Archiv jüngerer jüdischer Friedhof Eisenstadt

Hermann (Zvi) Liebermann, 21. Schvat 697 (= Montag Abend, 01. Februar 1937)

Standortnummer: 222


Die Grabinschrift

Inschrift Hermann Liebermann: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] Ein Mann von edlem Geist, der selige Rabbinische, MORENU Zwi Liebermann, s(eine Ruhe) m(öge im Garten Eden sein). איש יקר רוח הרבני המנוח מוה צבי ליעבערמאן נ“ע
[2] Er verstarb am 21. Schvat 697. נפטר כא שבט תרצז
[3] H(ier ist) g(eborgen). פט
[4] Unser teurer Vater, d(ie Ehre) s(eines Namens), d(er ehrenhafte) H(err); ein Vorbild verließ uns heute. אבינו היקר כש כה מופת שבק לן היום
[5] In der Hand des Untadeligen, des Gerechten gegenüber seinen Freunden, waren die Tora und die Gottesfurcht. צדיק תמים לאהדים היו בידו תורה ויראת שמים
[6] In ihm war ein Raum der Heiligen Schriften, über die er nachsann Tag und Nacht. בו מקום מקרא שכתוב והגית בו יומם ולילה
[7] Die Tage seiner Jugend dienten dazu, ihn mit der Freiheit der Lehre zu erfüllen. ימי נעוריו זכו עם התרות הוראות אותו לכללה
[8] (Trotzdem) setzte er es sich nicht zum Ziel, einen Rabbinatssitz einzunehmen. לשבת על כסא רבנות לא שם מגמתו
[9] Seine Nachkommen lehrte er die Tora des lebendigen Gottes und den Dienst an Ihm. יוצאי חלציו למד תורת אלקים חיים ועבודתו
[10] Immer war er zur Stelle auf seinem Posten in der Gemeindeversammlung. עמד בפרץ על המשמר בקהל עדתו
[11] Er vermehrte die Fülle G(ottes) und kämpfte ständig für ihn. רב את רוב ה’ ולחם תמיד מלחמתו
[12] Ein Lehrer war er seinen Kindern, [wie] er selbst in seiner Jugend (Lehrer hatte). מורה לבניו ה’ הוא [כ]עצמו בילדותו
[13] In tr[euem] Glauben erzog er sie, bevor sie in den Jeschivot Aufnahme fanden. אמונ[ת] חן גדלם טרם מצא[ו] בישיבות מחסה
[14] Das Heiligtum wurde uns zerstört, oh weh, plötzlich ist die Sonne untergegangen. נחרב לנו המקדש אוי לנו פתאום באה החרסה
[15] Seine Seele möge im Guten ruhen und über uns Wahres aussagen. נפשו בטוב תלין וימליץ יושר עלינו
[16] Bis er auferste(hen) wird, möge er für uns ein Schutzschild sein. עדי יקום לתחי’ יהי מגן בעדינו
[17] S(eine) S(eele) m(öge eingebunden sein) i(m Bund) d(es Lebens). תנצבה
[18] Die Namen seiner Eltern waren Nataniel und Jente Liba. ושם אבותיו נתנאל ויענטא ליבא



Anmerkungen

Zeile 1-3: Die ersten beiden Zeilen sind in der Grabinschrift im Rundbogen geschrieben, die Einleitungsformel „Hier ist geborgen“ steht – aus dem Kontext genommen und nur der Form geschuldet – in Zeile 3.

Zeile 1: Die abbrevierte Euphemie nach dem Namen wurde aufgelöst in נוחו עדן, wörtl.: „sein Ruhen ist Eden“. Möglich wäre auch נשמתו עדן o.ä. „Seine Seele ist Eden“. „Eden“ wird als Aufenthaltsort der verschiedenen Seele verstanden, später als Wohnort der Seligen, aber auch als vollkommenster Ausdruck der Belohnung (s. Zunz L., Zur Geschichte und Literatur, Berlin 1845, 341ff).

MORENU bedeutet wörtlich „u(nser) L(ehrer), H(err)“. Den MORENU-Titel erhielten nur besonders gelehrte Männer, Bernhard Wachstein bezeichnet ihn als „synagogaler Doktortitel“ (siehe Bernhard Wachstein, Die Inschriften des Alten Judenfriedhofes in Wien, 1. Teil 1540 (?)-1670, 2. Teil 1696-1783, Wien 1912, 2. Teil, S. 15).

Zeile 6: Vgl. Josua 1,8 „…sollst du Tag und Nacht darüber nachsinnen…“ …והגית בו יומם ולילה….

Zeile 7: Das ה am Schluss des Verbs dürfte vor allem wegen des Reimes gesetzt worden sein.

Zeile 9: Vgl. Genesis 35,11 „…sollen aus deinen Lenden hervorgehen.“ …מחלציך יצאו.

Deuteronmium 5,23 אלהים חיים u.a.

Zeile 10: Psalm 106,23 עמד בפרץ; s. auch Ezechiel 22,30. Wörtl.: „Er sprang in die Bresche…“.

Jesaja 21,8 ועל משמרתי u.a.

Numeri 14,5 קהל עדת; s. auch Exodus 12,6 u.a.

Zeile 11: Wörtl.: „…und führte seinen Krieg“.

Zeile 14: Richter 14,18 יבא החרסה.

Zeile 15: Psalm 25,13 בטוב תלין.

Zeile 5-16: Akrostychon: Die Anfangsbuchstaben (inklusive des ersten Buchstabens des zweiten Wortes in Zeile 10) ergeben den hebräischen Vor- und Nachnamen des Verstorbenen (Zwi Liebermann) sowie die abbrevierte Euphemie „Seine Ruhe möge im Garten Eden sein“.


Biografische Notizen

Hermann (Zvi) Liebermann, Schächter und Kantor; geb. 01. Februar 1854 in Karácsonyfalva, Rumänien, gest. 01. Februar 1937 um 23 Uhr an Gehirnblutung; wh: Unterberg-Eisenstadt 17.
Sterbedatum: 23 Uhr war bereits der 21. Schvat.

Sterbematriken Liebermann Hermann, 01. Februar 1937

Sterbematriken Liebermann Hermann, 01. Februar 1937




Vater: Samuel (Nataniel) Liebermann
Mutter: (Jente Liba)
(in den Matriken nicht angegeben)


Ehefrau: Amalia (Anna) Neumann, geh. 03. Mai 1879 in Kobersdorf


Töchter:
Julia Liebermann
, geb. 07. Februar 1882, Fanni, geb. 16. September 1888 in Unterberg-Eisenstadt 16,

Mädchen ohne Name, geb. 12. Oktober 1891, gest. 14. Oktober 1891 an Leberschwäche in Unterberg-Eisenstadt 17

Söhne:
Bernhard Liebermann
, geb. 14. August 1880 in Eisenstadt 6,

Berthold Liebermann, geb. 29. März 1885,

Samuel Liebermann, geb. 29. Juni 1883,

Knabe ohne Name, geb. 05. November 1890, gest. 08. November 1890 an Krämpfen


Material und Maße des Grabsteins

Kalksandstein, 122/61/20

Archiv jüngerer jüdischer Friedhof Eisenstadt