחד“ודא
[6] D(ie Ehre) s(eines Namens) w(ar seine Zier), der MORENU Mose Kretsch, d(as Andenken) d(es Gerechten) m(öge bewahrt werden). כש“ת מו’ה משה קרעטש ז“צל
[7] Mose w(ar) ein Hirte der heiligen Herde und ein Lehrer mit dem Ziel, Nutzen zu bringen ומשה ה’ רועה צאן קדשים ומלמד להועיל
[8] der Elementarschule und der Talmudschule. Mose erforschte auch gründlich בבית הספר והתלמוד וגם דרש דרש משה
[9] d(ie örtlichen) L(ehrmeister) seiner Wirkungsstätte. Es schloss sich ihm jeder an, der dürstete מד’ שבת בשבתו ונועדו אליו כל צמא
[10] nach dem Wort G(ottes), um zu lauschen und dem Studium beizuwohnen. לדבר ה’ להעיר אזן לשמע בלמודים.
[11] Mose, Sohn der Bella, stieg auf zum gerechten Lehrer und Richter. ומשה בן בילא עלה למורה צדק ודיין,
[12] Er lernte und lehrte mehr als 40 Jahre, למד ולימד יותר מארבעים שנה,
[13] und seine Hände war(en) erhoben, bis seine Sonne unterging. S(eine Seele) g(ing hinweg) והי’ ידיו אמונה עד בא שמשו וי’. נ.
[14] am 18. Tevet 688 n(ach der) k(leinen) Z(eitrechnung). ביום חי’ טבת תרפח לפ“ק
[15] S(eine) S(eele) m(öge eingebunden sein) i(m Bund) d(es Lebens). תנצבה



Anmerkungen

Zeile 1: „Halakha“, von הלך „gehen“, bezeichnet, grob beschrieben, das jüdische Religionsgesetz und meint das richtige Handeln gemäß den Vorschriften Gottes. „Haggada“ (in palästinischen Texten „Aggada“), von להגיד „sagen“, bezeichnet den Prozess der v.a. mündlichen Weitergabe, die Erzählung.

Zeile 4: Targum Onqelos zu Deuteronomium 33,21 ספרא רבא über Mose. Das Zitat wurde wegen des Vornamens des Verstorbenen gewählt. S. auch Raschi zur Stelle, der für seine Deutung auf Sifre Deuteronomium verweist: „…er tat das Rechte Gottes, ist über Mose ausgesagt“ …צדקת ה’ עשה על משה אמור (ע’ ספרי).

Zeile 5: Babylonischer Talmud, Traktat Baba Batra 145b בעל פלפול.

Vgl. babylonischer Talmud, Traktat Sanhedrin 21b „Welche ist die hebräische Schrift? R. Chisda erwiderte: Die ‚Libunaah‘-Schrift“ מאי כתב עברית אמר רב חסדא כתב ליבונאה. Das Wort leitet sich wahrscheinlich von der Wurzel לבן „weiß sein -> klar sein“ ab.

Zeile 6: MORENU bedeutet wörtlich „u(nser) L(ehrer), H(err)“. Den MORENU-Titel erhielten nur besonders gelehrte Männer, Bernhard Wachstein bezeichnet ihn als „synagogaler Doktortitel“ (siehe Bernhard Wachstein, Die Inschriften des Alten Judenfriedhofes in Wien, 1. Teil 1540 (?)-1670, 2. Teil 1696-1783, Wien 1912, 2. Teil, S. 15).

Zeile 7: Vgl. bes. Ezechiel 36,38 „Wie die zum Opfer geweihten Schafe..“ כצאן קדשים…; wörtl.: „Herde der Heiligen“.

Zeile 8: Leviticus 10,16 דרש דרש משה; wörtl.: „Mose erforschte…“. Auch wurde der Bibelvers in Anspielung auf den Vornamen des Verstorbenen gewählt.

Zeile 9: Abbreviatur von מרי דאתרא.

Zeile 10: Vgl. Jesaja 50,4 „…jeden Morgen weckt er mein Ohr…“ …בבקר בבקר יעיר לי אזן….

Zeile 13: Exodus 17,12 ויהי ידיו אמונה עד בא השמש; wörtl.: „…er (Mose) war, seine Hände Ehrlichkeit (Treue)…“ (die meisten Bibelübersetzungen übersetzen etwa: „Seine Hände waren erhoben, bis die Sonne unterging“). Siehe Raschi zur Stelle, der erklärt, dass Mose in der Verfassung war, dass sich seine Hände in Pflichttreue befanden, zum Himmel gerichtet und begründet dies mit dem Singular des Verbs ויהי, dessen Subjekt nicht die Hände ידיו, sondern Mose sein müsse.


Biografische Notizen

Moritz (Mose) Kretsch, Rabbiner-Stellvertreter; geb. 04. Dezember 1860 in Nográd-Ecseg; wh: Unterberg-Eisenstadt 11, gest. 11. Jänner 1928 in Wien VIII, Gürtel 97 an Rückenmarksentzündung, „überführt zur Beerdigung am 12. Jänner 1928“

Matriken Tod Moritz Kretsch

Matriken Tod Moritz Kretsch, Eintrag Wien


Jahrzeittafel Mose Kretsch

Jahrzeittafel Mose Kretsch
Jahrzeittafel-Installation in der Synagoge unseres Museums

Jahrzeittafel von Mose Kretsch – die Übersetzung:

Jahrzeittafel Moritz Kretsch: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] Jahrzeit des יאהרצייט של
[2] Rabbinischen, MORENU הרבני מוה
[3] Mose משה
[4] Kretsch, קרעטש
[5] Sohn der Bila, בן בילא
[6] 18. Tevet יח’ טבת


Immerhin wissen wir durch die Jahrzeittafel den Synagogalnamen der Mutter: Bila.
Ausführliche Informationen über die Jahrzeit und die Jahrzeittafel-Installation in der Synagoge des Museums finden Sie im Artikel Jahrzeit.

Ehefrau (1): Johanna Maier, geb. in Kobersdorf oder Neunkirchen (widersprüchliche Einträge, leider keine Geburtsmatriken gefunden), gest. mit 42 Jahren an Lungenentzündung, Tochter des Moses Meier/Maier, Weinhändler und der Leonore Hirsch, Breslau

Ehefrau (2): Mathilde (Matel) Windholz (in erster Ehe „Hirsch“), Pensionistin, geb. 24. Jänner 1867 in Hornstein 137, Tochter des Abraham Windolz und der Fanny Meyer, geh. 17. November 1905

Matriken Geburt Mathilde (Matel) Windholz

Matriken Geburt Mathilde (Matel) Windholz


Töchter aus 1. Ehe:
Regina Kretsch, Haushalt, geb. 28. März 1888, geh. 18. August 1912 Adolf Gold, Witwer, Tischlermeister, geb. 27. Juni 18678, zuständig nach Wien, wh.: Wien III, Radetzkystraße 26, Sohn des Löwi Gold und der Leni Wolf

Matriken Hochzeit Regina Kretsch und Adolf Gold

Matriken Hochzeit Regina Kretsch und Adolf Gold


Helene Kretsch, geb. 24. April 1895

Klara Kretsch, geb. 25. April 1896, gest. 21. Jänner 1897 an Fraisen

Matriken Tod Klara Kretsch

Matriken Tod Klara Kretsch


Sohn: (aus 1. Ehe) Wilhelm Kretsch, Kaufmann / Gastwirt, geb. 26. Februar 1902, geh. 07. August 1933 Louise Marx, geb. in Weinheim am 04. Februar 1907, wh. Wilhelm: Hayingen in Lothringen, wh. Louise: Saarlouis 1

Matriken Hochzeit Wilhelm Kretsch und Louise Marx

Matriken Hochzeit Wilhelm Kretsch und Louise Marx


Sohn von Wilhelm Kretsch und Louise Marx:
Heinrich Kretsch, geb. 20. Mai 1934, Eltern wh.: Vichy, Frankreich, Besse-Str. 4


Material und Maße des Grabsteins

Diorit, 170/65/33

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